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Focusing - eine Methode neben vielen anderen?

Posted on April 22, 2019 at 4:00 PM Comments comments (0)

Focusing wird häufig als eine Methode dargestellt, die gleichberechtigt neben vielen anderen steht. Es gibt die Gewaltfreie Kommunikation, Meditation, Yoga, die unterschiedlichsten psychologischen Schulen und unzählige andere Wege, um zu sich selbst und anderen Menschen zu finden - und es gibt eben auch Focusing.





Es ist vollkommen berechtigt, Focusing neben all die anderen Methoden zu stellen, denn wir haben eine Vorgehensweise, die sich deutlich von diesen unterscheidet. Kern dabei ist die Kontaktaufnahme zu unseren sogenannten Felt Senses, zu unserer körperlich spürbaren Resonanz auf vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Lebenssituationen. Die Dimension des Felt Senses spielt in anderen Methoden kaum eine Rolle, auch wenn sich einige inzwischen des Begriffes „Felt Sense“ bedienen, den Eugene Gendlin, der Begründer von Focusing, geprägt hat. (Meist wird dieser Begriff aber missverstanden.)





Focusing kann tatsächlich jedoch noch viel mehr sein als eine Methode neben anderen. Für mich persönlich ist Focusing eine Meta-Methode, die die Fähigkeit vermittelt nachzuspüren, welche anderen Methoden zu mir passen und für mich funktionieren. Was fühlt sich gut für mich an und was nicht? Vielleicht gibt es einzelne Elemente anderer Vorgehensweisen, die mir weiterhelfen?




Ich selbst habe gute Erfahrungen gemacht mit der Gewaltfreien Kommunikation, mit Vipassana-Meditation, Chi-Gong und verschiedenen psychologischen Schulen, wie beispielsweise dem personenzentrierten Ansatz nach Rogers und der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth. Erkenntnisse aus diesen Ansätzen haben mich ungemein bereichert und ich würde auf nichts davon verzichten wollen.





Außerdem nutze ich all diese Wege mit einer Focusing-Orientierung, indem ich bei allen Schritten, die ich mir dort entliehen habe, Kontakt herstelle zur Felt-Sense-Dimension, zum ganz konkret um Körper spürbaren Erleben – sowohl bei mir selbst als auch bei meinen Klienten. So entgeht man der Entweder-oder-Falle - entweder betreibe ich Focusing oder Gewaltfrei Kommunikation, aber nicht beides gleichzeitig. Wenn ich immer wieder in meinen Körper hinein spüre, egal was ich gerade mache, ist es möglich, Focusing mit allen anderen Methoden zu kombinieren. Dadurch werden diese Methoden effektiver und Focusing selbst auch.





In diesem Sinne ist Focusing tatsächlich eine Meta-Methode.

Focusing und Somatic Experiencing

Posted on April 15, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

In der letzten Zeit melden sich immer wieder Leute bei mir, die entweder Somatic-Experiencing-Sitzungen nach Peter Levine gemacht haben oder die selbst eine Somatic-Experiencing-Ausbildung absolvieren. Meist kommt dann die Frage auf, wie sich Focusing davon unterscheidet. Beide Methoden sind sich in der Tat so ähnlich, dass man meinen könnte, sie hätten dieselben Wurzeln. Doch das ist nicht so.




Focusing ist aus der Synthese des philosophischen Werks Eugene Gendlins und seiner Pionierarbeit im Bereich der Psychotherapie entstanden, und zwar in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, also deutlich vor Somatic Experiencing.




Dieses geht auf die Arbeit Peter Levines mit Menschen zurück, die ein Schocktrauma erlebt haben, wie beispielsweise Autounfälle, Krieg oder Vergewaltigung. Dabei wird besonders auf Bewegungen geachtet, die spontan entstehen und Ausdruck eines unvollendeten Angriffs- oder Fluchtimpulses sind. Kann sich die im Nervensystem aufgestaute Energie entladen, flaut das Trauma nach und nach ab.




Peter Levine hat zwar die Schriften Eugene Gendlins gelesen und dessen Konzept des "Felt Sense" übernommen (einer Körperempfindung mit einer Bedeutung oder Botschaft), trotzdem handelt es sich bei Somatic Experiencing um eine eigenständige Methode mit etwas anderen Schwerpunkten und einem eingeschränkteren Anwendungsbereich - nämlich der Verarbeitung von Schocktraumata.




Demgegenüber hat Focusing einen viel weiteren Anwendungsbereich. Wir spüren in unseren Körper, um herauszufinden, welche Bedürfnisse wir haben und was sich für uns richtig anfühlt. Außerdem geht es uns um die Heilung alter Verletzungen, vor allem der Wunden, die Entwicklungstraumata hinterlassen haben. Auch Schocktraumata können mit Focusing verarbeitet werden, jedoch sollte dies im Rahmen einer Psychotherapie bei einem kompetenten Psychotherapeuten geschehen.




Zusammenfassend kann man sagen, dass denjenigen von uns, die ein einzelnes oder mehrere einzelne schlimme Erlebnisse, wie Vergewaltigung, Unfälle oder Gewalt, erlebt haben, durch Peter Levines geniales Somatic Experiencing geholfen werden kann. Diejenigen von uns, die auf der Suche nach einer Methode sind, mit der sie sich selbst und andere im Alltag unterstützen und erforschen können, und die alte emotionale Wunden heilen wollen, sind vermutlich bei Focusing besser aufgehoben.

Diagnosen aus Focusing-Sicht

Posted on April 8, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Die Welt der Psychologie ist voller Diagnosen. Diejenige, die ich am häufigsten bei Erwachsenen höre, lautet "Depression" und bei Kindern und Jugendlichen "AD(H)S". Andere Diagnosen, von denen Menschen mir berichten, sind "Neurosen", "Schizophrenie", "Introjektionen", "Borderline-Störungen" und medizinisch klingende Begriffe, manchmal auch lateinischer Herkunft, die so kompliziert sind, dass ich sie mir nicht merken kann.




Bei solchen Begriffen handelt es sich aus meiner Sicht um Etiketten, die einer bestimmten Ansammlung von Symptomen aufgeklebt werden, um sie irgendwie handhabbar zu machen und darüber reden zu können.




Vielleicht macht das Sinn, um bei Krankenkassen Leistungen für dringend benötigte Hilfe abrufen zu können. Manchmal schafft es für die Betroffenen auch eine gewisse Erleichterung, endlich ein Wort zu haben, das einem erklärt, was mit einem angeblich los ist.




Häufig handelt es sich aber auch um ein Stigma, das nur schwer zu ertragen ist. Wer möchte seinen Kollegen schon erklären, dass sie in der nächsten Zeit die ganze Arbeit alleine machen müssen, weil er oder sie eine "post-traumatische Belastungsstörung" hat?




Aus Focusing-Perspektive sind all diese Etiketten und Kunstwörter, die man teilweise kaum aussprechen kann, komplett nutzlos. Wir Focusing-Leute diagnostizieren nicht und wenn uns ein Mensch, mit dem wir arbeiten, mit einem solchen Label konfrontiert, das ihm woanders aufgeklebt wurde, übernehmen wir den Jargon nicht und laden die Person stattdessen ein, ganz konkret in ihrem Körper nachzuspüren, wie sich "all das, was damit zu tun hat" dort anfühlt.




Wo kann sie das, was andere als "Neurose" bezeichnen, spüren? Wie fühlt es sich an? Ist es ein Ziehen oder Stechen oder Drücken? Hat es eine Farbe oder Form oder Temperatur? Wie ist die emotionale Qualität? Traurig? Verzweifelt? Ängstlich? Wütend? Oder fühlt es sich von seinem Standpunkt aus überraschenderweise gut an, wie das bei sogenannten "Perversionen" meistens der Fall ist?




Dieses ganz konkrete Nachspüren im Körper öffnet Tore für einen Veränderungsprozess, der verschlossen bleibt, wenn wir lediglich ÜBER das zugrundeliegende Erleben sprechen und mit Begriffen um uns schmeißen. Wenn innere Zustände ein Fachwort aufgeklebt bekommen, das im besten Fall Ehrfurcht einflößt und im schlechtesten Angst, wie beispielsweise "Psychose", dann wird der Heilungsprozess, der eigentlich möglich wäre, verhindert.




Wenn Ihnen also eine Diagnose ausgestellt wurde, dann legen Sie diese einmal eine Weile beiseite und spüren Sie nach, wie sich das, worum es geht, in Ihrem Körper anfühlt, und seien Sie offen für das, was Sie dort wahrnehmen. Das ist der Focusing-Weg!

Focusing im Intimbereich

Posted on April 1, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

In der Focusing-Welt ist Sex noch immer unerforschtes Territorium, der schwarze Kontinent, über den man kaum redet und in den man sich nicht so recht hineinwagt.




Bei der Betonung, die wir Focusing-Leute auf den Körper legen, ist das schon sehr erstaunlich. Zwar wird immer wieder gesagt, es sei okay, auf sexuelle Themen zu fokussieren, man müsse seinem Focusing-Begleiter ja nicht unbedingt mitteilen, womit man sich innerlich gerade beschäftige, und im Zweifelsfall könne man ja auch alleine fokussieren. Der Intimbereich wird dann jedoch beim ganz konkreten Fokussieren ausgespart. Wir spüren in den Brustraum, den Magen und den Bauch, noch tiefer gehen wir meistens aber nicht.






Eine Ausnahme bildet meine unerschrockene israelische Focusing-Kollegin Kati Kimchi, die echte Pionierarbeit leistet, indem sie Focusing-Sitzungen anbietet, in denen es ganz explizit um Sexualität geht.




Kimchi berichtet, dass Focusing in die intimen Zonen genauso und auch genauso gut funktioniert wie das Fokussieren in andere Bereiche des Körpers. Wenn man mit seiner Aufmerksamkeit achtsam in die Genitalien hineinspürt und geduldig zuhört, was von dort aus mitgeteilt werden möchte, sagt sie, dann lernen wir sehr viel über uns selbst und auch darüber, was wir wirklich wollen und was wirklich gut für uns ist.




Gleichzeitig sei Focusing in den Intimbereich sehr geeignet, Innere Kritiker oder Innere Moralapostel auf den Plan zu rufen, die dann ebenfalls gehört und durch einen Prozess geführt werden können.




Wenn wir auf diese Weise in uns Hineinspüren, furchtlos und voller Mitgefühl, dann entfalten sich wundervolle und heilsame Prozesse, so Kimchi.




Für mich macht all das einen tiefen Sinn. Und niemand hindert uns daran, in diesem Feld zu experimentieren.

Soforthilfe bei einem fragmentierten Ich

Posted on March 25, 2019 at 7:00 PM Comments comments (0)

Wenn ich Focusing-Sitzungen gebe, macht es mich immer wieder traurig, wie viele Menschen an einem fragmentierten Ich leiden, einer Persönlichkeit, die zerrissen wird von inneren Kämpfen und Widersprüchen.






Innere Anteile zerren die Person in verschiedene Richtungen, etwas möchte beispielsweise in der gegenwärtigen Partnerschaft bleiben und etwas möchte ausbrechen, Emotionen überschlagen sich wie eine außer Kontrolle geratene Achterbahn - Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Einsamkeit etc. - und dann melden sich auch noch innere Stimmen, die einem Vorwürfe machen, dass es so ist, wie es ist, und dass eigentlich alles ganz anders sein könnte, wenn man sich nur ein wenig mehr anstrengen würde. Und darauf reagieren natürlich wieder innere Anteile mit Scham, einem Gefühl der Wertlosigkeit oder schierer Verzweiflung. Von den körperliche Auswirkungen all dessen ganz zu schweigen!




Die Wahrheit ist, dass der Prozess, die verschiedenen Fragmente des Ichs wieder zu integrieren, teilweise sehr langwierig sein kann. Einige Teile lassen sich recht schnell in die Ganzheit zurückführen, für andere braucht man unter Umständen Jahre.




Auch ich bin von einer solchen inneren Zerrissenheit nicht verschont geblieben und musste auf die schmerzhafte Art und Weise lernen, was funktioniert und was nicht. So habe ich zu Focusing gefunden.




Der Focusing-Prozess zielt in seiner Essenz darauf ab, die einzelnen Anteile der Persönlichkeit wieder zu einem geschlossenen Ganzen zusammen zu setzten. Wie kann man das tiefe Leiden, dass Menschen auf dem Weg dorthin empfinden, sofort ein wenig mildern?




Hier ist, was ich mache und was fast immer zu einer Verbesserung des Zustandes führt: Ich unterstütze Menschen darin, aus der Identifikation mit den Einzelteilen herauszutreten und sich mit dem wahrnehmenden Ich zu identifizieren, mit dem, was all die scheinbar chaotischen und außer Kontrolle geratenen Teile spüren und sehen kann, mit dem Ich, das all den Fragmenten gegenüber treten kann. Dafür gibt es zahlreiche sprachliche Formulierungen, z.B.:




"Und erinnern Sie sich daran, dass Sie derjenige sind, der das, was Angst hat, wahrnehmen kann. Das, was Angst hat, ist da und Sie sind auch da."




Dabei betone ich immer ganz besonders das Wort "Sie".




Diese Intervention führt in sehr vielen Fällen zu einer neuen Perspektive auf sich selbst und das eigene Leid. Diese ermöglicht Mitgefühl für sich selbst und bringt Erleichterung und neue Handlungsmöglichkeiten.




Der eigentliche Prozess der Heilung, der die einzelnen Fragmente wieder zu einer organischen und robusten Einheit zusammensetzt, profitiert davon und baut darauf auf.

In den Eingeweiden leben

Posted on March 19, 2019 at 10:40 AM Comments comments (0)

Was ist die wichtigste Botschaft, die ich als Focusing-Trainer vermitteln möchte? Was ist der wichtigste Tipp von allen, die ich jemals gegeben habe? Was ist der eine Schritt, den meine Focusing-Schülerinnen und Focusing-Schüler in ihr Leben integrieren sollten, selbst wenn sie alles andere, was sie bei mir gelernt haben, wieder vergessen?




Meine Antwort lautet: Leben Sie in Ihren Eingeweiden! Eigentlich müsste ich sagen: "Leben Sie in Ihrem Körper!", doch das Verständnis davon, was mit "Körper" gemeint ist, ist so mannigfaltig, dass ich viele Menschen damit auf die falsche Fährte locken würde. Also sage ich: "Leben Sie in Ihren Eingeweiden!", weil das ganz präzise in den Bereich führt, den ich meine.




Lassen Sie mich das genauer erklären: Wir stehen mit unserem Körper in der Welt und leben in ihm und aus ihm heraus. Alles, was in uns und um uns herum passiert, löst eine körperlich spürbare Resonanz in uns aus - das, was wir im Focusing Felt Sense nennen.




Angenommen, Sie treffen eine Entscheidung und spüren, wie sich etwas in ihrem Bauch öffnet und leichter wird. Und da, wo früher eine Enge im Hals war, fühlt es sich plötzlich freier an. Dann geht die Entscheidung - oder etwas an der Entscheidung - vermutlich in die richtige Richtung für Sie.




Oder Sie spüren in dem Moment, in dem Sie Ihre Entscheidung in die Tat umsetzen wollen, dass sich im Herzbereich auf einmal etwas verkrampft und schwer wird wie Blei. In dem Fall ist es vielleicht eine gute Idee, sich noch mehr Zeit zu nehmen für die Entscheidung und noch einmal ganz genau nachzuspüren.




Wenn Sie auf diese Weise mit einem Teil Ihrer Aufmerksamkeit in Ihrem Körper leben - in Ihren Eingeweiden - wenn ein Teil Ihres Bewusstseins im Bereich von Hals, Brust, Bauch und Magen ruht, während Sie in Ihrem Alltag stehen, und Sie spüren, was dort gerade passiert, dann leben Sie in einem tieferen Kontakt mit sich selbst.




Natürlich ist das manchmal nicht leicht, denn oft sind es unangenehme Empfindungen, die wir dort spüren. Wenn wir jedoch nicht unserer kulturellen Prägung folgen und uns von unserem körperlichen Erleben, dem, was wir in unseren Eingeweiden wahrnehmen, abwenden, sondern uns ihm stattdessen zuwenden, lernen wir sehr viel über uns selbst und auch über die Situationen, in denen wir uns befinden.




Diese Informationen brauchen wir, um ein Leben führen zu können, das unserem Wohlbefinden dient und unserem wahren Wesen entspricht.

Willenskraft vs. Achtsamkeit

Posted on March 11, 2019 at 7:00 PM Comments comments (0)

"Ich muss mich einfach nur ein bisschen mehr anstrengen! Mit genug Willenskraft schaffe ich das schon! Meinen inneren Schweinehund überwinden! Ich ziehe das jetzt durch!"






Die Auffassung, dass wir unsere Ziele erreichen können, wenn wir uns einen Vorsatz fassen und genug Willenskraft dafür aufbringen, wird aus meiner Sicht völlig überbewertet. Haben Sie nicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass Sie sich etwas vorgenommen haben, voller Energie und Tatendrang haben Sie sich eine Weile dem neuen Projekt gewidmet, und kurz darauf sind Sie in die alten Muster zurückgefallen, verbunden mit einem Gefühl des Gescheitert-Seins und der Frustration? Woran liegt das?





Willenskraft bedeutet in der Regel, dass wir uns mit einem Teil von uns identifizieren, dass wir für diesen Teil Partei ergreifen und andere Teile oder Stimmen, die es vielleicht auch noch in uns gibt, überfahren, platt walzen oder beiseite schieben.




Wenn die Energie, die wir dafür aufgebracht haben, verbraucht ist, kehren all die unterdrückten Aspekte und Seiten unserer selbst mit aller Macht zurück und fordern ihr Recht ein dazusein, beispielsweise, wenn ich mir verbiete, jemals wieder Schokolade zu essen, und dann nach ein paar Wochen, in einem schwachen Moment, überkommt mich eine Fressattacke. Wenn Willenskraft nicht funktioniert, was dann?




Aus meiner Sicht lautet die Antwort: Achtsamkeit, Bewusstsein, Präsenz. Was wir brauchen, ist eine wertschätzende, achtsame, empathische, wertungsfreie Beziehung zu ALL unseren inneren Impulsen und Strebungen, keine Bevorzugung eines Teils gegenüber einem anderen.




Wenn wir spüren, dass da der Impuls ist, mit aller Willenskraft ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann braucht DAS unsere Aufmerksamkeit. Und wenn wir spüren, dass in unserem Innern dem etwas entgegensteht, dass sich etwas wehrt oder widersetzt, dann benötigt auch DAS unsere Zuwendung.




Mit Focusing können wir beide Seiten durch einen Prozess führen, der uns ihren Kern enthüllt, das, was sie auf tiefster Ebene antreibt. Von dort aus kann sich ein Weg entwickeln, der allen Seiten gerecht wird und den inneren Kampf beendet.

Inneres Erleben beschreiben

Posted on March 4, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Einer der wichtigsten Focusing-Schritte ist, dass wir unser inneres Erleben beschreiben. Das könnte etwa wie folgt klingen:







"Ich spüre ein Ziehen in meiner Brust. Nein... Ziehen passt nicht richtig... eher wie ein Drücken... gedrückt werden... Nein, zerdrückt werden! Es ist irgendwie schwarz und platt... wie ein Teerklumpen, über den eine Dampfwalze gefahren ist... Und da steckt auch ein Gefühl drin... Festgefahren! Etwas in mir fühlt sich so! Plattgedrückt und festgefahren!"




Warum machen wir das? Warum ist das so wichtig? Ich sehe zwei Gründe:




Wenn wir ein inneres Erleben in all seinen Nuancen beschreiben, sind wir nicht länger darin gefangen. Es ist so, als würden wir einen Schritt zurücktreten und uns dieses Erleben aus etwas Abstand anschauen. Schon das allein bringt eine gewisse Erleichterung. Wir sind unseren Empfindungen nicht länger passiv ausgeliefert, sondern wenden uns ihnen aktiv zu und beschreiben sie.




Der zweite Grund ist aber noch viel wichtiger. Es ist die große Entdeckung Eugene Gendlins, des Begründers von Focusing, dass sich unser Erleben verändert und Schritte macht, wenn wir uns ihm zuwenden und es in Worte fassen. Und zwar in eine Richtung, die sich gut anfühlt und unser Leben vorantreibt. Festgefahrene und steckengebliebene Prozesse können so wieder in Fluss kommen.




Und natürlich gibt es noch weitere Focusing-Schritte, die das unterstützen!

Focusing und positive Empfindungen & inneres Erleben ausleben

Posted on February 25, 2019 at 6:00 PM

Ein Leser schreibt:




Hallo Herr Katz,




mich beschäftigt die Frage, wird man nicht völlig gefühllos nach außen, wenn man sich immer sagt: "Ah, da ist ein etwas (Gefühl) in mir ... ich begrüße es ..." usw.? Dann bin ich nach außen doch wie eine Littfasssäule ... und alles findet nur innen statt. Wenn ich das mit meinen negativen Gefühlen mache, mag das ja irgendwie ok sein, doch wenn ich mir das vorstelle, mit meiner Heiterkeit zu machen, ist das schon komisch!




Wenn ich das mit der Angst mache, ist es ein auf Distanz gehen, was bis dahin nachvollziehbar ist. Aber wenn ich das mit meiner Freude mache, ist es schon komisch.




Auch sieht das so aus, als wenn man beim Focusing die Gefühle gar nicht ausleben kann.




Also irgendwie sehe ich da doch etwas falsch. Oder?




Wäre schön, wenn sie mir dabei einen Tipp geben könnten.




Besten Dank!




Lieber Leser,




das sind gute und wichtige Fragen!




Sie haben vollkommen recht, dass es keinen Sinn macht, sich von positiven Empfindungen, wie etwa Heiterkeit oder Freude, zu disidentifizieren, indem wir beispielsweise sagen "Etwas in mir ist heiter" und es dann begrüßen.




Wir disidentifizieren uns von schwierigen Empfindungen, um sie durch einen Prozess zu führen. Angenehme Empfindungen brauchen keinen Prozess. Die können einfach so bleiben, wie sie sind. Oft ist es aber gut, sie ganz bewusst im Körper zu spüren und das Gefühl wirklich zu genießen. Die meisten Menschen nehmen sich viel zu wenig Zeit dafür.




Focusing bedeutet nicht, dass wir alles, was wir spüren, im Innern halten und es nicht nach außen zeigen. Wenn wir inneres Erleben jedoch einfach ungefiltert nach außen tragen, bereuen wir das in vielen Fällen anschließend. Wenn wir uns aber Zeit nehmen und innehalten, um darauf zu fokussieren, ergeben sich häufig Wege, inneres Erleben nach außen zu tragen, die für die Situation angemessen sind. Vielleicht bedeutet das sogar, dass wir mit der Faust auf den Tisch hauen und schreien: "So geht das nicht weiter!" Aber erst nachdem wir darauf fokussiert haben.




Manchmal dauert dieses Innehalten nur eine Sekunde, manchmal viele Stunden. Das Entscheidende ist, erst nachzuspüren und dann zu handeln.




Herzliche Grüße




Arno Katz


Selbst-Regulation und Co-Regulation

Posted on February 18, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Selbst-Regulation und Co-Regulation sind zwei ganz entscheidende Konzepte, um Beeinträchtigungen des Erlebens und Verhaltens zu verstehen.





Selbst-Regulation ist die Fähigkeit, Zustände innerer Erregung, sowohl angenehmer als auch unangenehmer, auszuhalten und auf eine Weise auszugleichen, dass wir nach außen hin angemessen handeln können.




Schwierige Empfindungen, wie etwas Wut oder Trauer, können wir in uns halten und einfach da sein lassen und wir finden Wege, sie nach außen zu tragen, die unserem Wohlbefinden förderlich sind. Für positive Gefühle können wir uns Zeit nehmen und sie voll und ganz genießen, ohne sofort wieder zur Tagesordnung über zu gehen.




Ist unsere Fähigkeit zur Selbst-Regulation nicht ausgereift, können wir Zustände innerer Erregung nur schlecht halten und aushalten. Stattdessen werden sie irgendwie nach außen getragen, um die Anspannung zu reduzieren, und es kommt zu unkontrollierbarem Verhalten, wie etwa Wutausbrüchen oder Zwangshandlungen.




Leider gilt das auch für angenehme Empfindungen. Menschen, die sich schlecht regulieren können, haben grundsätzlich ein Problem mit Zuständen innerer Erregung, gleichgültig ob positiv oder negativ. So lässt es sich erklären, dass manche Menschen wie versteinert wirken, obwohl sie gerade gute Nachrichten bekommen haben. Oder sie rasten vollkommen aus.




Unsere Fähigkeit zur Selbst-Regulation entwickelt sich in frühen Interaktionen zu unseren Bezugspersonen. Das Nervensystem von Säuglingen ist noch so unterentwickelt, dass sie sich einfach nicht selbst regulieren können. Sie brauchen das sanfte Gehalten- und Gestreicheltwerden durch andere Menschen, um wieder zur Ruhe kommen zu können. Ihr Nervensystem muss sich an das Nervensystem einer anderen Person koppeln, um innere Erregung abzubauen. Mit anderen Worten: Sie brauchen die Co-Regulation durch andere.




Erfüllen unsere Bezugspersonen diese Aufgabe nur unzureichend, so lernen wir nicht, uns selbst zu regulieren und unsere Fähigkeit, Zustände innerer Erregung auszuhalten und auszugleichen bleibt unterentwickelt. Angeborenes Temperament spielt dabei ganz sicher auch eine Rolle.




Die gute Nachricht ist, dass wir Versäumnisse unserer Bezugspersonen auch noch als Erwachsene nachholen können, indem wir in Beziehung zu Menschen treten, die uns sozusagen unter ihre Fittiche nehmen.




Ist die Fähigkeit zur Selbst-Regulation extrem schlecht ausgeprägt, benötigen wir unter Umständen Co-Regulation in Form von Coaching oder durch Psychotherapie. Focusing als ein Weg, der sich ganz gezielt Anspannung- und Erregungszuständen im Körper zuwendet, kann hierbei sehr wertvolle Dienste leisten.




Aber auch Menschen mit gut ausgebildeter Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, müssen sich von Zeit zu Zeit bei anderen anlehnen. Das Leben stellt uns ja immer wieder vor neue Herausforderungen und konfrontiert uns mit schwierigen Situationen. Niemand kann diesen Weg ganz alleine gehen.

Wer sind wir in unserer Essenz?

Posted on February 11, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Wenn wir uns einzig und allein mit unserem physischen Körper oder unserer Persönlichkeit identifizieren, dann sind wir verraten und verkauft.





Unser Körper wird zu großen Teilen von unserer genetischen Veranlagung bestimmt, im Laufe der Jahre wird er immer älter und gebrechlicher, bis eines Tages unser Lebensprozess komplett zum Erliegen kommt und wir sterben. Unsere Persönlichkeit wird entscheidend durch unsere Bezugspersonen, vor allem durch frühe, und unsere Lebensumstände bestimmt, die wir uns häufig nicht aussuchen können und auf die wir oft nur einen geringen Einfluss haben.




Diese Aussagen sind Konsens vieler spiritueller Richtungen und auch ich würde bis zu diesem Punkt weitgehend zustimmen. Wer sind wir dann aber eigentlich?




Aus Sicht besagter spiritueller Richtungen, etwa aus Sicht von Eckhart Tolle, sind wir das wahrnehmende Bewusstsein, in dem sich alle Bewusstseinsinhalte befinden, wie beispielsweise Körperempfindungen, Gedanken, Gefühle, innere Bilder etc. Wir sind die Präsenz, die alles, was in uns vorgeht, wahrnehmen kann.




Woher aber kommt unsere Präsenz? Und hier gehen die Ansichten auseinander. Ist sie der göttliche Funke in uns oder das sich selbst wahrnehmende Universum? Eigentlich spielt die Antwort keine Rolle, denn das, was mit Präsenz gemeint ist, existiert ganz eindeutig, auch wenn man keine Antwort auf diese Frage hat.




Ich möchte aber trotzdem eine Antwort geben, meine persönliche Antwort, die sich aus meiner Arbeit mit vielen, vielen Menschen und auch meiner Auseinandersetzung mit mir selbst entwickelt hat: Präsenz ist ein körperlicher Prozess. Sie wird im und durch den Körper generiert und lebt im Körper. Deshalb können wir es auch auf körperlicher Ebene spüren, wenn wir in Präsenz sind. Präsenz hat eine körperlich erlebbare Qualität, manchmal als gefühlte alles durchdringende Stille oder als ein Erleben des reinen Seins. Das ist der Grund, warum wir in Präsenz kommen können, wenn wir beispielsweise unserem Atem folgen oder in unseren Körper hinein spüren.




Präsenz kann auch verloren gehen, etwa wenn wir einen Schlag auf den Kopf bekommen oder aus irgendeinem anderen Grund das Bewusstsein verlieren. Der häufigste Grund, warum wir unsere Präsenz verlieren, ist aber, dass wir schlicht und einfach den Kontakt zu unserem Körper verlieren und außerhalb unseres Körpers leben. Der Weg zurück führt dann wieder über und durch den Körper, zum Bespiel durch unseren Atem.




Zwar findet man in den gängigen spirituellen Richtungen irgendwo den Hinweis, dass es eine gute Idee ist, den Körper mit einzubeziehen. Das wird dann aber meistens nur sehr halbherzig umgesetzt.




Im Focusing ist der Körper unser Hauptbezugspunkt und der Ort, an den und in den wir gehen und nachspüren. Denn wenn wir aus unserer Präsenz heraus in Beziehung treten zu unserem körperlich wahrnehmbaren Erleben, kommt es zu echter Heilung der Aspekte unserer selbst, die sich aufgrund widriger Umstände nicht entwickeln konnten. Dieser Heilungsprozess ist messbar und daher steht Focusing auf einem wissenschaftlich sehr soliden Fundament.




Und das ist genau das, was Focusing von besagten spirituellen Richtungen unterscheidet. Dort ist Präsenz meistens ein neutraler Beobachter, der wer-weiß-wo herkommt und lediglich wahrnimmt, aber eben nicht in Kontakt geht. So lässt sich erklären, warum diese Wege zwar zu Befreiung, nicht aber zu Heilung führen, was Anhänger dieser Richtungen sicherlich bestätigen werden, wenn sie ehrlich sind.




Aus meiner Sicht als Focusing-Trainer sind wir das vom Körper generierte Bewusstsein, die im Körper lebende Präsenz, die zu allem, was in uns vor geht, in BEZIEHUNG treten kann. Und dieser Weg führt zu Befreiung UND zu Heilung.




Wenn Ihnen all das zu abgehoben und zu spirituell erscheint, dann schieben Sie es einfach beiseite. Focusing ist ein ganz konkret erlernbarer Prozess, der auch funktioniert, wenn man sich nicht mit solchen Fragen beschäftigt.

Focusing und Digitalisierung

Posted on February 7, 2019 at 1:10 PM Comments comments (0)

Das Wort „Digitalisierung“ ist in aller Munde und der digitale Wandel wird mit wachsender Begeisterung zelebriert. Fast hat man den Eindruck, es sei ein goldenes Zeitalter angebrochen, eine neue Zeit, in der Milch und Honig in rauen Mengen fließen.






Ich kann die Euphorie gut verstehen. Es gibt heute Möglichkeiten, seine Welt zu gestalten, von denen vor Jahren noch niemand zu träumen gewagt hätte. Einen Blogeintrag zu schreiben, wie ich es gerade tue, und ihn mit einem Klick in die Öffentlichkeit zu entlassen, zugänglich von jedem noch so kleinen Winkel der Erde, wäre vor 25 Jahren noch undenkbar gewesen. Ohne die digitalen Medien könnte ich nicht Focusing unterrichten, da ich fast ausschließlich am Telefon und über Skype arbeite, und hätte es vielleicht selbst nie gelernt.




Manchmal gerate ich geradezu in einen Strudel der Begeisterung über die vielfältigen neuen Möglichkeiten: spannende Online-Kurse, Videokonferenzen mit interessanten Menschen, brandneue Apps usw. Und häufig spüre ich nach Stunden auf dieser Welle der Begeisterung eine Erschöpfung, ein Ausgebranntsein, ein Gefühl der Leere.




Der Grund dafür ist, dass unser Körper nicht digital ist, sondern ziemlich analog. Die Gene, die wir in uns tragen, sind in einer anderen Zeit entstanden, in grauer Vorzeit, in der unsere Vorfahren um ihr nacktes Überleben kämpften. Genetisch haben wir uns seitdem kein Stück weiterentwickelt. Auch wir empfinden eine tiefe Befriedigung, wenn wir gemeinsam mit unserer Sippe um das Lagerfeuer sitzen und die Beute zubereiten, die wir gerade erlegt haben. Feierfotos von Facebook-Freunden können dieses sättigende Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht ersetzen.




Was heißt das nun ganz konkret? Wir müssen uns regelmäßig Zeit nehmen, um in unseren Körper hinein zu spüren und Kontakt aufnehmen zu unserem körperlichen Erleben, zu der Resonanz, die dieses neue Zeitalter mit all seinen fantastischen Chancen in uns auslöst. Wir müssen in Kontakt bleiben zu den Sehnsüchten und Bedürfnissen unseres Körpers, um uns nicht im digitalen Sumpf aus Nullen und Einsen zu verlieren. Nur wenn wir in Verbindung stehen zu dem Leben, das durch unseren Körper pulsiert, können wir die Möglichkeiten dieser neuen Zeit auf eine Art und Weise nutzen, die unserem eigentlichen Wesen entspricht und unserem Wohlbefinden dient.




Ich selbst muss mich immer wieder daran erinnern und Focusing hilft mir dabei.

Meditation ist leichter und Focusing bringt mehr Wandel

Posted on January 16, 2019 at 11:50 AM Comments comments (0)

Vor kurzem habe ich mich mit einer amerikanischen Meditationslehrerin unterhalten, die Vipassana-Meditation nach Tara Brach und Jack Kornfield lehrt und die ebenfalls Inner Relationship Focusing betreibt. Ein interessantes Gespräch für mich, da ich Inner Relationship Focusing lehre und außerdem Vipassana-Meditation betreibe, die ich in einem hervorragenden Online-Kurs von Tara Brach und Jack Kornfield gelernt habe!





Wir waren uns einig, dass beide Methoden, wenn man denn von "Methoden" sprechen möchte, einen großen Teil des Weges gemeinsam gehen - bis an einen gewissen Punkt. Das ist der Punkt, an dem man sich von seinem inneren Erleben disidentifiziert hat und es ganz bewusst wahrnimmt.



An dieser Stelle verweilt die Vipassana-Meditation bei dem Erleben, ohne etwas damit zu machen, und ruht im Bewusstsein selbst. Inner Relationship Focusing und auch andere Focusing-Stömungen hingegen treten in Beziehung zu dem Erleben, ebenfalls ohne es verändern zu wollen, jedoch mit der Absicht, ihm zuzuhören und es in seinem tiefsten Kern empathisch zu verstehen.



Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Meditation einfacher ist, vor allem, wenn man müde und unkonzentriert ist, und dass sie die Identifikation mit unserer Präsenz noch intensiver stärkt als Focusing. Focusing erfordert mehr Konzentration und Anstrengung, führt aber eher dazu, dass inneres Erleben durch einen Heilungsprozess geführt wird, was bei Meditationstechniken häufig nicht der Fall ist.



Meine amerikanische Gesprächspartnerin und ich waren uns ebenfalls einig, dass es gut ist, mal den einen Weg zu gehen, mal den anderen und mal beide miteinander zu kombinieren.



Ich jedenfalls bin sowohl dankbar für meine Focusing-Ausbildung bei Ann Weiser Cornell und Barbara McGavin als auch für das Meditations-Training, das ich in dem Online-Kurs von Tara Brach und Jack Kornfield durchlaufen habe. Menschen, die von mir Focusing lernen, zeige ich gerne, wie beides miteinander verbunden werden kann.



Focusing und Stimme

Posted on January 12, 2019 at 2:15 PM Comments comments (0)

Letzte Woche habe ich an einem Online-Seminar zur Stimmbildung teilgenommen und dort eine interessante Erfahrung gemacht: Der ganze Körper dient als Resonanzraum für die Stimme, nicht nur der Mund- und Rachenbereich.





Probieren Sie es selbst einmal aus: Legen Sie eine Hand auf die Schädeldecke und anschließend auf den Brustkorb und sagen Sie etwas. Sie werden merken, dass diese Bereiche ganz leicht vibrieren.



Wenn nun irgendwo im Körper Spannungen sitzen, beeinträchtig das auch unsere Stimme. In dem Online-Seminar wurde das als etwas Negatives gesehen. Es wurde empfohlen, Spannungen zu lösen, damit unsere Stimme überzeugend und rein klingt.



Ich persönlich will aber überhaupt nicht, dass meine Stimme überzeugend und rein klingt, sondern authentisch. Und hier ergibt sich eine weitere Möglichkeit für den Focusing-Prozess: Wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit an den Ort in meinem Körper gehe, der angespannt ist oder an dem irgendwie etwas arbeitet, und wenn ich von dort spreche, und zwar mit einem Stimme, die zum Ausdruck bringt, wie es dem Ort geht - traurig, wütend, verzweifelt, begeistert - ergibt sich eine neue Dimension, mein inneres Erleben nach außen zu tragen, nämlich die des bewussten Einsatzes der Stimme.



Wenn wir mit unserem Erleben und seinem Ausdruck in Präsenz sind, fördert das den Entwicklungs- und Heilungsprozess, den die Orte in uns, an denen sich Verspannungen oder andere schwierige  Empfindungen befinden, brauchen. Und neben Worten, Bildern und Gesten ist unsere Stimme ein hervorragendes Ausdruckmittel für das, was in uns vorgeht.

Warum Entwicklung manchmal wie ein Schritt nach hinten erscheint

Posted on November 3, 2018 at 5:00 PM Comments comments (0)

Menschen, die regelmäßig fokussieren, kennen das: Plötzlich sind da schwierige Emotionen, die nicht da waren, bevor man Focusing gelernt hat. War es vielleicht falsch, sich überhaupt mit Focusing zu beschäftigen? 






Ich möchte hier eine Erklärung für dieses Phänomen anbieten und Sie einladen nachzuspüren, ob diese Erklärung auch für Sie passt.




Wenn Anteile unserer selbst, die wir lange beiseite geschoben haben, weil sie zu schmerzhaft oder zu überwältigend waren, mitbekommen, dass wir regelmäßig fokussieren und uns unserem inneren Erleben zuwenden, wenn sie spüren, dass wir immer stärker werden und immer mehr aushalten, trauen sie sich endlich, sich zu zeigen und unsere innere Bühne zu betreten. Plötzlich sind da Empfindungen, die wir lange nicht gesehen haben, weil wir sie nicht sehen wollten, und es formen sich Emotionen, die zuvor in uns schlummerten, die implizit waren, wie Gene Gendlin es formulieren würde, und die sich jetzt formen können, weil plötzlich ein sicherer innerer Raum existiert, in dem sie sich weiter entwickeln können.




Obwohl da jetzt schwierige Gefühle sind, wo früher keine waren, handelt es sich also eigentlich um einen Entwicklungsschritt. Altes Erleben, das stecken geblieben ist, bekommt nun die Zuwendung, die es braucht, um aus sich selbst heraus seinen nächsten Schritt zu tun und den Prozess zu vollziehen, der nötig ist.




Diese innere Arbeit ist nicht einfach. Häufig ist sie schmerzhaft und braucht alle inneren und äußeren Ressourcen, die wir mobilisieren können. Doch der steinige Weg lohnt sich. Kleine Entwicklungsschritte reihen sich aneinander und wenn wir zurück blicken, erkennen wir eines Tages, wie weit wir schon voran gekommen sind. Vielleicht spüren auch Sie, möglicherweise nur ein ganz kleines bisschen, dass Sie heute Dinge tun, denken, spüren oder sagen können, die in der Vergangenheit nicht möglich waren.

Arbeit mit inneren Anteilen

Posted on May 31, 2018 at 7:25 AM Comments comments (0)

Viele therapeutische Modelle und Modalitäten sind sich inzwischen einig, dass es so etwas gibt wie "innere Anteile". Uneinigkeit herrscht jedoch bei der Frage, wie mit diesen gearbeitet werden sollte. Wie arbeitet man beispielsweise mit Teilen, die Angst haben?



Es gibt Ansätze, die empfehlen, mit der Angst "in einen Dialog zu gehen", zu versuchen, die Angst zu beruhigen und ihr zu erklären, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben.



Wir im Inner Relationship Focusing machen das nicht! Zunächst einmal reden wir nicht von "der Angst", sondern von "etwas in mir, das Angst hat". Diese Formulierung erleichtert es dem Etwas, dem Anteil, der die Angst in sich trägt, sich zu wandeln. Wenn wir von "der Angst" sprechen, verdinglichen und verfestigen wir ein inneres Erleben, dass sich verändern kann. Wie soll etwas, das "die Angst" heißt, jemals zu etwas anderem werden, z.B. zu "die Ruhe"? Etwas, das zuvor Angst hatte, kann viel leichter zu etwas werden, das jetzt ruhig ist.



Darüber hinaus beschränken wir uns darauf, dem, was Angst hat, ganz genau zuzuhören, ohne ihm etwas zu erklären und ohne ihm die Angst auszureden. Eventuell stellen wir ihm Fragen. Folgende Fragen haben sich dabei als sehr effektiv erwiesen: "Was brauchst du? Wie möchtest du, dass ich bei dir bin?"



Für viele Menschen funktioniert es einfach nicht besonders gut, inneren Anteilen etwas zu erklären oder sie gar zu verscheuchen. Die Teile bleiben trotzdem unverändert oder verschwinden kurz, kommen dann aber zurück.



All das sind natürlich keine in Stein gemeißelten ewigen Wahrheiten. Das Entscheidende ist, mit dem inneren Erleben in Kontakt zu bleiben. Verschwinden oder beruhigen sich die ängstlichen Anteile, wenn ich ihnen erkläre, dass es keinen Grund für die Angst gibt? Dann ist alles gut!



Spüre ich jedoch, dass sie nicht darauf reagieren, ist es besser, in einen noch tieferen Kontakt mit ihnen zu gehen und ganz genau hinzuhören, was sie mir mitteilen wollen.

Eckhart Tolle - noch mehr Kritik

Posted on May 28, 2018 at 2:55 PM Comments comments (1)


Um der eigenartigen Mischung aus Faszination und Ablehnung nachzugehen, die ich für Eckhart Tolles Lehre empfinde, habe ich mich für einen achtwöchigen Online-Kurs von Tolle angemeldet. Der Kurs, der 300 Dollar kostet und der erste seiner Art ist, den Tolle gibt, besteht überwiegend aus Filmaufnahmen von seinen Retreats, enthält aber auch eigens aufgenommene Videos und drei Live-Sitzungen. Schon nach der zweiten Woche ist mir klar geworden, was mich so ungeheuer an diesem spirituellen Ansatz stört und warum ich mich nicht weiter mit ihm beschäftigen werde, wenn der Kurs vorbei ist.



Auslöser für diese frühe Erkenntnis war ein Video von einem Seminar, in dem sich eine junge Teilnehmerin hilfesuchend an Tolle wendet: Sie sei alleinerziehend, habe drei Söhne und manchmal verliere sie einfach die Nerven, wenn ihr die Kinder auf der Nase herumtanzen, und dann schreie sie diese an. Anschließend, wenn der Ärger abgeklungen sei, habe sie ein schlechtes Gewissen.



Ich war mir ziemlich sicher, welchen Rat ihr Tolle geben würde, noch bevor er seinen Mund öffnete, und, siehe da, genau dieser Rat wurde der jungen Mutter dann auch zuteil: Sie solle mit dem Ärger in Präsenz gehen, möglichst noch, während er aufkommt, und ihn einfach wahrnehmen, ohne ihn zu bekämpfen. Ähnlich solle sie mit ihrem schlechten Gewissen verfahren. Das sei ihr spiritueller Weg, viel besser, als Jahre in einem Kloster zu verbringen. Sie sei Teil eines neu erwachenden Bewusstseins im Universum und ihre Herausforderungen im Leben böten ihr die Möglichkeit, spirituell zu wachsen.



So einen ähnlichen Rat würde ich als Focusing Trainer vermutlich auch geben, ohne allerdings die spirituelle Dimension anzusprechen, was stört mich also daran?



Bei Tolle ist das schon alles! Es bleibt einfach bei dem Tipp, immer wieder in Präsenz zu sein. Im Wesen SEI der Mensch seine Präsenz, sein wahrnehmendes Bewusstsein.



Im Focusing passiert darüber hinaus noch mehr, viel mehr! Aus der Präsenz heraus wenden wir uns dem inneren Erleben zu, das nach unserer Aufmerksamkeit schreit. Im Falle der jungen Mutter also dem in ihr, was ärgerlich wird, wenn ihre Kinder ihr das Leben schwer machen, und auch dem, was anschließend ein schlechtes Gewissen bekommt. Das könnte anfangs etwa so klingen:



"Ich spüre etwas in mir, das sich wahnsinnig über meine Kinder ärgert, UND ich spüre etwas in mir, das sich dafür schämt. Ich begrüße beides. Beides ist da."



Dem würde anschließend ein innerer Prozess folgen, in dem sich die junge Mutter beiden Anteilen zuwendet, um sie zu erforschen und besser kennen zu lernen.



Das ist genau die Zuwendung, die diese inneren Anteile brauchen, die sie nie bekommen haben, weder von anderen Menschen noch von der Person selbst! Es ist der Mangel an solcher Zuwendung, der überhaupt erst dazu geführt hat, dass die Anteile entstanden sind, dass sie so geworden sind, wie sie sind. Wenn sie endlich, endlich Zuwendung bekommen, können sie weicher werden und sich verwandeln. Und das fühlt sich gut an! Zuwendung aus der Präsenz heraus ist der Schlüssel zur Heilung - sowohl Zuwendung durch andere Menschen als auch Zuwendung zu unserem eigenen inneren Leiden. 



Diese Zuwendung fehlt völlig bei Tolle. Weder leitet er Menschen dazu an, sich innerlich ihrem Erleben zuzuwenden, noch wendet er sich selbst dem Schmerz der Menschen zu. Er könnte auch zu der Mutter sagen: "Wie schwierig muss es sein, alleine drei Jungen groß zu ziehen", aber das tut er nicht! Er lehrt lediglich Präsenz. Den Rest bezeichnet er als "Schmerzkörper" und "Ego", von denen es sich zu disidentifizieren gilt.



Ich halte dem entgegen: Die Phänomene "Schmerzkörper" und "Ego" entstehen genau dadurch, dass man sich jahrelang NICHT seinem Erleben zuwendet. Durch diesen Mangel an innerer Beziehung werden Teile unserer selbst immer verzweifelter und schmerzerfüllter und schreien immer lauter nach unserer Aufmerksamkeit. Und dann werden sie auch noch als "Schmerzkörper" und "Ego" abgestempelt.



Aus Focusing-Sicht SIND wir unserer Körper. Und Präsenz ist nur eine Funktion des Körpers, die dazu dient, sich selbst zuzuwenden. Jeder, der Focusing betreibt, weiß, wie viel Reichtum in unserem Körper steckt und dass sich aus unserem körperlichen Felt Sense ein Schritt in die richtige Richtung entwickeln kann, wenn wir uns ihm zuwenden. All das versteht Tolle nicht - vermutlich, weil er es selbst nie erlebt hat, zumindest nicht bewusst.



Für mich ganz persönlich heißt das im Klartext: Ich folge lieber meinen körperlichen Felt Senses als Eckhart Tolle!



Hören Sie sich auch das folgende Gespräch über Eckhart Tolle aus einem meiner Seminare an:




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Kritik an Eckhart Tolle

Posted on May 5, 2018 at 3:45 PM Comments comments (1)


Nachdem ich etliche Male auf den Namen Eckhart Tolle gestoßen bin, habe ich nun endlich einmal dessen Hauptwerke The Power of Now - A Guide to Spiritual Enlightenment (dt.: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart) und A New Earth (dt. Eine neue Erde) gelesen. Außerdem habe ich mir eine Reihe von Youtube-Videos von ihm angeschaut.



Alles in allem fühle ich mich durch die Lektüre und das Anschauen der Videos enorm bereichert. Ein Teil meines Gefühls von Bereicherung rührt jedoch daher, dass für mich deutlich geworden ist, an welchen Stellen ich Tolles Lehre nicht folgen kann und warum ich froh bin, dass ich Inner Relationship Focusing beherrsche.



Zunächst einmal zum Positiven: Tolles Lehre steckt voller tiefer Weisheiten! Zwar kommen mir die meisten eigenartig bekannt vor - vieles davon habe ich auch schon woanders gelesen - Tolle verbindet die einzelnen Erkenntnisse jedoch auf eine Art und Weise, dass bei mir eine ganze Menge Groschen gefallen sind.



Besonders profitiert habe ich von Tolles Betonung, wie wichtig es ist, sich mit seiner Präsenz zu identifizieren, mit seinem wahrnehmenden Ich, und nicht mit den wahrgenommenen Bewusstseinsinhalten. (Im Inner Relationship Focusing sprechen wir ebenfalls von "Präsenz". Allerdings hat Präsenz bei uns etwas andere Qualitäten. Im Gegensatz zu Tolle, für den Präsenz lediglich eine neutrale Beobachterposition ist, beinhaltet unser Verständnis von Präsenz einen Zustand, in dem ich voller Empathie zu dem in Beziehung treten kann, was in mir vorgeht.)



Für Tolle ist Präsenz unser wahres Ich, unsere wahre, unzerstörbare Identität, die göttliche Essenz, die in allem Lebendigen wohnt, die alles mit allem verbindet und die unabhängig ist von unserer Vergangenheit und unseren individuellen Lebensumständen. Ich finde diesen Gedanken wunderschön und stimme ihm voll und ganz zu!



Allerdings verwendet Tolle teilweise Konzepte, die einem das Leben unnötig schwer machen und die sich als Stolpersteine entpuppen, wenn man sie unhinterfragt übernimmt. Ich möchte das einmal an Tolles Verwendung der Begriffe "Ego" und "Schmerzkörper" verdeutlichen und zeigen, warum der Umgang von Inner Relationship Focusing mit den zugrunde liegenden Phänomenen besser ist.



Für Tolle ist die Identifikation mit dem Ego die Wurzel allen Übels, die Krankheit, die es zu heilen gilt, will der einzelne Mensch und die Menschheit als ganze überleben. Das Ego stecke voller ankonditionierter Reaktionen, die der Zuwendung zum Hier und Jetzt im Wege stünden, in der Tolle den Weg der Heilung sieht. Für Tolle ist das Ego der Feind, den es zu besiegen gilt, indem man sich von ihm disidentifiziert.



Durch den Begriff "Ego" verdinglicht Tolle jedoch etwas, das es aus Focusing-Sicht überhaupt nicht gibt. Was genau ist denn "das Ego"? Für Tolle handelt es sich um eine Entität mit einem Eigenleben. Indem er eine innere Instanz heraufbeschwört, die bekämpft werden muss, einen inneren Feind, trägt er zu genau der inneren Spaltung bei, die er eigentlich überwinden will: Ich gegen mein Ego. Wenn er dann auch noch vom "Schmerzkörper" redet, zeigt sich, dass er immer noch der fatalen Annahme unterliegt, Geist und Körper seien voneinander getrennt, eine Annahme, die Focusing längst überwunden hat.



Aus Focusing-Sicht gibt es weder "das Ego" noch innere Feinde. Es gibt innere Prozesse, die ins Bewusstsein treten können. Einige dieser Prozesse, nicht alle, können das Resultat einer Fehlentwicklung sein, daher ist es gut, sich von ihnen zu disidentifizieren und sie in den Blick zu nehmen, etwa durch die Formulierung:



"Ich spüre ETWAS in mir, das..."


z.B.:


"Ich spüre etwas in mir, das ständig Angst hat."



Dabei handelt es sich jedoch um keinen inneren Feind, sondern um einen Teil der Persönlichkeit, der im tiefsten Innern zur positiven Gesamtentwicklung der Person beitragen will, auch wenn das zunächst nicht den Anschein hat. Tritt man aus der Präsenz heraus zu diesem Teil in Beziehung und hört ihm zu, wird sich sein positiver Kern enthüllen.



Wenn man jedoch stattdessen alle inneren Anteile, sowohl die problematischen als auch die unproblematischen (von denen es sehr sehr viele gibt), in einen Sack wirft, den man als "das Ego" bezeichnet, mit dem man am besten nichts zu tun hat, nimmt man ihnen die Chance, sich zu entwickeln und ihren Beitrag zu unserer Erhaltung und Entfaltung zu leisten.



Ähnliches gilt für Tolles Konzept vom "Schmerzkörper". Als jemand, der viele Focusing-Sitzungen anleitet, sehe ich fast tagtäglich, wie viel Reichtum und Lebensenergie in unserem Körper steckt - auch in den Bereichen, die schmerzen oder sich schlecht anfühlen. Es liegt eine große Verlockung darin, all das als "Schmerzkörper" zu etikettieren und sich davon abzuwenden. Wenn wir uns jedoch stattdessen diesen Bereichen zuwenden und in Beziehung zu ihnen treten, so wie es uns Gene Gendlin, der Begründer von Focusing, gezeigt hat, wandeln sich solche Empfindungen. Das kann jeder erleben, der es einmal ausprobiert - am besten unter Anleitung.



Gendlin schreibt:



"Every bad feeling is potential energy toward a more right way of being [...]".

("Jedes schlechte Gefühl ist potentielle Energie hin zu einer richtigeren Art und Weise zu leben [...]")



Zusammenfassend kann man sagen, dass auch wir Focusing-Leute uns von dem disidentifizieren, was sich problematisch anfühlt, und damit in Präsenz gehen. Anstatt es aber dabei zu belassen, wie Tolle es vorschlägt, treten wir anschließend zu unserem Erleben auf die für Focusing typische Weise in Beziehung, so dass es sich aus sich selbst heraus wandeln und entwickeln und seinen Reichtum entfalten kann.



Problematische Bereiche unserer Persönlichkeit und unseres körperlichen Erlebens (oder unseres "Egos" und "Schmerzkörpers", wie Tolle es bezeichnet) KÖNNEN und WERDEN heilen und einen positiven Beitrag für unser Leben und somit das Leben der Menschheit als ganzer leisten, wenn wir uns ihnen zuwenden, anstatt uns von ihnen abzuwenden. Übernimmt man jedoch Tolles Konzepte vom "Ego" und vom "Schmerzkörper", bleibt das, was eigentlich möglich wäre, stecken.



Ich vermute, dass viele von Tolles Anhängern das spüren können. Während man Tolle liest oder sich seine Videos anschaut und vielleicht auch noch in der Zeit danach, ist man ganz hin und weg. Doch schon kurz darauf ergreifen "das Ego" und "der Schmerzkörper" schon wieder Besitz von einem - und das immer und immer wieder. Möglicherweise glauben dann die Menschen, denen das passiert, dass sie es immer noch nicht richtig verstanden haben und dass sie sich noch ein Video anschauen oder noch ein Buch lesen müssen.



All diesen Menschen sei gesagt: Nein! Ihr macht nichts falsch! Wendet euch einfach aus der Präsenz heraus, die ihr von Tolle gelernt habt, ganz konkret dem zu, was ihr in euch spürt, und geht liebevoll damit um! Darin liegt der wahre Weg zum Wachstum!



Hören Sie sich auch das folgende Gespräch über Eckhart Tolle aus einem meiner Seminare an:




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Unsichere Bindung heilen mit Focusing

Posted on April 2, 2018 at 4:30 PM Comments comments (0)


Den Schlüssel zum Verständnis emotionaler Probleme liefert aus meiner Sicht die Bindungstheorie des Psychoanalytikers John Bowlby und seiner Mitarbeiterin Mary Ainsworth.



Bowlby und Ainsworth entdeckten im letzten Jahrhundert, dass sich die Interaktionen zwischen einem Säugling bzw. einem Kleinkind und seiner Bindungsperson oder seinen Bindungspersonen – häufig, aber nicht notwendigerweise Mutter und Vater – ganz entscheidend auf seine Entwicklung auswirken. Maßgeblich dabei ist die Feinfühligkeit der Bezugspersonen. Drei typische Bindungsmuster kristallisierten sich heraus:



a) Sichere Bindung: Menschen mit einem sicheren Bindungsmuster hatten Bezugspersonen, die feinfühlig ihre Bedürfnisse wahrgenommen und angemessen darauf reagiert haben. Ist dem Säugling heiß oder kalt? Ist er müde oder hat er Hunger? Braucht er Trost oder möchte er spielen? Solche Bezugspersonen lassen das Kind ohne Bevormundung seine Welt erforschen, sind aber sofort zur Stelle, falls es Unterstützung oder Trost braucht. Menschen, die ein sicheres Bindungsmuster verinnerlicht haben, trauen sich zu, schwierige Situationen zu meistern. Sie haben ja wiederholt die Erfahrung gemacht, dass sie, falls nötig, Hilfe bekommen. Sie können ihre Emotionen regulieren und meistern in der Regel erfolgreich ihr Leben.



b) Unsicher-vermeidende Bindung: Menschen, die ein unsicher-vermeidendes Bindungsmuster verinnerlicht haben, hatten Bezugspersonen, die ihre Bedürfnisse falsch oder gar nicht wahrgenommen und nicht angemessen auf diese reagiert haben. Aufgrund des Schmerzes, der daraus resultiert, dass diese Bedürfnisse nie gehen und erfüllt worden sind, wurden sie abgekapselt und verdrängt. Diese Menschen trauen sich wenig zu, da sie nie dabei unterstützt wurden, schwierige Situationen zu bewältigen und ihre Emotionen zu regulieren. Sie nehmen ihre Umwelt als feindseliger wahr als sicher gebundene Menschen und vermeiden enge Beziehungen, da sie sich unbewusst davor fürchten, dass ihre Bedürfnisse erneut nicht gesehen und erfüllt werden. All das führt dazu, dass diese Menschen weniger Erfolg im Leben haben als solche mit einem sicheren Bindungsmuster.



c) Unsicher-ambivalente Bindung: Dieses Bindungsmuster entsteht, wenn Menschen Bezugspersonen hatten, die manchmal feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingegangen sind und manchmal nicht, weil sie zu sehr mit sich selbst und ihrem eigenen Leben beschäftigt waren. Die Unsicherheit entsteht dadurch, dass diese Menschen nie vorhersehen konnten und nie wussten, ob sie Unterstützung bekommen. Im späteren Leben führt das zu einer Angst davor, auch einmal Risiken einzugehen, und zu einer tiefen Sehnsucht nach Bindung, verbunden mit ständiger Furcht davor, verlassen oder allein gelassen zu werden.



Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass es noch einen weiteren Typ gibt, der sich am pathologischen Ende des Spektrums befindet: das desorganisierte Bindungsmuster. Dieses entsteht, wenn Bezugspersonen gewalttätig und/oder missbrauchend waren, und hat katastrophale Auswirkungen auf die spätere Entwicklung eines Menschen.



Wie kann Focusing nun dabei helfen, unsichere Bindung zu überwinden oder zu heilen? Zunächst einmal muss gesagt werden, dass sich alle drei bzw. vier Muster tief verinnerlicht und in die neuronalen Strukturen unseres Gehirns eingebrannt haben. Das liegt darin, dass Säuglinge und Kleinkinder über einen sehr langen Zeitraum hinweg hilflos und abhängig von ihren Bezugspersonen sind, deutlich länger als andere Primatenkinder, und somit gezwungen werden, sich an deren Strukturen anzupassen. Will man an den verinnerlichten Strukturen und Mustern arbeiten, handelt es sich daher um ein langfristiges Unterfangen.



Ich schlage zwei Strategien vor, die beide von großer Bedeutung sind:



1. Mit Focusing können wir mehr oder weniger direkt zu den Teilen unserer selbst in Beziehung treten, die unsicher und verzweifelt sind, die eine tiefe Sehnsucht nach Bindung in sich tragen, die nie genug bekommen haben. Beim unsicher-ambivalenten Muster geht das vergleichsweise schnell. Beim unsicher-vermeidenden Typ werden in der Regel zunächst Abwehrmechanismen dazwischenfunken – die Teile, die ursprünglich die Bindungswünsche abgekapselt haben, weil sie den Schmerz nicht aushalten konnten, dass diese nicht erfüllt wurden. Melden sich diese Teile, benötigen sie zuerst Aufmerksamkeit. Ist jedoch der Kontakt zu den Teilen erst einmal hergestellt, die die unerfüllten Bindungswünsche haben, brauchen diese über eine langen Zeitraum unser sanftes und empathisches Dabeisein. Dieses Dabeisein ist genau das, was ihnen immer gefehlt hat.



2. Die zweite Strategie besteht darin, Interaktionen bewusst wahrzunehmen und zu verinnerlichen, die die Teile in uns nähren, die Bindung- und Beziehungswünsche in sich tragen. Manchmal sind das ganz einfache und banale Situationen, wie beispielsweise, wenn die Bäckerin hinter der Ladentheke ganz besonders warmherzig und freundlich ist. Mit Focusing können wir diese Erfahrungen, so kurz sie auch andauern, in uns spüren und speichern. Wie fühlt sich das Gespräch mit der Bäckerin an? Vielleicht spüren wir einen warmen Fluss vom Magen in den Bauch oder eine Leichtigkeit im Solarplexus. Nach und nach können wir uns so mit wohltuenden Interaktionen „füllen“.



Ist die Bindungsunsicherheit jedoch sehr gravierend, besteht der Königsweg in einer Psychotherapie mit einer empathischen Therapeutin oder einem empathischen Therapeuten. Diese heilende Interaktion kann noch verstärkt werden, wenn wir in der Therapie Strategie 1 anwenden und Kontakt aufnehmen zu den Teilen in uns, die nie das bekommen haben, was sie gebraucht hätten. Das funktioniert auch dann, wenn die Therapeutin oder der Therapeut Focusing gar nicht kennt.



Wie sind nun die Erfolgsaussichten? Wie stehen die Chancen, ein unsicheres Bindungsmuster zu heilen oder zu überwinden? Vermutlich ist es nicht möglich, von einem extrem unsicheren Muster zu einem sehr sicheren zu kommen. Ich bin aber davon überzeugt, dass JEDER mit Hilfe der beiden oben genannten Strategien seinen Zustand verbessern kann, egal wo er oder sie steht. Mit dem Maß an Unsicherheit, das dann noch übrigbleibt, müssen wir einfach leben.



Ich persönlich hatte ein sehr ausgeprägtes unsicher-ambivalentes Muster. Manchmal, wenn ich zurückblicke, bin ich selbst überrascht, wie weit ich gekommen bin. Und auch mein Weg geht noch weiter.


In Emotionen hineinsinken oder in Beziehung zu ihnen treten?

Posted on February 12, 2018 at 6:00 PM Comments comments (0)


Bei der Online-Konferenz, über die ich letzte Woche geschrieben habe, durfte ich erneut erleben, dass es Methoden gibt, die ihren Anhängern empfehlen, sich in Gefühle hineinsinken zu lassen, in sie einzutauchen, damit sich die Energie, aus denen sich die Gefühle speisen, verbaucht und die Gefühle somit verebben.



Tatsächlich funktioniert das manchmal. Ich habe das selbst erlebt, vor allem bei Gefühlen von Trauer und Wut. Vermutlich war es genau das, was nötig war - die Gefühle ganz zu erleben und auszuleben. Danach habe ich mich deutlich besser gefühlt.



Das Problem ist, dass diese Methode nicht immer funktioniert und bei manchen Menschen gar nicht. Viele Leute wissen überhaupt nicht, wie sie dabei vorgehen sollen, und andere, die das irgendwie hinbekommen, berichten, dass die Gefühle zwar vorerst verschwinden, dann aber irgendwann wiederkommen.



Diesen Menschen wird dann von Anhängern der Methode suggeriert, dass sie etwas falsch machen oder sich noch nicht genug angestrengt haben. Ergebnis: Diese Menschen fühlen sich dann noch schlechter, denn sie sind ja "gescheitert". Wie kann es nur sein, dass das Hineinsinken in Gefühle bei anderen so toll funktioniert, nur bei mir nicht? Vielleicht bin ich ja ein hoffnungslosen Fall?



Dem möchte ich entschieden entgegentreten: Nein! Der Fehler liegt nicht bei der Person, die in ein Gefühl hineinsinken möchte, um zu "erwachen" und sich besser zu fühlen. Der Fehler liegt in der Annahme, dass das Hineinsinken der einzige Weg sei, mit Gefühlen umzugehen.



Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass viele Leute überhaupt keine Gefühle wahrnehmen, wenn sie in sich hineinspüren, sondern Körperempfindungen, oder es kommen Gedanken oder innere Bilder. Wie soll man sich in ein Gefühl hineinsinken lassen, wenn da gar keins ist? 



Im Focusing treten wir mit allem, was wir in uns wahrnehmen, IN BEZIEHUNG - mit Gefühlen, inneren Bildern, Gedanken und Körperempfindungen - und spüren nach, wie sich all das ZUSAMMEN auf körperlicher Ebene anfühlt. Wenn ein Gefühl kommt, lassen wir uns nicht hineinsinken, sondern treten dazu IN KONTAKT. Das könnte etwas so klingen:



"Ich spüre etwas in mir, das brennt und sticht. Ich spüre das in der Herzgegend. Es ist bleischwer. Ich spüre nach, ob eine Emotion darin steckt... Es ist... hoffnungslos... müde... ausgepowert... kann nicht mehr. Ich begrüße es, indem ich ihm sage: 'Hallo, ich sehen, du bist da!' Ich lasse es wissen, dass ich es höre: 'Ich höre, wie hoffnungslos, müde und ausgepowert du bist, und dass du nicht mehr kannst!'"



Danach geht der Prozess natürlich noch weiter, aber das könnte der erste Schritt zu einer neuen inneren Beziehung sein. Für viele Menschen führt diese Vorgehensweise zu einer spürbaren Erleichterung. Experimentieren Sie einfach selbst einmal damit. 



Tatsächlich gibt es solide Forschungsergebnisse, die zeigen, dass eine KONTAKTAUFNAHME und eine innere BEZIEHUNG zu unserem Erleben einen emotionalen Verarbeitungsprozess in Gang setzt. (Und um den geht es im Focusing, nicht um spirituelles Erwachen.)



Wie Gene Gendlin, der Begründer von Focusing, immer sagte: "Wenn du die Suppe riechen willst, darfst du die Nase nicht hineinstecken."



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