Mein Blog

In diesem Blog schreibe ich regelmäßig über Focusing und verwandte Themen. 



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Warum Entwicklung manchmal wie ein Schritt nach hinten erscheint

Posted on November 3, 2018 at 5:00 PM Comments comments (0)


Menschen, die regelmäßig fokussieren, kennen das: Plötzlich sind da schwierige Emotionen, die nicht da waren, bevor man Focusing gelernt hat. War es vielleicht falsch, sich überhaupt mit Focusing zu beschäftigen? Ich möchte hier eine Erklärung für dieses Phänomen anbieten und Sie einladen nachzuspüren, ob diese Erklärung auch für Sie passt.



Wenn Anteile unserer selbst, die wir lange beiseite geschoben haben, weil sie zu schmerzhaft oder zu überwältigend waren, mitbekommen, dass wir regelmäßig fokussieren und uns unserem inneren Erleben zuwenden, wenn sie spüren, dass wir immer stärker werden und immer mehr aushalten, trauen sie sich endlich, sich zu zeigen und unsere innere Bühne zu betreten. Plötzlich sind da Empfindungen, die wir lange nicht gesehen haben, weil wir sie nicht sehen wollten, und es formen sich Emotionen, die zuvor in uns schlummerten, die implizit waren, wie Gene Gendlin es formulieren würde, und die sich jetzt formen können, weil plötzlich ein sicherer innerer Raum existiert, in dem sie sich weiter entwickeln können.



Obwohl da jetzt schwierige Gefühle sind, wo früher keine waren, handelt es sich also eigentlich um einen Entwicklungsschritt. Altes Erleben, das stecken geblieben ist, bekommt nun die Zuwendung, die es braucht, um aus sich selbst heraus seinen nächsten Schritt zu tun und den Prozess zu vollziehen, der nötig ist.



Diese innere Arbeit ist nicht einfach. Häufig ist sie schmerzhaft und braucht alle inneren und äußeren Ressourcen, die wir mobilisieren können. Doch der steinige Weg lohnt sich. Kleine Entwicklungsschritte reihen sich aneinander und wenn wir zurück blicken, erkennen wir eines Tages, wie weit wir schon voran gekommen sind. Vielleicht spüren auch Sie, möglicherweise nur ein ganz kleines bisschen, dass Sie heute Dinge tun, denken, spüren oder sagen können, die in der Vergangenheit nicht möglich waren.


Arbeit mit inneren Anteilen

Posted on May 31, 2018 at 7:25 AM Comments comments (0)

Viele therapeutische Modelle und Modalitäten sind sich inzwischen einig, dass es so etwas gibt wie "innere Anteile". Uneinigkeit herrscht jedoch bei der Frage, wie mit diesen gearbeitet werden sollte. Wie arbeitet man beispielsweise mit Teilen, die Angst haben?



Es gibt Ansätze, die empfehlen, mit der Angst "in einen Dialog zu gehen", zu versuchen, die Angst zu beruhigen und ihr zu erklären, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben.



Wir im Inner Relationship Focusing machen das nicht! Zunächst einmal reden wir nicht von "der Angst", sondern von "etwas in mir, das Angst hat". Diese Formulierung erleichtert es dem Etwas, dem Anteil, der die Angst in sich trägt, sich zu wandeln. Wenn wir von "der Angst" sprechen, verdinglichen und verfestigen wir ein inneres Erleben, dass sich verändern kann. Wie soll etwas, das "die Angst" heißt, jemals zu etwas anderem werden, z.B. zu "die Ruhe"? Etwas, das zuvor Angst hatte, kann viel leichter zu etwas werden, das jetzt ruhig ist.



Darüber hinaus beschränken wir uns darauf, dem, was Angst hat, ganz genau zuzuhören, ohne ihm etwas zu erklären und ohne ihm die Angst auszureden. Eventuell stellen wir ihm Fragen. Folgende Fragen haben sich dabei als sehr effektiv erwiesen: "Was brauchst du? Wie möchtest du, dass ich bei dir bin?"



Für viele Menschen funktioniert es einfach nicht besonders gut, inneren Anteilen etwas zu erklären oder sie gar zu verscheuchen. Die Teile bleiben trotzdem unverändert oder verschwinden kurz, kommen dann aber zurück.



All das sind natürlich keine in Stein gemeißelten ewigen Wahrheiten. Das Entscheidende ist, mit dem inneren Erleben in Kontakt zu bleiben. Verschwinden oder beruhigen sich die ängstlichen Anteile, wenn ich ihnen erkläre, dass es keinen Grund für die Angst gibt? Dann ist alles gut!



Spüre ich jedoch, dass sie nicht darauf reagieren, ist es besser, in einen noch tieferen Kontakt mit ihnen zu gehen und ganz genau hinzuhören, was sie mir mitteilen wollen.

Eckhart Tolle - noch mehr Kritik

Posted on May 28, 2018 at 2:55 PM Comments comments (1)


Um der eigenartigen Mischung aus Faszination und Ablehnung nachzugehen, die ich für Eckhart Tolles Lehre empfinde, habe ich mich für einen achtwöchigen Online-Kurs von Tolle angemeldet. Der Kurs, der 300 Dollar kostet und der erste seiner Art ist, den Tolle gibt, besteht überwiegend aus Filmaufnahmen von seinen Retreats, enthält aber auch eigens aufgenommene Videos und drei Live-Sitzungen. Schon nach der zweiten Woche ist mir klar geworden, was mich so ungeheuer an diesem spirituellen Ansatz stört und warum ich mich nicht weiter mit ihm beschäftigen werde, wenn der Kurs vorbei ist.



Auslöser für diese frühe Erkenntnis war ein Video von einem Seminar, in dem sich eine junge Teilnehmerin hilfesuchend an Tolle wendet: Sie sei alleinerziehend, habe drei Söhne und manchmal verliere sie einfach die Nerven, wenn ihr die Kinder auf der Nase herumtanzen, und dann schreie sie diese an. Anschließend, wenn der Ärger abgeklungen sei, habe sie ein schlechtes Gewissen.



Ich war mir ziemlich sicher, welchen Rat ihr Tolle geben würde, noch bevor er seinen Mund öffnete, und, siehe da, genau dieser Rat wurde der jungen Mutter dann auch zuteil: Sie solle mit dem Ärger in Präsenz gehen, möglichst noch, während er aufkommt, und ihn einfach wahrnehmen, ohne ihn zu bekämpfen. Ähnlich solle sie mit ihrem schlechten Gewissen verfahren. Das sei ihr spiritueller Weg, viel besser, als Jahre in einem Kloster zu verbringen. Sie sei Teil eines neu erwachenden Bewusstseins im Universum und ihre Herausforderungen im Leben böten ihr die Möglichkeit, spirituell zu wachsen.



So einen ähnlichen Rat würde ich als Focusing Trainer vermutlich auch geben, ohne allerdings die spirituelle Dimension anzusprechen, was stört mich also daran?



Bei Tolle ist das schon alles! Es bleibt einfach bei dem Tipp, immer wieder in Präsenz zu sein. Im Wesen SEI der Mensch seine Präsenz, sein wahrnehmendes Bewusstsein.



Im Focusing passiert darüber hinaus noch mehr, viel mehr! Aus der Präsenz heraus wenden wir uns dem inneren Erleben zu, das nach unserer Aufmerksamkeit schreit. Im Falle der jungen Mutter also dem in ihr, was ärgerlich wird, wenn ihre Kinder ihr das Leben schwer machen, und auch dem, was anschließend ein schlechtes Gewissen bekommt. Das könnte anfangs etwa so klingen:



"Ich spüre etwas in mir, das sich wahnsinnig über meine Kinder ärgert, UND ich spüre etwas in mir, das sich dafür schämt. Ich begrüße beides. Beides ist da."



Dem würde anschließend ein innerer Prozess folgen, in dem sich die junge Mutter beiden Anteilen zuwendet, um sie zu erforschen und besser kennen zu lernen.



Das ist genau die Zuwendung, die diese inneren Anteile brauchen, die sie nie bekommen haben, weder von anderen Menschen noch von der Person selbst! Es ist der Mangel an solcher Zuwendung, der überhaupt erst dazu geführt hat, dass die Anteile entstanden sind, dass sie so geworden sind, wie sie sind. Wenn sie endlich, endlich Zuwendung bekommen, können sie weicher werden und sich verwandeln. Und das fühlt sich gut an! Zuwendung aus der Präsenz heraus ist der Schlüssel zur Heilung - sowohl Zuwendung durch andere Menschen als auch Zuwendung zu unserem eigenen inneren Leiden. 



Diese Zuwendung fehlt völlig bei Tolle. Weder leitet er Menschen dazu an, sich innerlich ihrem Erleben zuzuwenden, noch wendet er sich selbst dem Schmerz der Menschen zu. Er könnte auch zu der Mutter sagen: "Wie schwierig muss es sein, alleine drei Jungen groß zu ziehen", aber das tut er nicht! Er lehrt lediglich Präsenz. Den Rest bezeichnet er als "Schmerzkörper" und "Ego", von denen es sich zu disidentifizieren gilt.



Ich halte dem entgegen: Die Phänomene "Schmerzkörper" und "Ego" entstehen genau dadurch, dass man sich jahrelang NICHT seinem Erleben zuwendet. Durch diesen Mangel an innerer Beziehung werden Teile unserer selbst immer verzweifelter und schmerzerfüllter und schreien immer lauter nach unserer Aufmerksamkeit. Und dann werden sie auch noch als "Schmerzkörper" und "Ego" abgestempelt.



Aus Focusing-Sicht SIND wir unserer Körper. Und Präsenz ist nur eine Funktion des Körpers, die dazu dient, sich selbst zuzuwenden. Jeder, der Focusing betreibt, weiß, wie viel Reichtum in unserem Körper steckt und dass sich aus unserem körperlichen Felt Sense ein Schritt in die richtige Richtung entwickeln kann, wenn wir uns ihm zuwenden. All das versteht Tolle nicht - vermutlich, weil er es selbst nie erlebt hat, zumindest nicht bewusst.



Für mich ganz persönlich heißt das im Klartext: Ich folge lieber meinen körperlichen Felt Senses als Eckhart Tolle!



Hören Sie sich auch das folgende Gespräch über Eckhart Tolle aus einem meiner Seminare an:




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Kritik an Eckhart Tolle

Posted on May 5, 2018 at 3:45 PM Comments comments (0)


Nachdem ich etliche Male auf den Namen Eckhart Tolle gestoßen bin, habe ich nun endlich einmal dessen Hauptwerke The Power of Now - A Guide to Spiritual Enlightenment (dt.: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart) und A New Earth (dt. Eine neue Erde) gelesen. Außerdem habe ich mir eine Reihe von Youtube-Videos von ihm angeschaut.



Alles in allem fühle ich mich durch die Lektüre und das Anschauen der Videos enorm bereichert. Ein Teil meines Gefühls von Bereicherung rührt jedoch daher, dass für mich deutlich geworden ist, an welchen Stellen ich Tolles Lehre nicht folgen kann und warum ich froh bin, dass ich Inner Relationship Focusing beherrsche.



Zunächst einmal zum Positiven: Tolles Lehre steckt voller tiefer Weisheiten! Zwar kommen mir die meisten eigenartig bekannt vor - vieles davon habe ich auch schon woanders gelesen - Tolle verbindet die einzelnen Erkenntnisse jedoch auf eine Art und Weise, dass bei mir eine ganze Menge Groschen gefallen sind.



Besonders profitiert habe ich von Tolles Betonung, wie wichtig es ist, sich mit seiner Präsenz zu identifizieren, mit seinem wahrnehmenden Ich, und nicht mit den wahrgenommenen Bewusstseinsinhalten. (Im Inner Relationship Focusing sprechen wir ebenfalls von "Präsenz". Allerdings hat Präsenz bei uns etwas andere Qualitäten. Im Gegensatz zu Tolle, für den Präsenz lediglich eine neutrale Beobachterposition ist, beinhaltet unser Verständnis von Präsenz einen Zustand, in dem ich voller Empathie zu dem in Beziehung treten kann, was in mir vorgeht.)



Für Tolle ist Präsenz unser wahres Ich, unsere wahre, unzerstörbare Identität, die göttliche Essenz, die in allem Lebendigen wohnt, die alles mit allem verbindet und die unabhängig ist von unserer Vergangenheit und unseren individuellen Lebensumständen. Ich finde diesen Gedanken wunderschön und stimme ihm voll und ganz zu!



Allerdings verwendet Tolle teilweise Konzepte, die einem das Leben unnötig schwer machen und die sich als Stolpersteine entpuppen, wenn man sie unhinterfragt übernimmt. Ich möchte das einmal an Tolles Verwendung der Begriffe "Ego" und "Schmerzkörper" verdeutlichen und zeigen, warum der Umgang von Inner Relationship Focusing mit den zugrunde liegenden Phänomenen besser ist.



Für Tolle ist die Identifikation mit dem Ego die Wurzel allen Übels, die Krankheit, die es zu heilen gilt, will der einzelne Mensch und die Menschheit als ganze überleben. Das Ego stecke voller ankonditionierter Reaktionen, die der Zuwendung zum Hier und Jetzt im Wege stünden, in der Tolle den Weg der Heilung sieht. Für Tolle ist das Ego der Feind, den es zu besiegen gilt, indem man sich von ihm disidentifiziert.



Durch den Begriff "Ego" verdinglicht Tolle jedoch etwas, das es aus Focusing-Sicht überhaupt nicht gibt. Was genau ist denn "das Ego"? Für Tolle handelt es sich um eine Entität mit einem Eigenleben. Indem er eine innere Instanz heraufbeschwört, die bekämpft werden muss, einen inneren Feind, trägt er zu genau der inneren Spaltung bei, die er eigentlich überwinden will: Ich gegen mein Ego. Wenn er dann auch noch vom "Schmerzkörper" redet, zeigt sich, dass er immer noch der fatalen Annahme unterliegt, Geist und Körper seien voneinander getrennt, eine Annahme, die Focusing längst überwunden hat.



Aus Focusing-Sicht gibt es weder "das Ego" noch innere Feinde. Es gibt innere Prozesse, die ins Bewusstsein treten können. Einige dieser Prozesse, nicht alle, können das Resultat einer Fehlentwicklung sein, daher ist es gut, sich von ihnen zu disidentifizieren und sie in den Blick zu nehmen, etwa durch die Formulierung:



"Ich spüre ETWAS in mir, das..."


z.B.:


"Ich spüre etwas in mir, das ständig Angst hat."



Dabei handelt es sich jedoch um keinen inneren Feind, sondern um einen Teil der Persönlichkeit, der im tiefsten Innern zur positiven Gesamtentwicklung der Person beitragen will, auch wenn das zunächst nicht den Anschein hat. Tritt man aus der Präsenz heraus zu diesem Teil in Beziehung und hört ihm zu, wird sich sein positiver Kern enthüllen.



Wenn man jedoch stattdessen alle inneren Anteile, sowohl die problematischen als auch die unproblematischen (von denen es sehr sehr viele gibt), in einen Sack wirft, den man als "das Ego" bezeichnet, mit dem man am besten nichts zu tun hat, nimmt man ihnen die Chance, sich zu entwickeln und ihren Beitrag zu unserer Erhaltung und Entfaltung zu leisten.



Ähnliches gilt für Tolles Konzept vom "Schmerzkörper". Als jemand, der viele Focusing-Sitzungen anleitet, sehe ich fast tagtäglich, wie viel Reichtum und Lebensenergie in unserem Körper steckt - auch in den Bereichen, die schmerzen oder sich schlecht anfühlen. Es liegt eine große Verlockung darin, all das als "Schmerzkörper" zu etikettieren und sich davon abzuwenden. Wenn wir uns jedoch stattdessen diesen Bereichen zuwenden und in Beziehung zu ihnen treten, so wie es uns Gene Gendlin, der Begründer von Focusing, gezeigt hat, wandeln sich solche Empfindungen. Das kann jeder erleben, der es einmal ausprobiert - am besten unter Anleitung.



Gendlin schreibt:



"Every bad feeling is potential energy toward a more right way of being [...]".

("Jedes schlechte Gefühl ist potentielle Energie hin zu einer richtigeren Art und Weise zu leben [...]")



Zusammenfassend kann man sagen, dass auch wir Focusing-Leute uns von dem disidentifizieren, was sich problematisch anfühlt, und damit in Präsenz gehen. Anstatt es aber dabei zu belassen, wie Tolle es vorschlägt, treten wir anschließend zu unserem Erleben auf die für Focusing typische Weise in Beziehung, so dass es sich aus sich selbst heraus wandeln und entwickeln und seinen Reichtum entfalten kann.



Problematische Bereiche unserer Persönlichkeit und unseres körperlichen Erlebens (oder unseres "Egos" und "Schmerzkörpers", wie Tolle es bezeichnet) KÖNNEN und WERDEN heilen und einen positiven Beitrag für unser Leben und somit das Leben der Menschheit als ganzer leisten, wenn wir uns ihnen zuwenden, anstatt uns von ihnen abzuwenden. Übernimmt man jedoch Tolles Konzepte vom "Ego" und vom "Schmerzkörper", bleibt das, was eigentlich möglich wäre, stecken.



Ich vermute, dass viele von Tolles Anhängern das spüren können. Während man Tolle liest oder sich seine Videos anschaut und vielleicht auch noch in der Zeit danach, ist man ganz hin und weg. Doch schon kurz darauf ergreifen "das Ego" und "der Schmerzkörper" schon wieder Besitz von einem - und das immer und immer wieder. Möglicherweise glauben dann die Menschen, denen das passiert, dass sie es immer noch nicht richtig verstanden haben und dass sie sich noch ein Video anschauen oder noch ein Buch lesen müssen.



All diesen Menschen sei gesagt: Nein! Ihr macht nichts falsch! Wendet euch einfach aus der Präsenz heraus, die ihr von Tolle gelernt habt, ganz konkret dem zu, was ihr in euch spürt, und geht liebevoll damit um! Darin liegt der wahre Weg zum Wachstum!



Hören Sie sich auch das folgende Gespräch über Eckhart Tolle aus einem meiner Seminare an:




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Unsichere Bindung heilen mit Focusing

Posted on April 2, 2018 at 4:30 PM Comments comments (0)


Den Schlüssel zum Verständnis emotionaler Probleme liefert aus meiner Sicht die Bindungstheorie des Psychoanalytikers John Bowlby und seiner Mitarbeiterin Mary Ainsworth.



Bowlby und Ainsworth entdeckten im letzten Jahrhundert, dass sich die Interaktionen zwischen einem Säugling bzw. einem Kleinkind und seiner Bindungsperson oder seinen Bindungspersonen – häufig, aber nicht notwendigerweise Mutter und Vater – ganz entscheidend auf seine Entwicklung auswirken. Maßgeblich dabei ist die Feinfühligkeit der Bezugspersonen. Drei typische Bindungsmuster kristallisierten sich heraus:



a) Sichere Bindung: Menschen mit einem sicheren Bindungsmuster hatten Bezugspersonen, die feinfühlig ihre Bedürfnisse wahrgenommen und angemessen darauf reagiert haben. Ist dem Säugling heiß oder kalt? Ist er müde oder hat er Hunger? Braucht er Trost oder möchte er spielen? Solche Bezugspersonen lassen das Kind ohne Bevormundung seine Welt erforschen, sind aber sofort zur Stelle, falls es Unterstützung oder Trost braucht. Menschen, die ein sicheres Bindungsmuster verinnerlicht haben, trauen sich zu, schwierige Situationen zu meistern. Sie haben ja wiederholt die Erfahrung gemacht, dass sie, falls nötig, Hilfe bekommen. Sie können ihre Emotionen regulieren und meistern in der Regel erfolgreich ihr Leben.



b) Unsicher-vermeidende Bindung: Menschen, die ein unsicher-vermeidendes Bindungsmuster verinnerlicht haben, hatten Bezugspersonen, die ihre Bedürfnisse falsch oder gar nicht wahrgenommen und nicht angemessen auf diese reagiert haben. Aufgrund des Schmerzes, der daraus resultiert, dass diese Bedürfnisse nie gehen und erfüllt worden sind, wurden sie abgekapselt und verdrängt. Diese Menschen trauen sich wenig zu, da sie nie dabei unterstützt wurden, schwierige Situationen zu bewältigen und ihre Emotionen zu regulieren. Sie nehmen ihre Umwelt als feindseliger wahr als sicher gebundene Menschen und vermeiden enge Beziehungen, da sie sich unbewusst davor fürchten, dass ihre Bedürfnisse erneut nicht gesehen und erfüllt werden. All das führt dazu, dass diese Menschen weniger Erfolg im Leben haben als solche mit einem sicheren Bindungsmuster.



c) Unsicher-ambivalente Bindung: Dieses Bindungsmuster entsteht, wenn Menschen Bezugspersonen hatten, die manchmal feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingegangen sind und manchmal nicht, weil sie zu sehr mit sich selbst und ihrem eigenen Leben beschäftigt waren. Die Unsicherheit entsteht dadurch, dass diese Menschen nie vorhersehen konnten und nie wussten, ob sie Unterstützung bekommen. Im späteren Leben führt das zu einer Angst davor, auch einmal Risiken einzugehen, und zu einer tiefen Sehnsucht nach Bindung, verbunden mit ständiger Furcht davor, verlassen oder allein gelassen zu werden.



Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass es noch einen weiteren Typ gibt, der sich am pathologischen Ende des Spektrums befindet: das desorganisierte Bindungsmuster. Dieses entsteht, wenn Bezugspersonen gewalttätig und/oder missbrauchend waren, und hat katastrophale Auswirkungen auf die spätere Entwicklung eines Menschen.



Wie kann Focusing nun dabei helfen, unsichere Bindung zu überwinden oder zu heilen? Zunächst einmal muss gesagt werden, dass sich alle drei bzw. vier Muster tief verinnerlicht und in die neuronalen Strukturen unseres Gehirns eingebrannt haben. Das liegt darin, dass Säuglinge und Kleinkinder über einen sehr langen Zeitraum hinweg hilflos und abhängig von ihren Bezugspersonen sind, deutlich länger als andere Primatenkinder, und somit gezwungen werden, sich an deren Strukturen anzupassen. Will man an den verinnerlichten Strukturen und Mustern arbeiten, handelt es sich daher um ein langfristiges Unterfangen.



Ich schlage zwei Strategien vor, die beide von großer Bedeutung sind:



1. Mit Focusing können wir mehr oder weniger direkt zu den Teilen unserer selbst in Beziehung treten, die unsicher und verzweifelt sind, die eine tiefe Sehnsucht nach Bindung in sich tragen, die nie genug bekommen haben. Beim unsicher-ambivalenten Muster geht das vergleichsweise schnell. Beim unsicher-vermeidenden Typ werden in der Regel zunächst Abwehrmechanismen dazwischenfunken – die Teile, die ursprünglich die Bindungswünsche abgekapselt haben, weil sie den Schmerz nicht aushalten konnten, dass diese nicht erfüllt wurden. Melden sich diese Teile, benötigen sie zuerst Aufmerksamkeit. Ist jedoch der Kontakt zu den Teilen erst einmal hergestellt, die die unerfüllten Bindungswünsche haben, brauchen diese über eine langen Zeitraum unser sanftes und empathisches Dabeisein. Dieses Dabeisein ist genau das, was ihnen immer gefehlt hat.



2. Die zweite Strategie besteht darin, Interaktionen bewusst wahrzunehmen und zu verinnerlichen, die die Teile in uns nähren, die Bindung- und Beziehungswünsche in sich tragen. Manchmal sind das ganz einfache und banale Situationen, wie beispielsweise, wenn die Bäckerin hinter der Ladentheke ganz besonders warmherzig und freundlich ist. Mit Focusing können wir diese Erfahrungen, so kurz sie auch andauern, in uns spüren und speichern. Wie fühlt sich das Gespräch mit der Bäckerin an? Vielleicht spüren wir einen warmen Fluss vom Magen in den Bauch oder eine Leichtigkeit im Solarplexus. Nach und nach können wir uns so mit wohltuenden Interaktionen „füllen“.



Ist die Bindungsunsicherheit jedoch sehr gravierend, besteht der Königsweg in einer Psychotherapie mit einer empathischen Therapeutin oder einem empathischen Therapeuten. Diese heilende Interaktion kann noch verstärkt werden, wenn wir in der Therapie Strategie 1 anwenden und Kontakt aufnehmen zu den Teilen in uns, die nie das bekommen haben, was sie gebraucht hätten. Das funktioniert auch dann, wenn die Therapeutin oder der Therapeut Focusing gar nicht kennt.



Wie sind nun die Erfolgsaussichten? Wie stehen die Chancen, ein unsicheres Bindungsmuster zu heilen oder zu überwinden? Vermutlich ist es nicht möglich, von einem extrem unsicheren Muster zu einem sehr sicheren zu kommen. Ich bin aber davon überzeugt, dass JEDER mit Hilfe der beiden oben genannten Strategien seinen Zustand verbessern kann, egal wo er oder sie steht. Mit dem Maß an Unsicherheit, das dann noch übrigbleibt, müssen wir einfach leben.



Ich persönlich hatte ein sehr ausgeprägtes unsicher-ambivalentes Muster. Manchmal, wenn ich zurückblicke, bin ich selbst überrascht, wie weit ich gekommen bin. Und auch mein Weg geht noch weiter.


In Emotionen hineinsinken oder in Beziehung zu ihnen treten?

Posted on February 12, 2018 at 6:00 PM Comments comments (0)


Bei der Online-Konferenz, über die ich letzte Woche geschrieben habe, durfte ich erneut erleben, dass es Methoden gibt, die ihren Anhängern empfehlen, sich in Gefühle hineinsinken zu lassen, in sie einzutauchen, damit sich die Energie, aus denen sich die Gefühle speisen, verbaucht und die Gefühle somit verebben.



Tatsächlich funktioniert das manchmal. Ich habe das selbst erlebt, vor allem bei Gefühlen von Trauer und Wut. Vermutlich war es genau das, was nötig war - die Gefühle ganz zu erleben und auszuleben. Danach habe ich mich deutlich besser gefühlt.



Das Problem ist, dass diese Methode nicht immer funktioniert und bei manchen Menschen gar nicht. Viele Leute wissen überhaupt nicht, wie sie dabei vorgehen sollen, und andere, die das irgendwie hinbekommen, berichten, dass die Gefühle zwar vorerst verschwinden, dann aber irgendwann wiederkommen.



Diesen Menschen wird dann von Anhängern der Methode suggeriert, dass sie etwas falsch machen oder sich noch nicht genug angestrengt haben. Ergebnis: Diese Menschen fühlen sich dann noch schlechter, denn sie sind ja "gescheitert". Wie kann es nur sein, dass das Hineinsinken in Gefühle bei anderen so toll funktioniert, nur bei mir nicht? Vielleicht bin ich ja ein hoffnungslosen Fall?



Dem möchte ich entschieden entgegentreten: Nein! Der Fehler liegt nicht bei der Person, die in ein Gefühl hineinsinken möchte, um zu "erwachen" und sich besser zu fühlen. Der Fehler liegt in der Annahme, dass das Hineinsinken der einzige Weg sei, mit Gefühlen umzugehen.



Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass viele Leute überhaupt keine Gefühle wahrnehmen, wenn sie in sich hineinspüren, sondern Körperempfindungen, oder es kommen Gedanken oder innere Bilder. Wie soll man sich in ein Gefühl hineinsinken lassen, wenn da gar keins ist? 



Im Focusing treten wir mit allem, was wir in uns wahrnehmen, IN BEZIEHUNG - mit Gefühlen, inneren Bildern, Gedanken und Körperempfindungen - und spüren nach, wie sich all das ZUSAMMEN auf körperlicher Ebene anfühlt. Wenn ein Gefühl kommt, lassen wir uns nicht hineinsinken, sondern treten dazu IN KONTAKT. Das könnte etwas so klingen:



"Ich spüre etwas in mir, das brennt und sticht. Ich spüre das in der Herzgegend. Es ist bleischwer. Ich spüre nach, ob eine Emotion darin steckt... Es ist... hoffnungslos... müde... ausgepowert... kann nicht mehr. Ich begrüße es, indem ich ihm sage: 'Hallo, ich sehen, du bist da!' Ich lasse es wissen, dass ich es höre: 'Ich höre, wie hoffnungslos, müde und ausgepowert du bist, und dass du nicht mehr kannst!'"



Danach geht der Prozess natürlich noch weiter, aber das könnte der erste Schritt zu einer neuen inneren Beziehung sein. Für viele Menschen führt diese Vorgehensweise zu einer spürbaren Erleichterung. Experimentieren Sie einfach selbst einmal damit. 



Tatsächlich gibt es solide Forschungsergebnisse, die zeigen, dass eine KONTAKTAUFNAHME und eine innere BEZIEHUNG zu unserem Erleben einen emotionalen Verarbeitungsprozess in Gang setzt. (Und um den geht es im Focusing, nicht um spirituelles Erwachen.)



Wie Gene Gendlin, der Begründer von Focusing, immer sagte: "Wenn du die Suppe riechen willst, darfst du die Nase nicht hineinstecken."


Gurus, Retreats und spirituelle Wege

Posted on February 5, 2018 at 6:00 PM Comments comments (1)

In den letzten beiden Wochen war ich Referent bei einem spannenden und hervorragend organisiertem Online-Kongress zum Thema "Vergebung". Zu den weiteren 22 Referenten gehörten neben Ann Weiser Cornell, Byron Katie, Rüdiger Dahlke, Collin Tipping und Eugen Drewermann auch einige spirituelle Lehrer.



Der Kongress bestand aus zwei täglichen Interviews und einem abendlichen Webinar eines Referenten. (Auch ich habe ein Webinar geleitet.) Leider hatte ich keine Zeit, mir alle Interviews meiner Kollegen anzuschauen und an allen Webinaren teilzunehmen.



Mit großem Interesse habe ich jedoch die Beiträge von Christian Meyer und Gerd Bodhi Ziegler, zweier spirituellen Lehrer, verfolgt. Während der Interviews und Webinare kam in mir regelmäßig das Gefühl auf: "Ja, davon ist jedes Wort wahr!" Auch jetzt, mit etwas Abstand, glaube ich das noch.



Für mich ist dabei deutlich geworden, dass viele spirituelle Lehren auf eine begrenzte Anzahl an gemeinsamen Grundaussagen zurückgeführt werden können, z.B.: "Du bist ein göttliches Wesen", "Du musst dir selbst begegnen und dich annehmen, wie du bist", "Du musst im Hier und Jetzt ankommen", "Du bist die Essenz, die hinter deinem Ego liegt", "Du darfst dem Schmerz nicht ausweichen, sondern musst in ihn hineingehen" etc.



Trotz des Gefühls von "Das ist alles richtig" spüre ich jedoch ganz deutlich, dass solche spirituellen Wege nicht meins sind. Wie kommt das?



Der Hauptgrund ist, dass diese Wege zwar viele gute Lehren haben und Dinge sagen, die für mich richtig klingen, sie zeigen den Menschen jedoch nicht ganz konkret, wie sie all das machen sollen. Wie genau begegne ich eigentlich mir selbst? Wie nehme ich mich an, so wie ich bin? Wie komme ich ins Hier und Jetzt? Und wie wende ich mich meinem Schmerz zu? (Im Focusing treten wir übrigens in KONTAKT zu unserem Schmerz, OHNE hineinzugehen.)



Focusing lehrt ganz konkrete Schritte, wie wir all das bewerkstelligen können - und zwar ganz ohne spirituelle Glaubenssätze. Für mich fühlt sich das viel besser an.



Meine Befürchtung ist, dass Menschen sich während der spirituellen Seminare oder Retreats von der Energie der Gruppe und des Lehrers mitreißen lassen und sich nur deswegen gut fühlen. (Möglicherweise füllt der Lehrer durch seine Art und Weise auch eine Lücke bei den Teilnehmern, die deren Eltern hinterlassen haben.) Sind sie jedoch wieder im eigenen Alltag angekommen, besteht die Gefahr, dass sie sich wieder genauso miserabel fühlen wie immer. Um sich dann erneut besser zu fühlen, brauchen sie eine weitere Dosis ihres "Gurus" und reisen zum nächsten Retreat.



Mit Focusing bekommen Menschen jedoch ein ganz konkretes, wissenschaftlich fundiertes Instrument an die Hand, das sie auch im Alltag anwenden können. Einen Guru-Effekt (den viele spirituelle Lehrer vielleicht gar nicht wollen) tritt dabei nicht auf, denn Focusing-Trainer trainieren eine Fähigkeit. Sie lehren keine Lehre. Passt einem ein Trainer nicht, geht man einfach zu einem anderen, genauso, wie man sich einen geeigneten Lehrer aussuchen kann, der einem eine Fremdsprache beibringt.



Wenn Sie genau das wollen, sind Sie bei Focusing an der richtigen Adresse.

"Proudly imperfect"

Posted on January 28, 2018 at 6:00 PM Comments comments (0)

Letzte Woche hat Ann Weiser Cornell ein neunzigminütiges Seminar mit dem Titel "Proudly Imperfect" gegeben, um die Teilnehmer dabei zu unterstützen, lähmenden Perfektionsmus zu überwinden. Um sich auf das Seminar vorzubereiten, hat sie herumgefragt, welche Erfahrung Leute mit diesem Thema gemacht haben. Hier meine Antwort:



Hi Ann,


I used to have a part that demanded perfection - especially related to my work - because it was worried some other part of me wouldn't be able to enjoy itself if things are not done perfectly.



However, there has been a shift. In addition to a lot of Focusing, watching people who I really appreciate (such as you, Rick Hanson, and others) doing a great job without trying to be perfect has made the worried part in me a lot softer. It does come up occasionally and when it does I just say hello to it and acknowledge its worries. Having a wife who doesn't aim at perfection also helps.



The title of your seminar "Proudly Imperfect" resonates very strongly for me. Now I feel that I can be proudly imperfect AND enjoy myself immensely at the same time.


Warmly,

Arno



Ein bisschen Angst und Sorge bleibt immer

Posted on January 22, 2018 at 6:00 PM Comments comments (0)

Viele widrige Lebenssituationen lösen Angst und Sorge in uns aus: Krankheit, finanzielle oder soziale Probleme, eine akute Bedrohungslage etc.




Wenn wir uns mit Focusing dem körperlichen Erleben zuwenden, das der Angst und Sorge zugrunde liegt, fühlt sich das meistens sofort deutlich besser an. Und wenn wir dieses Erleben dann durch den Focusing-Prozess führen, verschwindet die Angst oder Sorge manchmal ganz, besonders, wenn wir passende Handlungsschritte finden, um die widrige Lebenssituation zu bewältigen.




Dasselbe gilt für vergangene ungünstige oder sogar traumatische Lebenssituationen, die wir immer noch in unserem Körper mit uns herumtragen, die noch nicht aufgearbeitet sind und immer noch in uns wirken.




Doch auch wenn man sowohl vergangene als auch gegenwärtige Situationen voll und ganz gelöst hat, bleibt oft noch ein spürbarer Rest an Angst und Sorge. Wie kommt das?




In grauer Vorzeit haben nur diejenigen Individuen überlebt, die wachsam, ängstlich und ständig in Sorge waren, dass irgendwo Gefahren lauern. Diese Individuen haben nahende Gefahren rechtzeitig erkannt und konnten somit überleben und ihre Gene weitergeben.




Diejenigen, die entspannt im Dschungel in der Hängematte lagen, haben möglicherweise den sich anschleichenden Tiger nicht bemerkt und konnten ihre Gene nicht weitergeben.




Das Ergebnis ist, dass wir ein genetisches Erbe in uns tragen, das uns ständig wachsam, ängstlich und besorgt sein lässt. Es ist so wie ein leises Rauschen, das immer da ist, aber manchmal in den Hintergrund tritt und manchmal in den Vordergrund.




Natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Bei einigen Menschen ist das Rauschen stärker ausgeprägt als bei anderen. Bei den meisten ist es aber irgendwie immer da. Was können wir tun?




Die Antwort lautet: anerkennen, dass es so ist, z.B. so:




"Ich spüre etwas in mir, das sich Sorgen macht, dass ich in einen Verkehrsunfall verwickelt werde."




Wenn wir das, was wirklich in uns lebt, wahrnehmen und akzeptieren, anstatt es zu bekämpfen, wird Energie frei, sich wieder anderen Dingen, die auch wichtig sind, zuzuwenden.  

Focusing und Perfektionismus - "bathing in imperfection"

Posted on January 16, 2018 at 12:00 AM Comments comments (0)

Vor ein paar Jahren habe ich darüber geschrieben, wie Focusing dabei helfen kann, quälenden Perfektionismus zu überwinden. (Den Blog-Eintrag finden Sie hier.)


Ich selbst spüre manchmal noch etwas in mir, das bestimmte Dinge gerne perfekt erledigen würde. Wenn das auftaucht, begrüße ich es und frage es, worüber es sich Sorgen macht, was passieren könnte, falls diese Dinge nicht perfekt erledigt würden. Dadurch fühle ich mich diesem Teil nicht mehr - so wie früher - ausgeliefert.


Inzwischen habe ich aber eine weitere Entwicklung durchgemacht, bei der folgender Refrain aus dem Song "Anthem" von Leonard Cohen eine wichtige Rolle gespielt hat (Cohen ist ebenfalls der Autor und Sänger des sehr bekannten Liedes "Halleluja", das seit seinem Erscheinen sehr häufig gecovered wurde):


"Ring the bells that still can ring

Forget your perfect offering

There is a crack, a crack in everything

That's how the light gets in."


Meine Übersetzung:


Läute die Glocken, die noch läuten können

Vergiss deinen perfekten Beitrag

Es gibt einen Riss, einen Riss in allem

So fällt das Licht hinein.


Nichts, gar nichts im Leben ist perfekt und nichts kann wirklich perfekt sein. Alles befindet sich in einem Prozess, auf einem Weg, im Fluss. Der Zwang zum Perfektionismus stoppt diesen Fluss, indem er versucht, einen vermeintlich perfekten Zustand herzustellen und festzuhalten. Und etwas zu halten, das eigentlich fließen möchte, kostet wahnsinnig viel Kraft und Energie!


Diese Erkenntnis lässt folgende Worte in mir aufsteigen: "bathing in imperfection". Ich bade im Unperfekten und sonne mich in dem Licht, das durch die Risse einfällt.

Picassos Guernica - Kunstwerke erleben mit Focusing

Posted on January 8, 2018 at 6:00 PM Comments comments (0)

Letzte Woche war ich nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder im Museo Reina Sofía im Zentrum Madrids, um mir Pablo Picassos Guernica anzusehen.


Das etwa 25 Quadratmeter große Gemälde zeigt die Zerstörung der baskischen Stadt Gernika durch Verbände der deutschen und italienischen Luftwaffe im Jahre 1937 während des spanischen Bürgerkrieges. Hitler und Mussolini hatten ihrem faschistischen Freund Franco diese Einheiten zur Unterstützung seines Feldzuges gegen die republikanische Regierung geschickt. (Falls es Sie interessiert, was genau abgebildet ist, googeln Sie einfach "Guernica".)


Als ich die riesige mamorgeflieste Halle des Museums betrat, in der das Gemälde ausgestellt wird, spürte ich den Impuls in mir, ein Foto zu machen, um dieses beeindruckende Kunstwerk immer bei mir zu haben. Vorsichtshalber fragte ich eine Museumswächterin, ob dies erlaubt sei, was sie verneinte. Ich sah jedoch, dass viele andere Besucher ihre Handys zückten und blitzschnell Fotos schossen, bevor die Museumsangestellten etwas sagen konnten.


Und etwas in mir wollte auch unbedingt ein Foto machen. Und etwas in mir wollte die Regel des Museums respektieren, das sich aufwendig um die Instandhaltung des Bildes kümmert, welches sich in einem sehr desolaten Zustand befindet.


Dann erinnerte ich mich an etwas, dass ich an anderer Stelle geschrieben hatte: Die Kunst fordert von uns, dass wir sie mit unserem ganzen körperlichen Erleben in uns aufnehmen und wirken lassen. Und genau das tat ich.


Zunächst beschieb ich für mich selbst jedes Detail des Gemäldes: "Da ist eine verzweifelte Frau, die ein totes Kind in den Armen hält. Und da ist ein sterbendes Pferd etc." Dann ließ ich das Kunstwerk einfach auf mich wirken und nahm es mit jeder Pore meines Körpers in mir auf.


Plötzlich, wie aus dem Nichts, erschien vor meinem geistigen Auge eine sehr reale Szene von schreienden Menschen, die vor Bombern am Himmel durch die Straßen fliehen. Ich glaube, es ist genau das, was Picasso wollte.


Dieser Prozess dauerte etwas über eine halbe Stunde. Nun trage ich Guernica wahrhaft für immer bei mir - ganz ohne Foto! 

Schwierige Entscheidungen treffen

Posted on January 6, 2018 at 3:10 PM Comments comments (0)

Eine schwierige Entscheidung treffen zu müssen kann wirklich zur Qual werden bis zu dem Punkt, an dem man einfach irgendetwas entscheiden möchte, egal was, nur um es hinter sich zu bringen.


Gene Gendlin, der Begründer von Focusing, sagt:


"Wenn Sie sich nicht zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden können, liegt das daran, dass beide falsch sind."


Falls Sie eine schwierige Entscheidung vor sich her schieben, lassen Sie diesen Satz einmal auf sich wirken. Für viele Menschen bringt er frische Luft und ein Gefühl der Erleichterung: "Ich kann die Entscheidung nicht treffen, weil beide Alternativen falsch sind."


Gehen Sie wie folgt vor, um das Dilemma aufzulösen:


1. Sagen Sie: "Etwas in mir will... und etwas in mir will..." (Fügen Sie die beiden Alternativen ein.)


2. Wenden Sie sich zunächst der einen Alternative zu und spüren Sie nach, was sich daran falsch anfühlt. Spüren Sie anschließend nach, was sich an dieser Alternative richtig anfühlt.


3. Wiederholen Sie die Schritte 2 und 3 mit der anderen Alternative.


4. Laden Sie Ihren Körper anschließen ein, Ihnen sein Gespür für einen Weg zu geben, der allen Seiten gerecht wird.


Gehen Sie dabei langsam vor und erspüren Sie vor allem, welche Gefühle sich die beiden Teile, die die unterschiedlichen Alternativen vorschlagen, für Sie wünschen. Häufig wird Ihnen dabei bewusst werden, dass es noch weitere Möglichkeiten gibt, die Sie übersehen haben, weil Sie in der "Entweder-oder-Falle" gefangen waren.

Hintergrundemotionen

Posted on November 22, 2017 at 11:55 AM Comments comments (0)

Die meisten Menschen haben eine oder mehrere Hintergrundemotionen, Gefühle, die irgendwie immer da sind, Gefühle, an die man sich so gewöhnt hat, dass man sie eigentlich gar nicht mehr wahrnimmt.


Es ist so wie mit der Tapete im eigenen Wohnzimmer. Könnten Sie auf Anhieb beschreiben, wie die aussieht, welche Farbe, Muster, Strukturen etc. sie hat? Gar nicht so einfach, oder? Und doch ist sie immer da.


Genauso ist es mit Hintergrundgefühlen. In meinem Fall ist es das Gefühl, immer irgenwie ein bisschen unter Druck zu stehen, immer ein wenig gehetzt.


Es kann sehr bereichernd und gewinnbringend sein, sich einmal umzudrehen und sich diese Tapete, diese Hintergrundemotionen genau anzuschauen. Worum handelt es sich dabei? Wie fühlt es sich im Körper an? Wie könnte man das Gefühl beschreiben? Was in meinem Leben löst es aus?


Spürt man diesen Fragen nach, können sich diese Empfindungen verändern. Es ist ein wenig so, als wenn man neu tapeziert. Was ist Ihr Hintergrundgefühl?

Die Prozesshaftigkeit der "Dinge"

Posted on November 13, 2017 at 6:00 PM Comments comments (0)

Unsere Wahrnehmung der Welt suggeriert uns, dass die Welt aus "Dingen" besteht, aus einzelnen, unveränderlichen Entitäten, die voneinander getrennt sind. Auch andere Lebewesen und Menschen nehmen wir als feststehende, unveränderliche Einheiten wahr.


Diese Wahrnehmung hat ihre Wurzeln in unserem genetischen Erbe. Aus Sicht der Evolution ist es sinnvoll, wenn ich dort ein "Ding" wahrnehme, das "Tiger" heißt und mich vielleicht gleich angreift, wenn ich nicht aufpasse. Würde der Tiger in meiner Wahrnehmung mit seiner Umwelt verschmelzen, so dass ich ihn nicht als getrenntes Etwas sehe, das andere Qualitäten hat, als das Gebüsch hinter ihm, würden meine Überlebenschancen reduziert.


Es waren genau diejenigen unserer Vorfahren, die eine solche Wahrnehmung hatten, die ihre Gene an uns weitergegeben haben. Und da sind wir heute und trennen alles um uns herum in einzelne Dinge. Auf dieser Wahrnehmung gründen so ziemlich alle Kulturen, die durch ihre Prägung unsere Sicht verstärken, dass die Welt aus separaten Einzelteilen besteht.


Wenn ich mich umsehe, ist da ein Ding, das heißt "Schrank", ich sitze auf einem Ding mit dem Namen "Bett", tippe auf etwas, das "Laptop" genannt wird, und neben mir sitzt eine Entität, meine "Frau", und liest ein Ding namens "Buch".


Die Wahrheit ist, dass es sich bei all diesen "Dingen" nicht um unveränderliche Einheiten handelt, sondern um Prozesse, die sich ständig verändern, ohne dass das unserer Wahrnehmung zugänglich ist. In allem leben Mikroorganismen, die Veränderungen bewirken, alles ist Witterungsbedingungen ausgesetzt, alles ist mit allem irgendwie verbunden, alles durchdringt sich gegenseitig, und wirkt sich aufeinander aus. Der Tiger wirkt auf mich, ich auf den Tiger und beide stehen wir in Wechselwirkung mit unserer gemeinsamen Umwelt. Fängt es plötzlich an zu donnern, rennt der Tiger vielleicht weg.


Diese Prozesse verlaufen allerdings manchmal so langsam, dass wir sie nicht sehen. Wenn ich mir denselben Schrank in 2000 Jahren anschaue, hat er einen Prozess durchgemacht, dass ich ihn nicht wiedererkennen werde. Aber auch ich selbst werde in 2000 Jahren kaum wiederzuerkennen sein.


Alles befindet sich im Wandel, in Bewegung - die "Dinge" um uns herum, die Welt, das Universum. Wir und alles andere sind kleine Wirbel im Fluss des Seins, die entstehen, eine kurze Zeit gemeinsam den Strom abwärts fließen und dabei aufeinander einwirken, sich dann auflösen, nur um weiter flussabwärts in neuen Formationen wieder aufeinander zu treffen.


Focusing ist eine Prozess-Wissenschaft. Grundlage ist die Erkenntnis, dass alle lebendigen Organismen eine ihnen innenwohnende Tendenz haben, sich zu erhalten und entfalten, wenn entsprechende Umweltbedingungen vorliegen. Focusing beschreibt die Prozesse, die diese Tendenz, die natürlich auch ein Prozess ist, in Menschen wirksam werden lässt. Wie müssen wir mit unserem inneren Erleben und dem in anderen Menschen in Beziehung treten, damit wir uns selbst weiterentwickeln und auch die Entwicklung anderer Menschen unterstützen? Auf diese Frage liefert Focusing ganz konkrete Antworten und beschreibt ganz konkrete Schritte.

Absichtslose Haltung

Posted on November 9, 2017 at 4:45 PM Comments comments (0)

Wenn wir fokussieren, wenden wir uns absichtslos dem zu, was in uns vorgeht. Wir begegnen unserem inneren Erleben unvoreingenommen, mit Interesse und einer gewissen Neugier.



Die Haltung der Absichtslosigkeit ist dabei entscheidend, denn wenn wir dem, was wir innerlich erleben, voreingenommen begegnen, es bewerten, es weghaben wollen etc., kann es sich nicht zeigen und die Schritte machen, die zu seiner Weiterentwicklung nötig wären.



Doch leichter gesagt, als getan. Was mache ich den bitte schön, wenn ich merke, dass meine Haltung nicht absichtslos ist, dass ich fokussiere, UM etwas zu lösen, UM beispielsweise ein unangenehmes Gefühl loszuwerden etc. Ist es nicht ganz natürlich, Ziele zu haben und etwas erreichen zu wollen?



Wenn wir spüren, dass solche Gedanken durch unseren Kopf gehen, Gedanken, die nicht absichtlos sind, wenden wir uns DEM zu und fokussieren darauf. Zum Beispiel so:



"Ich spüre etwas in mir, das das unangehme Gefühl in meinen Magen loswerden möchte. Ich spüre nach, wie sich DAS in meinem Körper anfühlt."



Mit anderen Worten: Wenn wir etwas in uns spüren, das nicht absichtslos ist, wenden wir uns absichtslos dem zu, um es besser kennen zu lernen und es zu erforschen. Das ist mit Sicherheit ein fruchtbares Feld für Focusing und langfristig kultivieren wir so unsere absichtslose Haltung jeglichem inneren Erleben gegenüber.

Focusing & Introjekte

Posted on October 3, 2017 at 6:00 PM Comments comments (0)


Kann man mit Focusing an sogenannten "Introjekten" arbeiten? Die Antwort lautet: Ja, sogar sehr gut!


Aus Focusing-Sicht handelt es sich bei einem "Introjekt" um einen Persönlichkeitsanteil, der aufgrund widriger Entwicklungsbedingungen entstanden ist, meistens durch ungünstige Beziehungserfahrungen zu frühen Bezugspersonen. Dieser Teil hat sich häufig das Verhalten und den Ton von unseren Bezugspersonen abgeguckt und spricht und benimmt sich wie diese - in der Regel, um uns vor etwas zu beschützen. Obwohl er redet und handelt, wie eine unserer früheren Bezugspersonen, ist er ein Teil von uns, in den man hineinspüren und mit dem man arbeiten kann.


Ich würde allerdings empfehlen, den Begriff "Introjekt" fallen zu lassen und stattdessen "etwas" zu sagen und dann genau zu beschreiben, wie sich dieses Etwas verhält, z.B.:


"Etwas in mir wird ängstlich/wütend/traurig etc., wenn..."


Begrüßen Sie es dann innerlich:


"Hallo, ich sehe, du bist da!"


Dadurch bekommen Sie ein wenig Abstand, um in das Gefühlsleben dieses Etwas hineinzuspüren und zu verstehen, was es so ängstlich/wütend/traurig etc. macht. Ganz sicher hat es sehr gute Gründe dafür, die vermutlich teilweise ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben.


Hören Sie ihm zu und versuchen Sie - so gut wie Sie das können - Verständnis dafür aufzubringen, dass er so ist, wie er ist. Dadurch können sich solche Teile verwandeln - in ihrem ganz eigenen Tempo.


Gene's letztes Seminar

Posted on May 8, 2017 at 6:00 PM Comments comments (0)


Am 9. Februar 2017 fand der fünfte und letzte Termin von Ann Weiser Cornells und Gene Gendlins Videoseminar Conversations at the Edge with Gene and Ann statt. Wir waren etwa 25 Teilnehmer. Vermutlich war es das letzte Mal, dass Gene vor seinem Tode ein Seminar gegeben hat.


Gegen Ende arbeitete Gene, wie er das so häufig tat, mit einer Teilnehmerin und begleitete sie bei einem für sie schwierigen Thema. Als Ärger ihr selbst gegenüber in ihr aufstieg, sagte Gene:


"Be gentle! Be gentle! ... There is such a thing as being gentle."


(Frei übersetzt: "Sei ganz sanft dazu! Ganz sanft! Es gibt so etwas wie Sanftsein.")


Wenige Minuten später war das Seminar vorbei. Genes Worte werden mir für immer in den Ohren klingen!


Zum Tode Gendlins

Posted on May 2, 2017 at 11:50 AM Comments comments (0)








Gestern, am 1. Mai 2017, verstarb unser geliebter und verehrter Gründervater Eugene Gendlin im Alter von 90 Jahren. Er starb friedlich im Beisein zweier enger Freunde und einer Pflegekraft in seiner Wohnung in Spring Valley, New York. Die Beisetzung findet in den nächsten Tagen im Kreise seiner Familie statt. Das International Focusing Institute New York hat eine Webseite zu seinem Gedenken eingerichtet: www.eugenegendlin.com


Es ist sehr schwer in Worte zu fassen, was Genes Tod in mir auslöst. Ich bin ihm persönlich nie begegnet, habe aber an unzähligen Telefon- und Videoseminaren teilgenommen, die er in den letzten sechs Jahren zusammen mit meiner Mentorin Ann Weiser Cornell gegeben hat. An der Wand meines Arbeitszimmers hängt meine Zertifizierungsurkunde vom Focusing Institute New York mit seiner Unterschrift.


Genes wohl größter Verdienst ist die Entdeckung des sogenannten Felt Sense, eines ganz bestimmten Körpergefühls, das in Zusammenhang steht mit einer Lebenssituation. Wenn ich jetzt dorthin spüre, kommt ein warmes Gefühl großer Traurigkeit und vor allem eins: Dankbarkeit!


Danke Gene! Deine Philosophie, die vielen Seminarstunden bei dir und vor allem dein warmes, verständnisvolles Wesen haben meinem Leben eine neue Richtung gegeben, in die ich bis zu meinem eigenen Lebensende weitergehen werde. Danke!

 

Nur eine Sache

Posted on February 14, 2017 at 12:00 PM Comments comments (0)

Mit Focusing können wir in unser Inneres spüren und erkennen, welche Blockaden unserer Lebensenergie im Wege stehen.


Für mich persönlich sind das häufig Situationen, in denen ich mehrere Dinge gleichzeitig tue. Die Möglichkeit zu kurzfristigem Multitasking ist zwar in unseren Genen angelegt und kann unser Überleben sichern, beispielsweise wenn ich versuche, mit einem potentiellen Angreifer zu verhandeln und gleichzeitig nach einem Fluchtweg suche. Langfristig reibt Multitasking aber unsere Nerven auf und schadet damit uns und unserem Körper. Eine Variante davon besteht darin, eine neue Aufgabe in Angriff zu nehmen, bevor eine alte beendet ist, und diese dann zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen, wodurch wiederum eine andere Aufgabe unterbrochen wird.


Ich bemühe mich daher, immer "nur eine Sache" zu machen - nur einen Handlungsablauf gleichzeitig auszuführen, erst dann eine neue Aufgabe zu beginnen, wenn eine alte abgearbeitet ist. Mittlerweile frühstücke ich erst und lese dann die Zeitung. Entweder fahre ich Auto oder ich höre Radio, aber nicht beides gleichzeitig.


Wenn ich in Stress gerate, hilft mir die Philosophie der "nur einen Sache", meine innere Mitte wiederzufinden. Tatsächlich schaffe ich dadurch nicht weniger als durch Multitasking, sondern ungefähr genauso viel - nur entspannter.

Der gute Ort

Posted on February 7, 2017 at 10:40 AM Comments comments (0)

Vor so ziemlich genau zehn Jahren, im Jahre 2007, habe ich an einem Focusing-Seminar von Johannes Wiltschko im westfälischen Münster teilgenommen. Ich erinnere mich daran, dass Johannes wenig Theorie vermittelt hat. Stattdessen führte er uns durch zahlreiche Übungen, was mit sehr gut gefiel.


Eine dieser Übungen hieß "Der gute Ort im Körper". Damals war es mir nicht bewusst, aber der positive Effekt, der sich damals einstellte, ist heute, zehn Jahre später, immer noch spürbar und abrufbar. Diese Übung hat einen wirklichen Unterschied in meinem Leben gemacht.


Ich möchte sie Ihnen hier vorstellen und Sie durch die Übung führen. Ziel der Übung ist es, einen Ort im Körper zu finden, eine Stelle, die sich gut anfühlt, oder zumindest neutral, egal, wie mies es im Leben gerade läuft und wie schlecht sich der restliche Körper anfühlt. Eine solche Stelle gibt es immer, man muss sie nur finden und bewusst wahrnehmen. Also:


Machen Sie es sich bequem... Lassen Sie Ihren Körper eine Haltung finden, die sich angenehm anfühlt... Spüren Sie dann Ihren Körper als eine Form, als eine Einheit, im Raum um Sie herum... Lassen Sie dann Ihre Aufmerksamkeit ganz behutsam in Ihren Körper kommen... Vielleicht als Erstes in die Füße... Spüren Sie, was Ihre Füße berühren... Lassen Sie dann Ihre Aufmerksamkeit etwas hinaufgleiten... in die Unterschenkel... die Knie... die Oberschenkel... Spüren Sie den Kontakt Ihres Körpers zur Sitzunterlage... Spüren Sie die Punkte, an denen Ihr Körper die Sitzunterlage berührt... Nehmen Sie wahr, wie Sie gehalten und getragen werden... Und lassen Sie sich in diese Unterstützung hineinsinken... Spüren Sie Ihren unteren Rücken... den oberen Rücken... Ihre Schultern... Nehmen Sie Ihre Oberarme wahr... und die Unterarme... Spüren Sie Ihre Hände... was Ihre Hände berühren... Schließen Sie auch Ihren Kopf mit ein in Ihre Aufmerksamkeit...


Lassen Sie dann ganz sanft Ihre Aufmerksamkeit nach innen gehen... in den Hals... den Brustkorb... den Magen und den Bauch... Und kommen Sie wirklich ganz dort an... dort im Inneren Ihrer selbst... so als wäre dort Ihr Zentrum... Ihr Zuhause... Und spüren Sie dann nach, wo in Ihrem Körper es sich gut anfühlt... gelöst... offen... frei... oder zumindest neutral...


(Und wenn sich zuerst Bereiche melden, die sich nicht gut anfühlen, wo es weh tut, oder verkrampft ist oder etwas arbeitet, dann ist das natürlich okay. Erkennen Sie diese Stellen einfach an: "Ja, so fühlt sich das an dort.")


Halten Sie auch Ausschau an Orten, zu denen Sie gewöhnlich nicht hinspüren, wie etwa die Zehenspitzen oder die Handflächen... Vielleicht finden Sie auch nur einen ganz kleinen Ort, groß wie eine Erbse, und das ist völlig okay... Nehmen Sie sich wirklich viel Zeit dafür, durch Ihren Körper zu wandern, wie durch eine Landschaft...


Und wenn Sie einen Ort gefunden haben, bleiben Sie dort mit Ihrer Aufmerksamkeit... und beschreiben Sie ihn so genau wie möglich... Wie sieht es dort aus... Welche Farben und Formen gibt es... Wie ist die Temperatur... Wie das Körpergefühl... Und welche emotionale Qualität beschreibt die Stimmung dort am besten...


Sobald Sie eine möglichst passende Beschreibung gefunden haben, bleiben Sie eine Weile da und genießen Sie es, einfach dort zu sein, dort an Ihrem ganz persönlichen guten Ort in Ihrem Körper...


Wenn der Zeitpunkt aufzuhören kommt, lassen Sie diesen Ort wissen, dass Sie bald an ihn zurückkehren werden, und bedanken Sie sich bei ihm... Lassen Sie dann Ihre Aufmerksamkeit wieder weiter werden... Nehmen Sie wieder den Raum um sich herum wahr... und kommen Sie zurück...


Durch diese Übung habe ich einen Ort in meinem Körper gefunden, der sich IMMER gut anfühlt, wo ich IMMER Zuflucht finden kann, egal, was um mich herum oder an anderen Stellen in meinem Körper gerade geschieht.


Möge es auch Ihnen gelingen, einen solchen Ort in sich zu finden. Gelingt Ihnen das nicht gleich zu Anfang, machen Sie sich keinen Stress. Suchen Sie einfach nach einer Stelle, an der es sich jetzt gerade angenehm anfühlt oder zumindest neutral. Morgen ist das vielleicht eine andere Stelle. Mit dieser Übung können Sie immer wieder den Weg an einen Ort finden, an dem Sie es gut aushalten können.


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