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Das Paradoxon des Wandels

Posted on November 2, 2019 at 4:45 AM

"Das seltsame Paradoxon ist, dass ich mich wandeln kann, wenn ich mich genau so akzeptiere, wie ich bin", schreibt Carl Rogers, der Begründer des Personenzentrierten Ansatzes und der sogenannten Gesprächspsychotherapie.






Und tatsächlich machen viele Menschen die Erfahrung, dass es sich im Inneren besser anfühlt, wenn man etwas, das man lange bekämpft hat, so annimmt, wie es ist. Das Erstaunliche ist, dass es in dem Moment häufig seine Form verändert.





Ein Beispiel: Nach jahrelangem Kampf gegen aggressive, explosive innere Anteile seiner selbst, akzeptiert man endlich, dass sie da sind. Und plötzlich fühlen sie sich nicht mehr explosiv an, sondern eher wie eine reife Form der Selbstbehauptung, die man sehr gut kontrollieren kann.





Wenn ich das einmal beobachtet habe, könnte ich in Zukunft versuchen, etwas in mir, das mich stört, einfach zu akzeptieren, damit es sich verändert. Doch das funktioniert leider nicht. Es stört mich ja und deswegen kann ich es nicht akzeptieren. Wie kann man diese paradoxe Situation auflösen?





Zunächst einmal, indem ich mir bewusst mache, dass nicht ich MICH annehmen muss, sondern ETWAS in mir. Da bin ICH, der wahrnimmt und spürt, und da ist ETWAS, das sich nicht so entwickelt hat, wie es nötig gewesen wäre, beispielsweise etwas, das in bestimmten Situationen explosiv wütend wird. Und ICH kann eine Beziehung zu dem ETWAS aufnehmen und sagen: "Ja, du bist wirklich da!"





Das bedeutet aber nicht, dass ich mich ihm einfach ergebe und nicht daran arbeite. Vielmehr schafft meine Beziehung zu dem explosiven Etwas einen geschützten Raum, in dem es erst einmal sein und atmen kann. In diesem Raum kann ich es dann erforschen: Wie fühlt es sich an? Wie sieht es aus? Was möchte es für mich erreichen? Und vielleicht auch: Woher kommt es?





Und dann verwandelt es sich, denn (fast) nichts in uns ist ein für alle mal so, wie es gerade ist. Alles befindet sich im Wandel, ist ein Prozess. Dieser Prozess kann stecken bleiben und dann fühlt es sich so an, als wäre da etwas in Stein gemeißelt. Der Prozess kann aber auch wieder in Fluss geraten und dann verändere ich mich.





Wenn ICH in Beziehung trete zu ETWAS in mir, das sich nicht gut anfühlt, und ihm Raum gebe und akzeptiere, dass es da ist, auch wenn es mir (oder anderen Teilen von mir) nicht gefällt, kann es auftauen und wieder zu dem Prozess werden, der es eigentlich ist. Und das ist kein Paradoxon, sondern schlicht und ergreifend das Leben!

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