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"Es aushalten":

Die Alchemie gemischter Gefühle

Ann Weiser Cornell

In Zusammenarbeit mit Barbara McGavin

Erschienen in The Focusing Connection, Juli 1996

(Ins Deutsche übertragen von Arno Katz)

Wenn wir widersprüchliche Gefühle empfinden, wenn wir in zwei unterschiedliche Richtungen gezerrt werden, wenn wir in eine innere Auseinandersetzung verwickelt sind, ist es sehr schwer, auf fokussierende Art und Weise beiden Seiten Gesellschaft zu leisten. Das ist jedoch das Einzige, was eine Lösung des Konfliktes zur richtigen Zeit und unter Einbeziehung und Anerkennung aller Teile des Selbst ermöglicht.

 

 

In unserer Arbeit, die wir „Treasure Maps to the Soul“ nennen, ist „Es aushalten“ die Bezeichnung, die wir für den inneren Prozess verwenden, der es zwei scheinbar gegensätzlichen Teilen erlaubt, im Körper vorhanden zu sein, und der es ermöglicht, beiden Gesellschaft zu leisten. Wenn der Fokussierende beispielsweise sowohl Furcht als auch Aufregung bei dem Gedanken verspürt, sich weiterzuentwickeln, bedeutet „Es aushalten“, der Furcht und der Aufregung zu erlauben, da zu sein, und beiden zuzuhören. Wenn sich der Fokussierende eines Teiles seiner selbst bewusst ist, der seinen Job an den Nagel hängen möchte, und ebenfalls eines Teiles, der ihn behalten möchte, bedeutet „Es aushalten“, beiden Teilen Raum zum Atmen zu geben und es jedem zu ermöglichen, seine Geschichte zu erzählen.

 

 

Das Es-Aushalten ist schwer. Es ist viel einfacher, sich mit einem der Teile zu identifizieren, als bei beiden zu bleiben. Wenn man mit einem Teil identifiziert ist, sagt man „Ich habe Angst“ oder „Ich bin aufgeregt“ anstelle von „Ein Teil von mir hat Angst, ein Teil von mir ist aufgeregt“. Sich mit einem Teil zu identifizieren ist, als würde man Partei ergreifen. Anstatt in der Lage zu sein, jedem einzelnen voll und ganz zuzuhören, wird der Fokussierende zu einem Parteigänger. Wir nennen diesen Prozess der einen oder anderen Seite „verfallen“. Wenn ich eigentlich sowohl Angst als auch Aufregung spüre und ich der Angst verfallen bin, dann ist mir nur die Angst bewusst. Ich habe Angst. Es gibt keinen Raum für die Aufregung und keinen Beistand für sie. Und obwohl die Angst viel Raum hat, hat auch sie auf eine Weise keinen Beistand. Es existiert kein inneres „Ich“, das der Angst „Hallo“ sagen und sie bitten kann, mehr von sich zu erzählen. Mein Universum ist Angst.

 

 

Wenn der Fokussierende das Gleichgewicht beim Es-Aushalten verliert, ist es glücklicherweise gewöhnlich recht einfach, dieses wiederzuerlangen. Man erkennt einfach den Teil, mit dem man identifiziert ist, als Teil an. „Ich habe Angst… O.k., ein großer Teil von mir hat Angst!“ Normalerweise erzeugt das Raum dafür, auch den anderen Teil anzuerkennen. „Und jetzt wird mir klar, dass ein anderer Teil von mir aufgeregt ist.“ Nun kann der Fokussierende die Entscheidung treffen, beiden Gesellschaft zu leisten. „Ich lasse sowohl die Angst als auch die Aufregung da sein.“

 

 

Für die Focusing-Gemeinde ist es nicht neu, beide Teile anzuerkennen und jedem einzelnen anschließend zuzuhören. Das Es-Aushalten beinhaltet das und mehr. In der Vergangenheit hätten wir gesagt: „Ich fühle Angst und Aufregung. Ich sage beiden „Hallo“ und spüre, was zuerst meine Aufmerksamkeit braucht.“ Beim Es-Aushalten würden wir sagen: „Ich sage beiden „Hallo“ und erlaube beiden, da zu sein. Ich spüre, wie es sich in meinem Körper anfühlt, ängstlich und aufgeregt zu sein.“ Erst wenn wir eine Weile mit beiden Teilen verbracht haben, würden wir anfangen, den einen oder den anderen zu erforschen. Und selbst die Erforschung wird innerhalb eines größeren Bewusstseins dafür vorgenommen, dass beide Teile vorhanden sind, irgendwo.

 

 

Bevor wir mehr sagen, müssen wir das Es-Aushalten mit unserer Theorie der inneren Beziehung in Zusammenhang bringen. In der inneren Beziehung gibt es drei Typen der Relation zwischen „Ich“ und „Es“, zwischen Fokussierendem und seinem Erleben. Der erste Typ, der schon erwähnt wurde, ist die Identifikation. Identifikation wird ausgedrückt als „Ich bin…“. Der zweite Typ ist die Dissoziation. Diese kommt zum Ausdruck als „Ich bin nicht…“. Der dritte Typ ist die Mittelposition: „Ein Teil von mir ist…“. Im Gegensatz zu den ersten beiden Typen umfasst der dritte Disidentifikation und Assoziation. Weder „Ich bin traurig“ noch „Ich bin nicht traurig“, sondern „Ein Teil von mir ist traurig“, „Ich spüre Traurigkeit“, „Etwas in mir ist traurig“ oder „Es gibt eine traurige Stelle in mir“. Der dritte Typ ist der Ort, von dem aus Focusing geschehen kann. Um Focusing möglich zu machen, müssen wir dem inneren Erleben des Fokussierenden helfen, von der Identifikation zur Disidentifikation fortzuschreiten und von der Disidentifikation zur Assoziation. Beide Schritte sind vollzogen, wenn der Fokussierende beispielsweise sagen kann: „Ein Teil von mir ist aufgeregt und ein Teil von mir hat Angst.“

 

 

In schwierigen, dauerhaft festgefahrenen Lebenssituationen existiert immer ein Teil von uns, der sich außerhalb des Bewusstseins befindet (dissoziiert), und ein weiterer Teil, der sich wie das anfühlt, was wir sind (identifiziert.) Deshalb ist das Es-Aushalten so mächtig – und so schwer. Der bekannte Teil ist der identifizierte/ dissoziierte. „Ich bin aufgeregt! Angst? Ich doch nicht! Ich habe keine Ahnung, warum ich feststecke…“

 

 

Der Prozess des Es-Aushaltens kann in vier Schritte unterteilt werden: Erstens, sich bewusst zu werden, dass Es-Aushalten nötig ist, das bedeutet, sich darüber klar zu werden, dass es zwei Teile gibt, die beide Beistand brauchen. Das allein kann sehr heikel sein! Wenn der Fokussierende mit einem Teil identifiziert ist, dann fühlt dieser sich nicht wie ein „Teil“ an, er fühlt sich an wie „Ich“. Manchmal ist es am Einfachsten, diese Situation zu bemerken, wenn das „Ich“ mit einem Teil kämpft, ihn wegschiebt oder versucht, ihn zu reparieren oder zu retten. Was dem Fokussierenden als „Ich“ erscheint, kann dann als ein weiterer Teil anerkannt werden, der Aufmerksamkeit braucht. „Ich will mich mit diesem Teil von mir streiten. Oh! Ich schätze, ich muss dem Teil von mir ‚Hallo‘ sagen, der streiten will.“

 

 

Zweitens muss der Fokussierende beide Teile anerkennen. „Es gibt also einen Teil von mir, der meinen Job an den Nagel hängen will, und es gibt einen anderen Teil von mir, der mit jenem streiten will. Ich sage zu beiden ‚Hallo‘. Beide sind da.“

 

 

Drittens erlaubt der Fokussierende beiden Teilen, vorhanden zu sein, ohne Partei zu ergreifen und ohne eine Entscheidung oder voreilige Lösung zu erzwingen. Das ist schwer. Hier zeigt der Name „Es-Aushalten“ seine Bedeutung. Menschen, für die Focusing neu ist, werden es wahrscheinlich mühsam finden, „die Hitze auszuhalten“, beiden Teilen zu erlauben zu existieren, ohne noch mehr zu tun. Es gibt eine häufige Neigung zu sagen: „Ich muss bleiben oder gehen. Beides kann ich nicht. Ich sollte eine Entscheidung treffen und es hinter mich bringen.“ Wenn es dem Fokussierenden jedoch gelingt, einfach bei allem zu bleiben, was da ist, dann wird die harte Arbeit des Es-Aushaltens belohnt mit einer Verwandlung, die sich magisch anfühlt, weil sie vom logischen Verstand nicht hätte vorhergesagt werden können.

 

 

Viertens spürt der Fokussierende in jeden Teil mit Mitgefühl und Empathie hinein und erlaubt jedem Teil, mehr über seinen Standpunkt zu enthüllen. Das kann bewerkstelligt werden, ohne Partei zu ergreifen. Der Fokussierende befindet sich in der Rolle eines Zuhörers für jeden Teil. Es macht im Großen und Ganzen keinen Unterschied, welcher zuerst dran kommt, solange klar ist, dass jeder an die Reihe kommt. Manchmal ist es vorzuziehen, mit dem dissoziierten Teil anzufangen, weil dieser vermutlich schon länger darauf wartet, gehört zu werden. Ein anderes Mal ist es vielleicht wichtiger, mit dem anzufangen, was am Deutlichsten im Bewusstsein hervortritt. Der Trick besteht in jedem Fall darin, Identifikation mit einem Teil oder seinem Widersacher zu vermeiden. Daher betonen wir, nicht zu widersprechen und auch nicht zuzustimmen, wenn man dem Standpunkt eines Felt Sense zuhört. Widerspruch und Zustimmung sind Zeichen einer Identifizierung.

 

 

Die Magie des Es-Aushaltens entsteht dadurch, dass man alles, was da ist, anerkennt und es hört. Alle Teile können zum richtigen nächsten Schritt beitragen, welcher nicht logisch abgeleitet, sondern körperlich gespürt werden kann. Unsere Kultur hat bisher nicht die Möglichkeit erkannt, aus zwei Gegensätzen etwas zu gewinnen, was keinen Kompromiss darstellt, keinen mittleren Weg und keine Entscheidung, sondern einen wahrhaftig inneren Konsens – einen Weg voran, der sich für alle Teile wirklich passend anfühlt. Diese Magie kann auf alle Arten festgefahrener Situationen angewendet werden, wie etwa die Angst/ Aufregung, wenn man vor etwas Neuem steht, das Festhalten an/ Loslassen von einer Entscheidung, das Angezogen-Sein/ Abgestoßen-Sein in einer Beziehung, das Wollen/ Nicht-Wollen bei einer Handlungsblockade oder das Verlangen/ Sich-Schämen bei einer Sucht.

 

 

Wir müssen hervorheben, dass das Es-Aushalten Teil einer größeren Theorie ist und durch andere Techniken noch wirksamer gemacht werden kann. Das Es-Aushalten für sich allein bringt jedoch eine gewisse Faszination mit sich, wenn wir die Dankbarkeit der einzelnen Teile spüren, sobald man sie ohne zu drängen hört und sobald wir einen größeren Raum schaffen, der alle Teile würdigt und einbezieht, ohne einige von ihnen zu verleugnen.

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