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Liebe in Zeiten von Corona

Posted on March 27, 2020 at 2:55 PM Comments comments (4)

Heute Morgen ist Fermín, der geliebte Onkel meiner Frau, in einem Krankenhaus in Madrid an einer Lungenentzündung gestorben, nachdem er sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Er hat gerne gelacht, getrunken und er hat gerne Raubkopien von Spielfilmen aus dem Internet heruntergeladen.





Meine Frau ist Madrilenin und ihre ganze Familie lebt dort. Die Situation in der spanischen Hauptstadt ist im Augenblick wie in einem Horrorfilm. Meine Schwiegereltern haben sich mehr oder weniger in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Lebensmittel bestellen sie im Internet oder meine beiden Schwägerinnen bringen sie vorbei. Das funktioniert noch.




Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nicht in diesem Blog über die zurzeit grassierende Pandemie zu schreiben. Es befremdet mich sehr, wie psychologische und spirituelle Lehrer die Krise nutzen, um ihre jeweiligen Lehren unters Volk zu bringen, ohne selbst betroffen zu sein.




Besonders irritiert hat mich ein Video von Eckhart Tolle, in dem er über die Corona-Krise redet und seine Lehre propagiert. Eigentlich stimme ich dem zu, was er sagt, was mir aber fehlt, ist das Mitgefühl für das Leiden der Menschen. 




Diejenigen, die jemanden verloren haben, empfinden großen Schmerz. Andere machen sich Sorgen über ihre Gesundheit oder ihre wirtschaftliche Existenz. Da hilft es nicht, sie darüber zu belehren, dass sie sich mit ihrem wahrnehmenden Bewusstsein identifizieren sollen und nicht den wahrgenommenen Empfindungen, weil der Schmerz sonst nicht aushaltbar sei. Was mir bei diesem Ansatz fehlt, ist die Liebe.




Doch wie können wir in diesen Tagen unsere Liebe ausdrücken - unsere Liebe zu uns selbst und unsere Liebe zu denen, die leiden? Unsere Politiker sagen, indem wir körperlichen Abstand halten. Das ist sicher richtig.




Ich würde jedoch gerne ergänzen: Lasst uns im richtigen Abstand dabei sein! Bei unseren eigenen Gefühlen von Angst, Furcht, Verunsicherung oder Trauer! Und auch bei anderen Menschen, die diese Empfindungen gerade erleben. Es ist egal, ob wir selbst betroffen sind, weil unser Gehalt wegbricht, wir selbst infiziert sind oder jemanden kennen, der sich angesteckt hat.




Lasst uns bei all diesen Empfindungen in uns selbst und bei anderen sein, nicht darin, nicht identifiziert damit, sondern in Beziehung dazu. Vielleicht wortlos, vielleicht auch mit Worten, wie "Das ist wirklich schrecklich". So habe ich heute den Tag mit meiner Frau verbracht.




Die Worte "Dabeisein ist alles" bekommen dadurch eine ganz neue Bedeutung. Was unsere Gefühle und die anderer Menschen wirklich brauchen, ist, das wir sie wahrnehmen, anerkennen und in Beziehung zu ihnen treten: "Ja, das fühlt sich wirklich so an. Das ist wirklich so."




Meine spanische Familie hat das verstanden - ohne dass sie sich jemals mit irgendwelchen psychologischen oder spirituellen Lehren beschäftigt hat. Sie ist beieinander, natürlich nicht körperlich, sondern im Herzen und auch über die verfügbaren sozialen Medien.

"Psychopathologie" resultiert aus fehlgeschlagenen Interaktionen

Posted on February 1, 2020 at 1:20 PM Comments comments (0)

Viele Menschen in unserer Gesellschaft glauben, sogenannte "Psychopathologie" oder "psychische Erkrankung" sei etwas, das man hat, wie ein "Ding", wie einen Virus oder eine Infektion. Die Heilung sei dann medizinischer Natur, beispielsweise durch Medikamente.





Im Einzelfall mag das so sein. Es gibt psychische Erkrankungen, die dadurch entstehen, dass die Biochemie des Körpers aus der Balance geraten ist und durch Medikamente wieder ins Lot gebracht werden muss.





In der Mehrzahl der Fälle lassen sich psychische oder emotionale Probleme jedoch darauf zurückführen, dass Interaktionen mit Bezugspersonen in der Vergangenheit nicht so waren, wie sie hätten sein sollen. Etwas durfte nicht gesagt, gefühlt oder gelebt werden.





Tatsächlich führen solche ungünstigen Interaktionen zu etwas, das sich wie ein "Ding" in uns anfühlt. "Das ist mein Zwang, meine Angst, meine Depression."





Wenn man dem dann aber mit Hilfe von Focusing nachspürt, stößt man auf das, was nicht gesagt, gefühlt oder gelebt werden durfte, und das immer noch verzweifelt darauf wartet, sich auszudrücken. Immer wieder nimmt es Anlauf und immer wieder scheitert es. Durch diese Wiederholung (die Psychoanalyse spricht von Wiederholungszwang) entsteht der Anschein, es handele sich um eine innere Entität, z.B. eine "Angststörung".





Aus Focusing-Sicht handelt es sich jedoch eher um "etwas, das Angst hat" und das immer wieder vergeblich versucht, Sicherheit zu finden. Aus dieser Perspektive besteht die Heilung darin, dass die Interaktion endlich, endlich Erfolg hat. Das, was traurig ist, wird getröstet, das, was Angst hat, wird beschützend in den Arm genommen, der stumme Schrei darf sich lösen und wird gehört, die aufgestaute Energie darf gelebt werden.





Darin besteht unsere Aufgabe, wenn wir anderen Menschen helfen wollen. Wir treten so mit ihnen in Beziehung, dass das, was nicht gelebt werden konnte, Raum bekommt, gehört wird und hinaus in die Welt getragen werden kann. 

Geburtstrauma verarbeiten mit Focusing

Posted on January 13, 2020 at 6:00 PM Comments comments (0)

Wenn wir geboren werden, sind wir vollkommen hilflos und unser sensibles Nervensystem ist von all den Reizen, denen wir ausgesetzt sind, komplett überfordert. Gerade noch befanden wir uns in einem Zustand glückseliger Geborgenheit und Symbiose und plötzlich wird an uns gedrückt, gezogen und gequetscht und dann kommen Lichter und Stimmen.





Sollte es dann noch zu Komplikationen kommen, beispielsweise wenn sich die Nabelschnur um unseren Hals legt oder wir uns in einer falschen Position befinden, die einen Kaiserschnitt nötig macht, und wir dann den Stress unserer Mutter spüren, wird unser Nervensystem in den höchsten Alarmzustand versetzt.





Von Natur aus sind wir so programmiert, dass wir danach den engen Hautkontakt zu unserer Mutter benötigen, um uns wieder zu beruhigen und um unser Nervensystem zu regulieren. Eigentlich müssten wir, so hat es die Natur vorgesehen, auf den Bauch unserer Mutter gelegt werden.




Doch tragischerweise wird dieser Kontakt allzu oft verhindert. Noch bis in die 80er-Jahre hinein wurden Neugeborene direkt nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt, damit diese "sich erholen" kann, und auch heute noch kommt es oft zu einer Trennung, wenn direkt nach der Geburt eine medizinische oder operative Behandlung der Mutter oder des Säuglings nötig ist.





Das Neugeborene ist dann völlig allein mit seinem überreizten Nervensystem. Da es sich selbst nicht regulieren kann, bleibt der Alarmzustand bestehen. Das kann sich beispielsweise darin zeigen, dass es motorisch unruhig ist und viel schreit.





Ist die Mutter dann bei der Wiedervereinigung mit ihrem Kind, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage, den benötigten Kontakt zu geben, verfestigt sich der Alarmzustand im Nervensystem und es kommt zu einem Geburtstrauma.





Später im Leben entwickeln solche Menschen mannigfaltige Symptome: Ängste, Zwänge, Depressionen, Probleme mit anderen Menschen in Beziehung zu treten, ADHS usw.





Die Verarbeitung solcher Traumata ist sehr schwierig, da wir keine bewusste Erinnerung an sie haben. Sie geschahen in einer Zeit, in der wir noch nicht sprechen konnten, und können daher in einer herkömmlichen Therapie nicht verbalisiert werden.





Und deswegen ist Focusing besonders geeignet, solche frühen Verletzungen zu heilen, da Focusing mit dem sogenannten Felt Sense arbeitet, mit einem unklaren inneren Gefühl, das wir ganz konkret in unserem Körper spüren können.





Da ist zwar keine Erinnerung an das, was während oder nach unserer Geburt geschah, aber vielleicht ist da ein Körpergefühl, tief eingebrannt in unser Nervensystem, und wenn ich dabeibleibe und es beschreibe, kommen möglicherweise die Worte: "Es fühlt sich so an, wie völlig hilflos zu sein... voller Schmerz... und niemand ist da..."





Auf diese Weise können die tief in uns vergrabenen Geburtstraumata der Verarbeitung zugänglich gemacht und durch den für Focusing typischen Heilungsprozess geführt werden.

Bewertungen von innerem Erleben

Posted on January 6, 2020 at 6:00 PM Comments comments (0)

Beim Fokussieren treten wir in Kontakt mit unserem inneren Erleben. Da ist ein emotionaler oder körperlicher Schmerz, wir spüren Konflikte, Spannungen und auch Bedürfnisse und angenehme Empfindungen.





Es ist ganz normal, dass wir dabei unser Erleben bewerten. Der Schmerz und die Konflikte sind schlecht, die wollen wir nicht spüren, die Bedürfnisse sind gut oder vielleicht auch schlecht und die angenehmen Gefühle sind gut, von denen wollen wir mehr.





Tatsächlich handelt es sich bei diesen Bewertungen ebenfalls um inneres Erleben, das möglicherweise unsere Aufmerksamkeit braucht. Es ist so, als würde ein Aspekt unserer Selbst von einem anderen Aspekt unserer Selbst beurteilt, mit dem wir in der Regel identifiziert sind.





Diese Identifikation birgt die Gefahr, dass wir uns mit etwas in uns gegen etwas anderes in uns verbünden und dem dann kein Gehör schenken. Und dadurch kommt es zum inneren Stillstand und zu inneren Blockaden. Unsere Entwicklung friert ein.





Wenn wir fokussieren wollen, müssen wir uns ALLEM Erleben zuwenden - sowohl dem ursprünglichen als auch dem bewertenden. Wenn wir das tun, lösen sich innere Blockaden und unsere Entwicklung kommt wieder in Fahrt.

Vorsatz für 2020: mehr Focusing !!!

Posted on December 30, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Und was sind Ihre guten Vorsätze für 2020? Weniger Alkohol, weniger Zigaretten, weniger Süßigkeiten, sich weniger aufregen, mehr Sport, mehr Zeit für die Familie, weniger von jenem, mehr von diesem?



All diese Ziele sind natürlich vollkommen in Ordnung, das Problem ist nur, dass die guten Vorsätze meist nicht lange halten. Spätestens ab Mitte Januar fallen wir dann wieder in unsere alten Muster zurück und frönen unseren Süchten. Warum ist das so?





Aus Focusing-Sicht liegt das daran, dass es innere Anteile in uns gibt, die so weiter machen WOLLEN wie bisher. Etwas in uns WILL rauchen, Schokolade essen, untätig auf dem Sofa sitzen und fernsehen. Und das aus einem sehr legitimen Grund, den es zu erforschen gilt.





Dazu müssen wir diesen Anteil zunächst einmal wahrnehmen und das Scheinwerferlicht unserer Aufmerksamkeit auf ihn richten und das Gute, das er für uns will, hören und anerkennen. Erst dann können wir ihn mit Hilfe von Focusing durch einen Wandlungsprozess führen. Und das geht nicht, wenn wir uns mit etwas in uns verbünden, das den Vorsatz fasst, ihn loszuwerden oder ihn einfach zu ignorieren.





Aus diesem Grund lautet mein einziger guter Vorsatz für 2020: mehr Focusing!

Besinnungslose Weihnachtszeit

Posted on December 23, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Es ist längst kein Tabu mehr, darauf hinzuweisen, dass für die allermeisten Menschen Weihnachten alles andere als besinnlich ist.



Weihnachten ist eine Konsumorgie geworden, der "Black Friday" und "Cybermonday" vorausgehen. Der Weihnachtsmann und das Christkind kommen schon lange nicht mehr, sondern stattdessen Amazon und DHL.





Und dann sind da noch die klaustrophobischen Familientreffen, bei denen durch das Zusammensein mit unserer Ursprungsfamilie alte Wunden aufreißen, die wir für längst überwunden gehalten hatten. Wie können wir bei all dem Trubel auch nur den allerkleinsten Hauch Besinnlichkeit finden?





Die Antwort lautet: Indem wir in unseren Körper hineinspüren. Wenn wir beim Fokussieren ganz konkret in unser Inneres gehen - in den Bereich von Hals, Brustraum, Magen und Bauch - können wir dort die Resonanzen spüren, die die Weihnachtszeit in uns auslöst. Diesen wenden wir uns dann auf die für Focusing typische Art und Weise zu und treten mit ihnen in Beziehung.





Wenn wir dabei ganz genau hinspüren, können wir wahrnehmen, dass zwischen diesen Resonanzen ein Raum existiert, an dem Ruhe herrscht. Möglicherweise spüre ich den Ärger über meinen Schwager im Solarplexus und den Stress, dass das neue Smart-TV nicht so funktioniert, wie ich mir das wünsche, im Magen. Doch dazwischen, dort irgendwo im Bauch, da fühlt es sich eigentlich ganz offen und weich an.





Wenn wir uns als den Raum wahrnehmen, in dem Platz ist für all diese Empfindungen, und wenn wir ganz bewusst mit unserer Aufmerksamkeit an die Orte in uns gehen, an denen es sich gut anfühlt, ohne dabei die schwierigen Bereiche beiseite zu stoßen, können wir etwas von der Besinnlichkeit finden, nach der wir uns alle sehnen.

"What is needed fills itself in"

Posted on December 17, 2019 at 11:00 AM Comments comments (0)

Wenn wir fokussieren, stoßen wir früher oder später auf unerfüllte Bedürfnisse oder Sehnsüchte.



Häufig haben diese ihre Wurzeln in unserer Vergangenheit. Das, was wir eigentlich gebraucht hätten - Kontakt, Geborgenheit, gesehen werden, Trost usw. - hat nicht stattgefunden. Und etwas in uns wartet immer noch darauf, dass das, was gefehlt hat, noch kommt.





In solchen unerfüllten Bedürfnissen steckt unsere unzerstörbare Lebensenergie. Oder besser gesagt: sie ist stecken geblieben, kann aber wieder angezapft und in Fluss gebracht werden.





Das geschieht, wenn wir uns dem, was das Bedürfnis oder die Sehnsucht in sich trägt, zuwenden und nachspüren, wie es sich in unserem Körper anfühlen würde, wenn das Bedürfnis erfüllt wäre. Welches Körpergefühl würde kommen?





Und sehr häufig, aber nicht immer, kommt es dann - zumindest ein bisschen. Und zwar ohne dass sich in der äußeren Welt etwas geändert hat. In der inneren Welt hat sich allerdings sehr wohl etwas verändert.





Gene Gendlin schreibt: "When clients [...] vividly feel what is needed, I can provide the suggestion that they can let their bodies feel the longed for thing as actually happening. Then what is needed fills itself in." (Gendlin 1996: 279)





Meine Übersetzung: "Wenn Klienten [...] ganz lebendig spüren, was benötigt wird, kann ich den Vorschlag machen, dass sie ihren Körper das Ersehnte fühlen lassen, als würde es tatsächlich geschehen. Dann füllt sich das, was gebraucht wird, von selbst aus."





Sobald das geschieht, ist das ein magischer Moment, der echte therapeutische und transformierende Kraft hat.

Das Paradoxon des Wandels

Posted on November 2, 2019 at 4:45 AM Comments comments (0)

"Das seltsame Paradoxon ist, dass ich mich wandeln kann, wenn ich mich genau so akzeptiere, wie ich bin", schreibt Carl Rogers, der Begründer des Personenzentrierten Ansatzes und der sogenannten Gesprächspsychotherapie.






Und tatsächlich machen viele Menschen die Erfahrung, dass es sich im Inneren besser anfühlt, wenn man etwas, das man lange bekämpft hat, so annimmt, wie es ist. Das Erstaunliche ist, dass es in dem Moment häufig seine Form verändert.





Ein Beispiel: Nach jahrelangem Kampf gegen aggressive, explosive innere Anteile seiner selbst, akzeptiert man endlich, dass sie da sind. Und plötzlich fühlen sie sich nicht mehr explosiv an, sondern eher wie eine reife Form der Selbstbehauptung, die man sehr gut kontrollieren kann.





Wenn ich das einmal beobachtet habe, könnte ich in Zukunft versuchen, etwas in mir, das mich stört, einfach zu akzeptieren, damit es sich verändert. Doch das funktioniert leider nicht. Es stört mich ja und deswegen kann ich es nicht akzeptieren. Wie kann man diese paradoxe Situation auflösen?





Zunächst einmal, indem ich mir bewusst mache, dass nicht ich MICH annehmen muss, sondern ETWAS in mir. Da bin ICH, der wahrnimmt und spürt, und da ist ETWAS, das sich nicht so entwickelt hat, wie es nötig gewesen wäre, beispielsweise etwas, das in bestimmten Situationen explosiv wütend wird. Und ICH kann eine Beziehung zu dem ETWAS aufnehmen und sagen: "Ja, du bist wirklich da!"





Das bedeutet aber nicht, dass ich mich ihm einfach ergebe und nicht daran arbeite. Vielmehr schafft meine Beziehung zu dem explosiven Etwas einen geschützten Raum, in dem es erst einmal sein und atmen kann. In diesem Raum kann ich es dann erforschen: Wie fühlt es sich an? Wie sieht es aus? Was möchte es für mich erreichen? Und vielleicht auch: Woher kommt es?





Und dann verwandelt es sich, denn (fast) nichts in uns ist ein für alle mal so, wie es gerade ist. Alles befindet sich im Wandel, ist ein Prozess. Dieser Prozess kann stecken bleiben und dann fühlt es sich so an, als wäre da etwas in Stein gemeißelt. Der Prozess kann aber auch wieder in Fluss geraten und dann verändere ich mich.





Wenn ICH in Beziehung trete zu ETWAS in mir, das sich nicht gut anfühlt, und ihm Raum gebe und akzeptiere, dass es da ist, auch wenn es mir (oder anderen Teilen von mir) nicht gefällt, kann es auftauen und wieder zu dem Prozess werden, der es eigentlich ist. Und das ist kein Paradoxon, sondern schlicht und ergreifend das Leben!

Focusing und Kreativität

Posted on August 30, 2019 at 11:00 AM Comments comments (0)

Ich erinnere mich noch genau an eine Focusing-Sitzung, die ich vor vielen Jahren allein mit mir durchgeführt habe. Damals hatte ich gerade an einer Einführungsveranstaltung ins Focusing teilgenommen.




Während dieser Sitzung stieg der tiefe Wunsch in mir auf, kreativ zu sein, zu schreiben und zu gestalten. Das war sehr überraschend für mich, da ich mich bis zu diesem Zeitpunkt als einen eher analytischen Typ gesehen hatte, der mit Kunst und Kreativität nichts am Hut hat.




Mit Focusing können wir unsere kreative Energie finden und entdecken, wie und wohin sie fließen möchte. Ins Schreiben, Malen, Tanz, Dichten, die Musik, die Schauspielerei, Gesang oder einen anderen Bereich?




Indem wir nachspüren, finden wir nicht nur die richtige Richtung, sondern auch den nächsten richtigen gestalterischen Schritt, den nächsten Satz, Vers, Pinselstrich, Ton usw.




Ich bin davon überzeugt, dass echte Kunst genau so entsteht, auch wenn der Künstler noch nie etwas von Focusing gehört habt. Wirkliche Künstler folgen ihrem Felt Sense, spüren nach und lassen den nächsten Schritt vom unklaren Rand in sich kommen, von dort, wo sie etwas spüren, das eindeutig da, aber noch ungeformt ist, das noch keinen Ausdruck gefunden hat. Von diesem unklaren Rand kann etwas wirklich Neues kommen, etwas, das noch nie jemand vor einem ausgedrückt hat.




Mit Focusing können wir auch die inneren Blockaden finden und auflösen, die unserer Kreativität im Wege stehen. Was in mir verhindert den Fluss meiner kreativen Energie?




In meinem Fall war das etwas, das panische Angst davor hatte, dass ich vernichtet werde, wenn ich in der Öffentlichkeit sichtbar bin.




Mit Hilfe von Focusing habe ich dieses Etwas durch Prozesse führen können, so dass meine Kreativität nun deutlich flüssiger ist. Das Ergebnis: eine gut besuchte Webseite, zwei Kurzromane, zahlreiche Youtube-Videos usw.




Auch eine meiner Focusing-Schülerinnen hat auf diese Weise ihre Kreativität entdeckt und ein wundervolles, spirituelles, heilsames Büchlein geschrieben, das ich allen nur wärmstens ans Herz legen kann:




Carolin Lichthaus: Das Zarte und das Wunderbare: Ein Geschenk für dein Herz


Lohnt es sich in meinem Alter noch, mit Focusing anzufangen?

Posted on August 21, 2019 at 6:35 PM Comments comments (0)

Vor allem ältere Menschen haben manchmal das Gefühl, dass es zu spät ist, sich zu verändern. Jahrzehnte haben sie mit ihren alten Mustern und Begrenzungen gelebt. Was soll es jetzt noch bringen, daran zu arbeiten?





Als Antwort darauf möchte ich Gene Gendlin, den Begründer von Focusing, zitieren:




"Ein großer Teil des schlechten Gefühls wegen dem, was wir verpasst haben, rührt in Wahrheit daher, dass wir immer noch dieselben sind. Wir würden all das noch einmal verpassen! Im Nachhinein hätten wir all das Verlorene in der Vergangenheit vermeiden können. Aber in ähnlichen Situationen verhalten wir uns heute genauso! Sobald sich das ändert, können wir das Verlorene viel leichter aushalten.




Selbst wenn wir nicht sofort auf eine neue Art und Weise leben können, bringt es Energie, sich seinen Begrenzungen zu stellen. Die Herausforderung sorgt für frische Luft."




(Gendlin, E.T.: Let Your Body Interpret Your Dreams. Chiron Publications: Wilmette (Illinois) 1986; meine Übersetzung)

Unser zartes, unschuldiges Ich

Posted on July 27, 2019 at 6:35 PM Comments comments (0)

Wenn wir geboren werden, sind wir unschuldige, zarte Wesen, die von liebevollen Händen in der Welt empfangen werden müssen.





Leider meint die Welt es aber oft nicht gut mit uns. Unsere Bezugspersonen haben nicht die Feinfühligkeit, die wir bräuchten, die politischen, sozialen oder ökonomischen Bedingungen verhindern, dass wir uns gut entwickeln, oder wir werden sogar in einem Kriegsgebiet geboren mit all den Traumatisierungen, die das nach sich zieht.




Die körperlichen und emotionalen Verletzungen, die wir durch solche Gegebenheiten erleiden, führen sehr wahrscheinlich dazu, dass wir selbst falsche Entscheidungen treffen und anderen Menschen und uns selbst in irgendeiner Weise wehtun.




Doch unsere unschuldige, zarte Essenz lebt weiter in uns, egal was uns widerfahren ist und egal was wir selbst gemacht haben. Manchmal können wir vielleicht einen Hauch dieser Qualität spüren. Es ist weniger ein Danach-suchen als ein Da-sein-lassen, sobald sie von alleine kommt.




In dem Maße, wie wir uns unserem inneren Erleben zuwenden und die Anteile unserer selbst durch den Entwicklungsprozess führen, den sie benötigen, wird unser zartes, unschuldiges Ich immer häufiger kommen. Wichtig ist zu spüren, wenn das passiert, da es sich vermutlich anfangs nur sehr kurz und sehr flüchtig zeigt.




Es ist so, als würde Gutheit nach und nach in unseren Körper zurückkehren. Diese Gutheit ist unser eigentliches Wesen, das, was wir eigentlich sind und waren, bevor widrige Umstände uns verbogen haben. Es handelt sich dabei nicht um das, was "inneres Kind" genannt wird. Das sogenannte "innere Kind" ist ein Anteil, der durch einen Prozess geführt werden muss, damit unsere unschuldige Essenz wieder zutage treten kann.




Und noch einmal: Man kann nicht danach suchen, sondern es geschieht von alleine, wenn man die innere Arbeit betreibt, die durch Focusing vorangetrieben wird.

Das Trauma liegt nicht im Ereignis, sondern in dem, was danach nicht passiert

Posted on July 20, 2019 at 8:05 AM Comments comments (1)

Keiner von uns geht ohne Verletzungen und Verluste durchs Leben. Ob daraus ein Trauma wird oder nicht, hängt von mehreren Faktoren ab.





Wir können Trauma als ein Ereignis definieren, dass uns in unserer körperlichen oder psychischen Existenz bedroht und das so intensiv ist, dass unser Nervensystem es nicht verarbeiten kann.




Das Ereignis selbst spielt dabei natürlich auch eine Rolle, aber nicht die entscheidende. Das erkennt man daran, dass unterschiedliche Menschen, bedingt durch ihre Lebensgeschichte und ihren kulturellen Hintergrund, bestimmte Ereignisse völlig anders bewerten.




Was der eine als bedrohlich erlebt, ist es für den anderen noch lange nicht. In der einen Kultur ist Nacktheit schockierend, in der anderen ist sie völlig normal. Ein geübter Fallschirmspringer erlebt den Sprung aus großer Höhe als Kick, jemand, der gezwungen ist, per Fallschirm aus einem abstürzenden Flugzeug zu springen, als extrem beängstigend. (Natürlich gibt es auch Ereignisse, die universell als bedrohlich erlebt werden, wie z.B. ein Überfall, eine Vergewaltigung oder die Begegnung mit einem Tiger in freier Wildbahn).




Ob sich dieses Erlebnis aber nun als Trauma in unser überfordertes Nervensystem einbrennt oder nicht, ist vor allem davon abhängig, wie wir von anderen Menschen NACH dem Vorfall unterstützt werden. Werden wir gehalten und in den Arm genommen, wird uns zugehört und geglaubt, dürfen wir davon erzählen, wie es uns geht, und dürfen wir die aufgestaute Energie herauslassen, dann kommt es zu KEINEM Trauma.




Bekommen wir diese Unterstützung jedoch nicht, bleibt die Energie in unserem System stecken und wir rennen fortan mit ihr durchs Leben. Diese Energie wird dann ihr Unwesen in uns treiben und sich solange in für uns unerklärlichen Symtomen äußern, bis wir jemanden finden, der uns hilft, sie zu verarbeiten. Und das macht Hoffnung, denn diese Hilfe ist auch noch Jahre oder sogar Jahrzehnte später möglich.




Focusing nach Gene Gendlin und Somatic Experiencing nach Peter Levine sind zwei (sich sehr ähnliche) Prozesse, die dabei helfen können, die angestaute Energie des unverarbeiteten Traumas wieder in Fluss zu bringen. Wirksam werden diese Methoden dann, wenn sie in einer unterstützenden Beziehung, wie oben beschrieben, eingebettet sind.

Bewerten und beurteilen mit Focusing

Posted on May 29, 2019 at 3:20 PM Comments comments (0)

Wenn wir selbst fokussieren oder die Focusing-Prozesse anderer Menschen begleiten, bewerten und beurteilen wir nicht, was im Prozess geschieht oder sich zeigt. Wenn wir spüren, dass in uns Bewertungen oder Beurteilungen aufsteigen, dann machen wir sie zu einem Teil unseres Prozesses, indem wir beispielsweise sagen:





"Ich spüre etwas in mir, dass etwas in mir kritisiert/verachtet/weg haben/anders haben will etc."





Anschließend wenden wir uns dem zu, was bewertet oder beurteilt, um nachzuspüren, was es antreibt.





Einige von uns üben jedoch Berufe aus, in denen wir gezwungen sind, dienstliche Beurteilungen abzugeben oder Menschen und ihre Leistungen in irgendeiner Form zu bewerten.





Da ich selbst nicht nur Focusing-Trainer bin, sondern auch Lehrer im staatlichen Schulsystem, gilt das für mich ganz besonders. Ständig muss ich Klassenarbeiten korrigieren, Abiturprüfungen abhalten, Zeugnisnoten geben etc. Wie lässt sich das mit der oben beschriebenen Focusing-Haltung, die mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen ist, vereinbaren?





Die Wahrheit ist, dass mir das lange Zeit sehr schwer gefallen ist und auch heute noch würde ich lieber keine Zensuren geben müssen. Da aber nun einmal genau das von mir verlangt wird und ich meine Arbeit mit den Kindern und ihren Eltern zu sehr liebe, um sie an den Nagel zu hängen, gehe ich wie folgt vor:





Ich lasse einen Felt Sense in mir aufsteigen, also ein ganzheitliches, körperlich spürbares inneres Gefühl, welche Zahl auf der Skala von 1 bis 6 sich für mich richtig anfühlt bezüglich einer bestimmten Leistung.





In dieses Gefühl fließen die erbrachte Leistung selbst mit ein, die Bewertungskriterien, die ich anlegen muss, das Kind, das die Leistungen erbracht hat, und seine Hintergrundgeschichte, meine Gefühle gegenüber diesem Kind, das Verhältnis zu der Leistung anderer Kinder und vor allem mein Gespür dafür, welche Note welche Reaktion bei dem Kind auslösen wird, welche Zensur es braucht, um sich positiv zu entwickeln.





In der Regel erspüre ich so eine Note, die sich für mich richtig anfühlt. Sehr häufig sind das gute Noten, manchmal spüre ich aber auch, dass es eine Fünf braucht, um eine Vorwärtsbewegung in Gang zu setzen.





Dabei bemühe ich mich so gut ich kann, im Kontakt zum inneren Erleben das Kindes zu bleiben und mit ihm darüber zu sprechen. Die Beziehungsebene und der Kontakt zum inneren Erleben müssen Vorrang haben vor allen Beurteilungen und Bewertungen, zu denen wir gezwungen werden, wenn wir Entwicklung fördern wollen! Wenn wir das nie vergessen, dann können auch wir Focusing-Leute Beurteilungen und Bewertungen abgeben.

Focusing - eine Methode neben vielen anderen?

Posted on April 22, 2019 at 4:00 PM Comments comments (1)

Focusing wird häufig als eine Methode dargestellt, die gleichberechtigt neben vielen anderen steht. Es gibt die Gewaltfreie Kommunikation, Meditation, Yoga, die unterschiedlichsten psychologischen Schulen und unzählige andere Wege, um zu sich selbst und anderen Menschen zu finden - und es gibt eben auch Focusing.





Es ist vollkommen berechtigt, Focusing neben all die anderen Methoden zu stellen, denn wir haben eine Vorgehensweise, die sich deutlich von diesen unterscheidet. Kern dabei ist die Kontaktaufnahme zu unseren sogenannten Felt Senses, zu unserer körperlich spürbaren Resonanz auf vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Lebenssituationen. Die Dimension des Felt Senses spielt in anderen Methoden kaum eine Rolle, auch wenn sich einige inzwischen des Begriffes „Felt Sense“ bedienen, den Eugene Gendlin, der Begründer von Focusing, geprägt hat. (Meist wird dieser Begriff aber missverstanden.)





Focusing kann tatsächlich jedoch noch viel mehr sein als eine Methode neben anderen. Für mich persönlich ist Focusing eine Meta-Methode, die die Fähigkeit vermittelt nachzuspüren, welche anderen Methoden zu mir passen und für mich funktionieren. Was fühlt sich gut für mich an und was nicht? Vielleicht gibt es einzelne Elemente anderer Vorgehensweisen, die mir weiterhelfen?




Ich selbst habe gute Erfahrungen gemacht mit der Gewaltfreien Kommunikation, mit Vipassana-Meditation, Chi-Gong und verschiedenen psychologischen Schulen, wie beispielsweise dem personenzentrierten Ansatz nach Rogers und der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth. Erkenntnisse aus diesen Ansätzen haben mich ungemein bereichert und ich würde auf nichts davon verzichten wollen.





Außerdem nutze ich all diese Wege mit einer Focusing-Orientierung, indem ich bei allen Schritten, die ich mir dort entliehen habe, Kontakt herstelle zur Felt-Sense-Dimension, zum ganz konkret um Körper spürbaren Erleben – sowohl bei mir selbst als auch bei meinen Klienten. So entgeht man der Entweder-oder-Falle - entweder betreibe ich Focusing oder Gewaltfrei Kommunikation, aber nicht beides gleichzeitig. Wenn ich immer wieder in meinen Körper hinein spüre, egal was ich gerade mache, ist es möglich, Focusing mit allen anderen Methoden zu kombinieren. Dadurch werden diese Methoden effektiver und Focusing selbst auch.





In diesem Sinne ist Focusing tatsächlich eine Meta-Methode.

Focusing und Somatic Experiencing

Posted on April 15, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

In der letzten Zeit melden sich immer wieder Leute bei mir, die entweder Somatic-Experiencing-Sitzungen nach Peter Levine gemacht haben oder die selbst eine Somatic-Experiencing-Ausbildung absolvieren. Meist kommt dann die Frage auf, wie sich Focusing davon unterscheidet. Beide Methoden sind sich in der Tat so ähnlich, dass man meinen könnte, sie hätten dieselben Wurzeln. Doch das ist nicht so.




Focusing ist aus der Synthese des philosophischen Werks Eugene Gendlins und seiner Pionierarbeit im Bereich der Psychotherapie entstanden, und zwar in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, also deutlich vor Somatic Experiencing.




Dieses geht auf die Arbeit Peter Levines mit Menschen zurück, die ein Schocktrauma erlebt haben, wie beispielsweise Autounfälle, Krieg oder Vergewaltigung. Dabei wird besonders auf Bewegungen geachtet, die spontan entstehen und Ausdruck eines unvollendeten Angriffs- oder Fluchtimpulses sind. Kann sich die im Nervensystem aufgestaute Energie entladen, flaut das Trauma nach und nach ab.




Peter Levine hat zwar die Schriften Eugene Gendlins gelesen und dessen Konzept des "Felt Sense" übernommen (einer Körperempfindung mit einer Bedeutung oder Botschaft), trotzdem handelt es sich bei Somatic Experiencing um eine eigenständige Methode mit etwas anderen Schwerpunkten und einem eingeschränkteren Anwendungsbereich - nämlich der Verarbeitung von Schocktraumata.




Demgegenüber hat Focusing einen viel weiteren Anwendungsbereich. Wir spüren in unseren Körper, um herauszufinden, welche Bedürfnisse wir haben und was sich für uns richtig anfühlt. Außerdem geht es uns um die Heilung alter Verletzungen, vor allem der Wunden, die Entwicklungstraumata hinterlassen haben. Auch Schocktraumata können mit Focusing verarbeitet werden, jedoch sollte dies im Rahmen einer Psychotherapie bei einem kompetenten Psychotherapeuten geschehen.




Zusammenfassend kann man sagen, dass denjenigen von uns, die ein einzelnes oder mehrere einzelne schlimme Erlebnisse, wie Vergewaltigung, Unfälle oder Gewalt, erlebt haben, durch Peter Levines geniales Somatic Experiencing geholfen werden kann. Diejenigen von uns, die auf der Suche nach einer Methode sind, mit der sie sich selbst und andere im Alltag unterstützen und erforschen können, und die alte emotionale Wunden heilen wollen, sind vermutlich bei Focusing besser aufgehoben.

Diagnosen aus Focusing-Sicht

Posted on April 8, 2019 at 6:00 PM Comments comments (1)

Die Welt der Psychologie ist voller Diagnosen. Diejenige, die ich am häufigsten bei Erwachsenen höre, lautet "Depression" und bei Kindern und Jugendlichen "AD(H)S". Andere Diagnosen, von denen Menschen mir berichten, sind "Neurosen", "Schizophrenie", "Introjektionen", "Borderline-Störungen" und medizinisch klingende Begriffe, manchmal auch lateinischer Herkunft, die so kompliziert sind, dass ich sie mir nicht merken kann.




Bei solchen Begriffen handelt es sich aus meiner Sicht um Etiketten, die einer bestimmten Ansammlung von Symptomen aufgeklebt werden, um sie irgendwie handhabbar zu machen und darüber reden zu können.




Vielleicht macht das Sinn, um bei Krankenkassen Leistungen für dringend benötigte Hilfe abrufen zu können. Manchmal schafft es für die Betroffenen auch eine gewisse Erleichterung, endlich ein Wort zu haben, das einem erklärt, was mit einem angeblich los ist.




Häufig handelt es sich aber auch um ein Stigma, das nur schwer zu ertragen ist. Wer möchte seinen Kollegen schon erklären, dass sie in der nächsten Zeit die ganze Arbeit alleine machen müssen, weil er oder sie eine "post-traumatische Belastungsstörung" hat?




Aus Focusing-Perspektive sind all diese Etiketten und Kunstwörter, die man teilweise kaum aussprechen kann, komplett nutzlos. Wir Focusing-Leute diagnostizieren nicht und wenn uns ein Mensch, mit dem wir arbeiten, mit einem solchen Label konfrontiert, das ihm woanders aufgeklebt wurde, übernehmen wir den Jargon nicht und laden die Person stattdessen ein, ganz konkret in ihrem Körper nachzuspüren, wie sich "all das, was damit zu tun hat" dort anfühlt.




Wo kann sie das, was andere als "Neurose" bezeichnen, spüren? Wie fühlt es sich an? Ist es ein Ziehen oder Stechen oder Drücken? Hat es eine Farbe oder Form oder Temperatur? Wie ist die emotionale Qualität? Traurig? Verzweifelt? Ängstlich? Wütend? Oder fühlt es sich von seinem Standpunkt aus überraschenderweise gut an, wie das bei sogenannten "Perversionen" meistens der Fall ist?




Dieses ganz konkrete Nachspüren im Körper öffnet Tore für einen Veränderungsprozess, der verschlossen bleibt, wenn wir lediglich ÜBER das zugrundeliegende Erleben sprechen und mit Begriffen um uns schmeißen. Wenn innere Zustände ein Fachwort aufgeklebt bekommen, das im besten Fall Ehrfurcht einflößt und im schlechtesten Angst, wie beispielsweise "Psychose", dann wird der Heilungsprozess, der eigentlich möglich wäre, verhindert.




Wenn Ihnen also eine Diagnose ausgestellt wurde, dann legen Sie diese einmal eine Weile beiseite und spüren Sie nach, wie sich das, worum es geht, in Ihrem Körper anfühlt, und seien Sie offen für das, was Sie dort wahrnehmen. Das ist der Focusing-Weg!

Focusing im Intimbereich

Posted on April 1, 2019 at 6:00 PM Comments comments (2)

In der Focusing-Welt ist Sex noch immer unerforschtes Territorium, der schwarze Kontinent, über den man kaum redet und in den man sich nicht so recht hineinwagt.




Bei der Betonung, die wir Focusing-Leute auf den Körper legen, ist das schon sehr erstaunlich. Zwar wird immer wieder gesagt, es sei okay, auf sexuelle Themen zu fokussieren, man müsse seinem Focusing-Begleiter ja nicht unbedingt mitteilen, womit man sich innerlich gerade beschäftige, und im Zweifelsfall könne man ja auch alleine fokussieren. Der Intimbereich wird dann jedoch beim ganz konkreten Fokussieren ausgespart. Wir spüren in den Brustraum, den Magen und den Bauch, noch tiefer gehen wir meistens aber nicht.






Eine Ausnahme bildet meine unerschrockene israelische Focusing-Kollegin Kati Kimchi, die echte Pionierarbeit leistet, indem sie Focusing-Sitzungen anbietet, in denen es ganz explizit um Sexualität geht.




Kimchi berichtet, dass Focusing in die intimen Zonen genauso und auch genauso gut funktioniert wie das Fokussieren in andere Bereiche des Körpers. Wenn man mit seiner Aufmerksamkeit achtsam in die Genitalien hineinspürt und geduldig zuhört, was von dort aus mitgeteilt werden möchte, sagt sie, dann lernen wir sehr viel über uns selbst und auch darüber, was wir wirklich wollen und was wirklich gut für uns ist.




Gleichzeitig sei Focusing in den Intimbereich sehr geeignet, Innere Kritiker oder Innere Moralapostel auf den Plan zu rufen, die dann ebenfalls gehört und durch einen Prozess geführt werden können.




Wenn wir auf diese Weise in uns Hineinspüren, furchtlos und voller Mitgefühl, dann entfalten sich wundervolle und heilsame Prozesse, so Kimchi.




Für mich macht all das einen tiefen Sinn. Und niemand hindert uns daran, in diesem Feld zu experimentieren.

Soforthilfe bei einem fragmentierten Ich

Posted on March 25, 2019 at 7:00 PM Comments comments (0)

Wenn ich Focusing-Sitzungen gebe, macht es mich immer wieder traurig, wie viele Menschen an einem fragmentierten Ich leiden, einer Persönlichkeit, die zerrissen wird von inneren Kämpfen und Widersprüchen.






Innere Anteile zerren die Person in verschiedene Richtungen, etwas möchte beispielsweise in der gegenwärtigen Partnerschaft bleiben und etwas möchte ausbrechen, Emotionen überschlagen sich wie eine außer Kontrolle geratene Achterbahn - Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Einsamkeit etc. - und dann melden sich auch noch innere Stimmen, die einem Vorwürfe machen, dass es so ist, wie es ist, und dass eigentlich alles ganz anders sein könnte, wenn man sich nur ein wenig mehr anstrengen würde. Und darauf reagieren natürlich wieder innere Anteile mit Scham, einem Gefühl der Wertlosigkeit oder schierer Verzweiflung. Von den körperliche Auswirkungen all dessen ganz zu schweigen!




Die Wahrheit ist, dass der Prozess, die verschiedenen Fragmente des Ichs wieder zu integrieren, teilweise sehr langwierig sein kann. Einige Teile lassen sich recht schnell in die Ganzheit zurückführen, für andere braucht man unter Umständen Jahre.




Auch ich bin von einer solchen inneren Zerrissenheit nicht verschont geblieben und musste auf die schmerzhafte Art und Weise lernen, was funktioniert und was nicht. So habe ich zu Focusing gefunden.




Der Focusing-Prozess zielt in seiner Essenz darauf ab, die einzelnen Anteile der Persönlichkeit wieder zu einem geschlossenen Ganzen zusammen zu setzten. Wie kann man das tiefe Leiden, dass Menschen auf dem Weg dorthin empfinden, sofort ein wenig mildern?




Hier ist, was ich mache und was fast immer zu einer Verbesserung des Zustandes führt: Ich unterstütze Menschen darin, aus der Identifikation mit den Einzelteilen herauszutreten und sich mit dem wahrnehmenden Ich zu identifizieren, mit dem, was all die scheinbar chaotischen und außer Kontrolle geratenen Teile spüren und sehen kann, mit dem Ich, das all den Fragmenten gegenüber treten kann. Dafür gibt es zahlreiche sprachliche Formulierungen, z.B.:




"Und erinnern Sie sich daran, dass Sie derjenige sind, der das, was Angst hat, wahrnehmen kann. Das, was Angst hat, ist da und Sie sind auch da."




Dabei betone ich immer ganz besonders das Wort "Sie".




Diese Intervention führt in sehr vielen Fällen zu einer neuen Perspektive auf sich selbst und das eigene Leid. Diese ermöglicht Mitgefühl für sich selbst und bringt Erleichterung und neue Handlungsmöglichkeiten.




Der eigentliche Prozess der Heilung, der die einzelnen Fragmente wieder zu einer organischen und robusten Einheit zusammensetzt, profitiert davon und baut darauf auf.

In den Eingeweiden leben

Posted on March 19, 2019 at 10:40 AM Comments comments (0)

Was ist die wichtigste Botschaft, die ich als Focusing-Trainer vermitteln möchte? Was ist der wichtigste Tipp von allen, die ich jemals gegeben habe? Was ist der eine Schritt, den meine Focusing-Schülerinnen und Focusing-Schüler in ihr Leben integrieren sollten, selbst wenn sie alles andere, was sie bei mir gelernt haben, wieder vergessen?




Meine Antwort lautet: Leben Sie in Ihren Eingeweiden! Eigentlich müsste ich sagen: "Leben Sie in Ihrem Körper!", doch das Verständnis davon, was mit "Körper" gemeint ist, ist so mannigfaltig, dass ich viele Menschen damit auf die falsche Fährte locken würde. Also sage ich: "Leben Sie in Ihren Eingeweiden!", weil das ganz präzise in den Bereich führt, den ich meine.




Lassen Sie mich das genauer erklären: Wir stehen mit unserem Körper in der Welt und leben in ihm und aus ihm heraus. Alles, was in uns und um uns herum passiert, löst eine körperlich spürbare Resonanz in uns aus - das, was wir im Focusing Felt Sense nennen.




Angenommen, Sie treffen eine Entscheidung und spüren, wie sich etwas in ihrem Bauch öffnet und leichter wird. Und da, wo früher eine Enge im Hals war, fühlt es sich plötzlich freier an. Dann geht die Entscheidung - oder etwas an der Entscheidung - vermutlich in die richtige Richtung für Sie.




Oder Sie spüren in dem Moment, in dem Sie Ihre Entscheidung in die Tat umsetzen wollen, dass sich im Herzbereich auf einmal etwas verkrampft und schwer wird wie Blei. In dem Fall ist es vielleicht eine gute Idee, sich noch mehr Zeit zu nehmen für die Entscheidung und noch einmal ganz genau nachzuspüren.




Wenn Sie auf diese Weise mit einem Teil Ihrer Aufmerksamkeit in Ihrem Körper leben - in Ihren Eingeweiden - wenn ein Teil Ihres Bewusstseins im Bereich von Hals, Brust, Bauch und Magen ruht, während Sie in Ihrem Alltag stehen, und Sie spüren, was dort gerade passiert, dann leben Sie in einem tieferen Kontakt mit sich selbst.




Natürlich ist das manchmal nicht leicht, denn oft sind es unangenehme Empfindungen, die wir dort spüren. Wenn wir jedoch nicht unserer kulturellen Prägung folgen und uns von unserem körperlichen Erleben, dem, was wir in unseren Eingeweiden wahrnehmen, abwenden, sondern uns ihm stattdessen zuwenden, lernen wir sehr viel über uns selbst und auch über die Situationen, in denen wir uns befinden.




Diese Informationen brauchen wir, um ein Leben führen zu können, das unserem Wohlbefinden dient und unserem wahren Wesen entspricht.

Willenskraft vs. Achtsamkeit

Posted on March 11, 2019 at 7:00 PM Comments comments (1)

"Ich muss mich einfach nur ein bisschen mehr anstrengen! Mit genug Willenskraft schaffe ich das schon! Meinen inneren Schweinehund überwinden! Ich ziehe das jetzt durch!"






Die Auffassung, dass wir unsere Ziele erreichen können, wenn wir uns einen Vorsatz fassen und genug Willenskraft dafür aufbringen, wird aus meiner Sicht völlig überbewertet. Haben Sie nicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass Sie sich etwas vorgenommen haben, voller Energie und Tatendrang haben Sie sich eine Weile dem neuen Projekt gewidmet, und kurz darauf sind Sie in die alten Muster zurückgefallen, verbunden mit einem Gefühl des Gescheitert-Seins und der Frustration? Woran liegt das?





Willenskraft bedeutet in der Regel, dass wir uns mit einem Teil von uns identifizieren, dass wir für diesen Teil Partei ergreifen und andere Teile oder Stimmen, die es vielleicht auch noch in uns gibt, überfahren, platt walzen oder beiseite schieben.




Wenn die Energie, die wir dafür aufgebracht haben, verbraucht ist, kehren all die unterdrückten Aspekte und Seiten unserer selbst mit aller Macht zurück und fordern ihr Recht ein dazusein, beispielsweise, wenn ich mir verbiete, jemals wieder Schokolade zu essen, und dann nach ein paar Wochen, in einem schwachen Moment, überkommt mich eine Fressattacke. Wenn Willenskraft nicht funktioniert, was dann?




Aus meiner Sicht lautet die Antwort: Achtsamkeit, Bewusstsein, Präsenz. Was wir brauchen, ist eine wertschätzende, achtsame, empathische, wertungsfreie Beziehung zu ALL unseren inneren Impulsen und Strebungen, keine Bevorzugung eines Teils gegenüber einem anderen.




Wenn wir spüren, dass da der Impuls ist, mit aller Willenskraft ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann braucht DAS unsere Aufmerksamkeit. Und wenn wir spüren, dass in unserem Innern dem etwas entgegensteht, dass sich etwas wehrt oder widersetzt, dann benötigt auch DAS unsere Zuwendung.




Mit Focusing können wir beide Seiten durch einen Prozess führen, der uns ihren Kern enthüllt, das, was sie auf tiefster Ebene antreibt. Von dort aus kann sich ein Weg entwickeln, der allen Seiten gerecht wird und den inneren Kampf beendet.


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