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Kritik an Eckhart Tolle

Posted on May 5, 2018 at 3:45 PM


Nachdem ich etliche Male auf den Namen Eckhart Tolle gestoßen bin, habe ich nun endlich einmal dessen Hauptwerke The Power of Now - A Guide to Spiritual Enlightenment (dt.: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart) und A New Earth (dt. Eine neue Erde) gelesen. Außerdem habe ich mir eine Reihe von Youtube-Videos von ihm angeschaut.



Alles in allem fühle ich mich durch die Lektüre und das Anschauen der Videos enorm bereichert. Ein Teil meines Gefühls von Bereicherung rührt jedoch daher, dass für mich deutlich geworden ist, an welchen Stellen ich Tolles Lehre nicht folgen kann und warum ich froh bin, dass ich Inner Relationship Focusing beherrsche.



Zunächst einmal zum Positiven: Tolles Lehre steckt voller tiefer Weisheiten! Zwar kommen mir die meisten eigenartig bekannt vor - vieles davon habe ich auch schon woanders gelesen - Tolle verbindet die einzelnen Erkenntnisse jedoch auf eine Art und Weise, dass bei mir eine ganze Menge Groschen gefallen sind.



Besonders profitiert habe ich von Tolles Betonung, wie wichtig es ist, sich mit seiner Präsenz zu identifizieren, mit seinem wahrnehmenden Ich, und nicht mit den wahrgenommenen Bewusstseinsinhalten. (Im Inner Relationship Focusing sprechen wir ebenfalls von "Präsenz". Allerdings hat Präsenz bei uns etwas andere Qualitäten. Im Gegensatz zu Tolle, für den Präsenz lediglich eine neutrale Beobachterposition ist, beinhaltet unser Verständnis von Präsenz einen Zustand, in dem ich voller Empathie zu dem in Beziehung treten kann, was in mir vorgeht.)



Für Tolle ist Präsenz unser wahres Ich, unsere wahre, unzerstörbare Identität, die göttliche Essenz, die in allem Lebendigen wohnt, die alles mit allem verbindet und die unabhängig ist von unserer Vergangenheit und unseren individuellen Lebensumständen. Ich finde diesen Gedanken wunderschön und stimme ihm voll und ganz zu!



Allerdings verwendet Tolle teilweise Konzepte, die einem das Leben unnötig schwer machen und die sich als Stolpersteine entpuppen, wenn man sie unhinterfragt übernimmt. Ich möchte das einmal an Tolles Verwendung der Begriffe "Ego" und "Schmerzkörper" verdeutlichen und zeigen, warum der Umgang von Inner Relationship Focusing mit den zugrunde liegenden Phänomenen besser ist.



Für Tolle ist die Identifikation mit dem Ego die Wurzel allen Übels, die Krankheit, die es zu heilen gilt, will der einzelne Mensch und die Menschheit als ganze überleben. Das Ego stecke voller ankonditionierter Reaktionen, die der Zuwendung zum Hier und Jetzt im Wege stünden, in der Tolle den Weg der Heilung sieht. Für Tolle ist das Ego der Feind, den es zu besiegen gilt, indem man sich von ihm disidentifiziert.



Durch den Begriff "Ego" verdinglicht Tolle jedoch etwas, das es aus Focusing-Sicht überhaupt nicht gibt. Was genau ist denn "das Ego"? Für Tolle handelt es sich um eine Entität mit einem Eigenleben. Indem er eine innere Instanz heraufbeschwört, die bekämpft werden muss, einen inneren Feind, trägt er zu genau der inneren Spaltung bei, die er eigentlich überwinden will: Ich gegen mein Ego. Wenn er dann auch noch vom "Schmerzkörper" redet, zeigt sich, dass er immer noch der fatalen Annahme unterliegt, Geist und Körper seien voneinander getrennt, eine Annahme, die Focusing längst überwunden hat.



Aus Focusing-Sicht gibt es weder "das Ego" noch innere Feinde. Es gibt innere Prozesse, die ins Bewusstsein treten können. Einige dieser Prozesse, nicht alle, können das Resultat einer Fehlentwicklung sein, daher ist es gut, sich von ihnen zu disidentifizieren und sie in den Blick zu nehmen, etwa durch die Formulierung:



"Ich spüre ETWAS in mir, das..."


z.B.:


"Ich spüre etwas in mir, das ständig Angst hat."



Dabei handelt es sich jedoch um keinen inneren Feind, sondern um einen Teil der Persönlichkeit, der im tiefsten Innern zur positiven Gesamtentwicklung der Person beitragen will, auch wenn das zunächst nicht den Anschein hat. Tritt man aus der Präsenz heraus zu diesem Teil in Beziehung und hört ihm zu, wird sich sein positiver Kern enthüllen.



Wenn man jedoch stattdessen alle inneren Anteile, sowohl die problematischen als auch die unproblematischen (von denen es sehr sehr viele gibt), in einen Sack wirft, den man als "das Ego" bezeichnet, mit dem man am besten nichts zu tun hat, nimmt man ihnen die Chance, sich zu entwickeln und ihren Beitrag zu unserer Erhaltung und Entfaltung zu leisten.



Ähnliches gilt für Tolles Konzept vom "Schmerzkörper". Als jemand, der viele Focusing-Sitzungen anleitet, sehe ich fast tagtäglich, wie viel Reichtum und Lebensenergie in unserem Körper steckt - auch in den Bereichen, die schmerzen oder sich schlecht anfühlen. Es liegt eine große Verlockung darin, all das als "Schmerzkörper" zu etikettieren und sich davon abzuwenden. Wenn wir uns jedoch stattdessen diesen Bereichen zuwenden und in Beziehung zu ihnen treten, so wie es uns Gene Gendlin, der Begründer von Focusing, gezeigt hat, wandeln sich solche Empfindungen. Das kann jeder erleben, der es einmal ausprobiert - am besten unter Anleitung.



Gendlin schreibt:



"Every bad feeling is potential energy toward a more right way of being [...]".

("Jedes schlechte Gefühl ist potentielle Energie hin zu einer richtigeren Art und Weise zu leben [...]")



Zusammenfassend kann man sagen, dass auch wir Focusing-Leute uns von dem disidentifizieren, was sich problematisch anfühlt, und damit in Präsenz gehen. Anstatt es aber dabei zu belassen, wie Tolle es vorschlägt, treten wir anschließend zu unserem Erleben auf die für Focusing typische Weise in Beziehung, so dass es sich aus sich selbst heraus wandeln und entwickeln und seinen Reichtum entfalten kann.



Problematische Bereiche unserer Persönlichkeit und unseres körperlichen Erlebens (oder unseres "Egos" und "Schmerzkörpers", wie Tolle es bezeichnet) KÖNNEN und WERDEN heilen und einen positiven Beitrag für unser Leben und somit das Leben der Menschheit als ganzer leisten, wenn wir uns ihnen zuwenden, anstatt uns von ihnen abzuwenden. Übernimmt man jedoch Tolles Konzepte vom "Ego" und vom "Schmerzkörper", bleibt das, was eigentlich möglich wäre, stecken.



Ich vermute, dass viele von Tolles Anhängern das spüren können. Während man Tolle liest oder sich seine Videos anschaut und vielleicht auch noch in der Zeit danach, ist man ganz hin und weg. Doch schon kurz darauf ergreifen "das Ego" und "der Schmerzkörper" schon wieder Besitz von einem - und das immer und immer wieder. Möglicherweise glauben dann die Menschen, denen das passiert, dass sie es immer noch nicht richtig verstanden haben und dass sie sich noch ein Video anschauen oder noch ein Buch lesen müssen.



All diesen Menschen sei gesagt: Nein! Ihr macht nichts falsch! Wendet euch einfach aus der Präsenz heraus, die ihr von Tolle gelernt habt, ganz konkret dem zu, was ihr in euch spürt, und geht liebevoll damit um! Darin liegt der wahre Weg zum Wachstum!



Hören Sie sich auch das folgende Gespräch über Eckhart Tolle aus einem meiner Seminare an:




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