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Das Paradoxon des Wandels

Posted on November 2, 2019 at 4:45 AM Comments comments (0)

"Das seltsame Paradoxon ist, dass ich mich wandeln kann, wenn ich mich genau so akzeptiere, wie ich bin", schreibt Carl Rogers, der Begründer des Personenzentrierten Ansatzes und der sogenannten Gesprächspsychotherapie.






Und tatsächlich machen viele Menschen die Erfahrung, dass es sich im Inneren besser anfühlt, wenn man etwas, das man lange bekämpft hat, so annimmt, wie es ist. Das Erstaunliche ist, dass es in dem Moment häufig seine Form verändert.





Ein Beispiel: Nach jahrelangem Kampf gegen aggressive, explosive innere Anteile seiner selbst, akzeptiert man endlich, dass sie da sind. Und plötzlich fühlen sie sich nicht mehr explosiv an, sondern eher wie eine reife Form der Selbstbehauptung, die man sehr gut kontrollieren kann.





Wenn ich das einmal beobachtet habe, könnte ich in Zukunft versuchen, etwas in mir, das mich stört, einfach zu akzeptieren, damit es sich verändert. Doch das funktioniert leider nicht. Es stört mich ja und deswegen kann ich es nicht akzeptieren. Wie kann man diese paradoxe Situation auflösen?





Zunächst einmal, indem ich mir bewusst mache, dass nicht ich MICH annehmen muss, sondern ETWAS in mir. Da bin ICH, der wahrnimmt und spürt, und da ist ETWAS, das sich nicht so entwickelt hat, wie es nötig gewesen wäre, beispielsweise etwas, das in bestimmten Situationen explosiv wütend wird. Und ICH kann eine Beziehung zu dem ETWAS aufnehmen und sagen: "Ja, du bist wirklich da!"





Das bedeutet aber nicht, dass ich mich ihm einfach ergebe und nicht daran arbeite. Vielmehr schafft meine Beziehung zu dem explosiven Etwas einen geschützten Raum, in dem es erst einmal sein und atmen kann. In diesem Raum kann ich es dann erforschen: Wie fühlt es sich an? Wie sieht es aus? Was möchte es für mich erreichen? Und vielleicht auch: Woher kommt es?





Und dann verwandelt es sich, denn (fast) nichts in uns ist ein für alle mal so, wie es gerade ist. Alles befindet sich im Wandel, ist ein Prozess. Dieser Prozess kann stecken bleiben und dann fühlt es sich so an, als wäre da etwas in Stein gemeißelt. Der Prozess kann aber auch wieder in Fluss geraten und dann verändere ich mich.





Wenn ICH in Beziehung trete zu ETWAS in mir, das sich nicht gut anfühlt, und ihm Raum gebe und akzeptiere, dass es da ist, auch wenn es mir (oder anderen Teilen von mir) nicht gefällt, kann es auftauen und wieder zu dem Prozess werden, der es eigentlich ist. Und das ist kein Paradoxon, sondern schlicht und ergreifend das Leben!

Focusing und Kreativität

Posted on August 30, 2019 at 11:00 AM Comments comments (0)

Ich erinnere mich noch genau an eine Focusing-Sitzung, die ich vor vielen Jahren allein mit mir durchgeführt habe. Damals hatte ich gerade an einer Einführungsveranstaltung ins Focusing teilgenommen.




Während dieser Sitzung stieg der tiefe Wunsch in mir auf, kreativ zu sein, zu schreiben und zu gestalten. Das war sehr überraschend für mich, da ich mich bis zu diesem Zeitpunkt als einen eher analytischen Typ gesehen hatte, der mit Kunst und Kreativität nichts am Hut hat.




Mit Focusing können wir unsere kreative Energie finden und entdecken, wie und wohin sie fließen möchte. Ins Schreiben, Malen, Tanz, Dichten, die Musik, die Schauspielerei, Gesang oder einen anderen Bereich?




Indem wir nachspüren, finden wir nicht nur die richtige Richtung, sondern auch den nächsten richtigen gestalterischen Schritt, den nächsten Satz, Vers, Pinselstrich, Ton usw.




Ich bin davon überzeugt, dass echte Kunst genau so entsteht, auch wenn der Künstler noch nie etwas von Focusing gehört habt. Wirkliche Künstler folgen ihrem Felt Sense, spüren nach und lassen den nächsten Schritt vom unklaren Rand in sich kommen, von dort, wo sie etwas spüren, das eindeutig da, aber noch ungeformt ist, das noch keinen Ausdruck gefunden hat. Von diesem unklaren Rand kann etwas wirklich Neues kommen, etwas, das noch nie jemand vor einem ausgedrückt hat.




Mit Focusing können wir auch die inneren Blockaden finden und auflösen, die unserer Kreativität im Wege stehen. Was in mir verhindert den Fluss meiner kreativen Energie?




In meinem Fall war das etwas, das panische Angst davor hatte, dass ich vernichtet werde, wenn ich in der Öffentlichkeit sichtbar bin.




Mit Hilfe von Focusing habe ich dieses Etwas durch Prozesse führen können, so dass meine Kreativität nun deutlich flüssiger ist. Das Ergebnis: eine gut besuchte Webseite, zwei Kurzromane, zahlreiche Youtube-Videos usw.




Auch eine meiner Focusing-Schülerinnen hat auf diese Weise ihre Kreativität entdeckt und ein wundervolles, spirituelles, heilsames Büchlein geschrieben, das ich allen nur wärmstens ans Herz legen kann:




Carolin Lichthaus: Das Zarte und das Wunderbare: Ein Geschenk für dein Herz


Lohnt es sich in meinem Alter noch, mit Focusing anzufangen?

Posted on August 21, 2019 at 6:35 PM Comments comments (0)

Vor allem ältere Menschen haben manchmal das Gefühl, dass es zu spät ist, sich zu verändern. Jahrzehnte haben sie mit ihren alten Mustern und Begrenzungen gelebt. Was soll es jetzt noch bringen, daran zu arbeiten?





Als Antwort darauf möchte ich Gene Gendlin, den Begründer von Focusing, zitieren:




"Ein großer Teil des schlechten Gefühls wegen dem, was wir verpasst haben, rührt in Wahrheit daher, dass wir immer noch dieselben sind. Wir würden all das noch einmal verpassen! Im Nachhinein hätten wir all das Verlorene in der Vergangenheit vermeiden können. Aber in ähnlichen Situationen verhalten wir uns heute genauso! Sobald sich das ändert, können wir das Verlorene viel leichter aushalten.




Selbst wenn wir nicht sofort auf eine neue Art und Weise leben können, bringt es Energie, sich seinen Begrenzungen zu stellen. Die Herausforderung sorgt für frische Luft."




(Gendlin, E.T.: Let Your Body Interpret Your Dreams. Chiron Publications: Wilmette (Illinois) 1986; meine Übersetzung)

Unser zartes, unschuldiges Ich

Posted on July 27, 2019 at 6:35 PM Comments comments (0)

Wenn wir geboren werden, sind wir unschuldige, zarte Wesen, die von liebevollen Händen in der Welt empfangen werden müssen.





Leider meint die Welt es aber oft nicht gut mit uns. Unsere Bezugspersonen haben nicht die Feinfühligkeit, die wir bräuchten, die politischen, sozialen oder ökonomischen Bedingungen verhindern, dass wir uns gut entwickeln, oder wir werden sogar in einem Kriegsgebiet geboren mit all den Traumatisierungen, die das nach sich zieht.




Die körperlichen und emotionalen Verletzungen, die wir durch solche Gegebenheiten erleiden, führen sehr wahrscheinlich dazu, dass wir selbst falsche Entscheidungen treffen und anderen Menschen und uns selbst in irgendeiner Weise wehtun.




Doch unsere unschuldige, zarte Essenz lebt weiter in uns, egal was uns widerfahren ist und egal was wir selbst gemacht haben. Manchmal können wir vielleicht einen Hauch dieser Qualität spüren. Es ist weniger ein Danach-suchen als ein Da-sein-lassen, sobald sie von alleine kommt.




In dem Maße, wie wir uns unserem inneren Erleben zuwenden und die Anteile unserer selbst durch den Entwicklungsprozess führen, den sie benötigen, wird unser zartes, unschuldiges Ich immer häufiger kommen. Wichtig ist zu spüren, wenn das passiert, da es sich vermutlich anfangs nur sehr kurz und sehr flüchtig zeigt.




Es ist so, als würde Gutheit nach und nach in unseren Körper zurückkehren. Diese Gutheit ist unser eigentliches Wesen, das, was wir eigentlich sind und waren, bevor widrige Umstände uns verbogen haben. Es handelt sich dabei nicht um das, was "inneres Kind" genannt wird. Das sogenannte "innere Kind" ist ein Anteil, der durch einen Prozess geführt werden muss, damit unsere unschuldige Essenz wieder zutage treten kann.




Und noch einmal: Man kann nicht danach suchen, sondern es geschieht von alleine, wenn man die innere Arbeit betreibt, die durch Focusing vorangetrieben wird.

Das Trauma liegt nicht im Ereignis, sondern in dem, was danach nicht passiert

Posted on July 20, 2019 at 8:05 AM Comments comments (0)

Keiner von uns geht ohne Verletzungen und Verluste durchs Leben. Ob daraus ein Trauma wird oder nicht, hängt von mehreren Faktoren ab.





Wir können Trauma als ein Ereignis definieren, dass uns in unserer körperlichen oder psychischen Existenz bedroht und das so intensiv ist, dass unser Nervensystem es nicht verarbeiten kann.




Das Ereignis selbst spielt dabei natürlich auch eine Rolle, aber nicht die entscheidende. Das erkennt man daran, dass unterschiedliche Menschen, bedingt durch ihre Lebensgeschichte und ihren kulturellen Hintergrund, bestimmte Ereignisse völlig anders bewerten.




Was der eine als bedrohlich erlebt, ist es für den anderen noch lange nicht. In der einen Kultur ist Nacktheit schockierend, in der anderen ist sie völlig normal. Ein geübter Fallschirmspringer erlebt den Sprung aus großer Höhe als Kick, jemand, der gezwungen ist, per Fallschirm aus einem abstürzenden Flugzeug zu springen, als extrem beängstigend. (Natürlich gibt es auch Ereignisse, die universell als bedrohlich erlebt werden, wie z.B. ein Überfall, eine Vergewaltigung oder die Begegnung mit einem Tiger in freier Wildbahn).




Ob sich dieses Erlebnis aber nun als Trauma in unser überfordertes Nervensystem einbrennt oder nicht, ist vor allem davon abhängig, wie wir von anderen Menschen NACH dem Vorfall unterstützt werden. Werden wir gehalten und in den Arm genommen, wird uns zugehört und geglaubt, dürfen wir davon erzählen, wie es uns geht, und dürfen wir die aufgestaute Energie herauslassen, dann kommt es zu KEINEM Trauma.




Bekommen wir diese Unterstützung jedoch nicht, bleibt die Energie in unserem System stecken und wir rennen fortan mit ihr durchs Leben. Diese Energie wird dann ihr Unwesen in uns treiben und sich solange in für uns unerklärlichen Symtomen äußern, bis wir jemanden finden, der uns hilft, sie zu verarbeiten. Und das macht Hoffnung, denn diese Hilfe ist auch noch Jahre oder sogar Jahrzehnte später möglich.




Focusing nach Gene Gendlin und Somatic Experiencing nach Peter Levine sind zwei (sich sehr ähnliche) Prozesse, die dabei helfen können, die angestaute Energie des unverarbeiteten Traumas wieder in Fluss zu bringen. Wirksam werden diese Methoden dann, wenn sie in einer unterstützenden Beziehung, wie oben beschrieben, eingebettet sind.

Bewerten und beurteilen mit Focusing

Posted on May 29, 2019 at 3:20 PM Comments comments (0)

Wenn wir selbst fokussieren oder die Focusing-Prozesse anderer Menschen begleiten, bewerten und beurteilen wir nicht, was im Prozess geschieht oder sich zeigt. Wenn wir spüren, dass in uns Bewertungen oder Beurteilungen aufsteigen, dann machen wir sie zu einem Teil unseres Prozesses, indem wir beispielsweise sagen:





"Ich spüre etwas in mir, dass etwas in mir kritisiert/verachtet/weg haben/anders haben will etc."





Anschließend wenden wir uns dem zu, was bewertet oder beurteilt, um nachzuspüren, was es antreibt.





Einige von uns üben jedoch Berufe aus, in denen wir gezwungen sind, dienstliche Beurteilungen abzugeben oder Menschen und ihre Leistungen in irgendeiner Form zu bewerten.





Da ich selbst nicht nur Focusing-Trainer bin, sondern auch Lehrer im staatlichen Schulsystem, gilt das für mich ganz besonders. Ständig muss ich Klassenarbeiten korrigieren, Abiturprüfungen abhalten, Zeugnisnoten geben etc. Wie lässt sich das mit der oben beschriebenen Focusing-Haltung, die mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen ist, vereinbaren?





Die Wahrheit ist, dass mir das lange Zeit sehr schwer gefallen ist und auch heute noch würde ich lieber keine Zensuren geben müssen. Da aber nun einmal genau das von mir verlangt wird und ich meine Arbeit mit den Kindern und ihren Eltern zu sehr liebe, um sie an den Nagel zu hängen, gehe ich wie folgt vor:





Ich lasse einen Felt Sense in mir aufsteigen, also ein ganzheitliches, körperlich spürbares inneres Gefühl, welche Zahl auf der Skala von 1 bis 6 sich für mich richtig anfühlt bezüglich einer bestimmten Leistung.





In dieses Gefühl fließen die erbrachte Leistung selbst mit ein, die Bewertungskriterien, die ich anlegen muss, das Kind, das die Leistungen erbracht hat, und seine Hintergrundgeschichte, meine Gefühle gegenüber diesem Kind, das Verhältnis zu der Leistung anderer Kinder und vor allem mein Gespür dafür, welche Note welche Reaktion bei dem Kind auslösen wird, welche Zensur es braucht, um sich positiv zu entwickeln.





In der Regel erspüre ich so eine Note, die sich für mich richtig anfühlt. Sehr häufig sind das gute Noten, manchmal spüre ich aber auch, dass es eine Fünf braucht, um eine Vorwärtsbewegung in Gang zu setzen.





Dabei bemühe ich mich so gut ich kann, im Kontakt zum inneren Erleben das Kindes zu bleiben und mit ihm darüber zu sprechen. Die Beziehungsebene und der Kontakt zum inneren Erleben müssen Vorrang haben vor allen Beurteilungen und Bewertungen, zu denen wir gezwungen werden, wenn wir Entwicklung fördern wollen! Wenn wir das nie vergessen, dann können auch wir Focusing-Leute Beurteilungen und Bewertungen abgeben.

Focusing - eine Methode neben vielen anderen?

Posted on April 22, 2019 at 4:00 PM Comments comments (0)

Focusing wird häufig als eine Methode dargestellt, die gleichberechtigt neben vielen anderen steht. Es gibt die Gewaltfreie Kommunikation, Meditation, Yoga, die unterschiedlichsten psychologischen Schulen und unzählige andere Wege, um zu sich selbst und anderen Menschen zu finden - und es gibt eben auch Focusing.





Es ist vollkommen berechtigt, Focusing neben all die anderen Methoden zu stellen, denn wir haben eine Vorgehensweise, die sich deutlich von diesen unterscheidet. Kern dabei ist die Kontaktaufnahme zu unseren sogenannten Felt Senses, zu unserer körperlich spürbaren Resonanz auf vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Lebenssituationen. Die Dimension des Felt Senses spielt in anderen Methoden kaum eine Rolle, auch wenn sich einige inzwischen des Begriffes „Felt Sense“ bedienen, den Eugene Gendlin, der Begründer von Focusing, geprägt hat. (Meist wird dieser Begriff aber missverstanden.)





Focusing kann tatsächlich jedoch noch viel mehr sein als eine Methode neben anderen. Für mich persönlich ist Focusing eine Meta-Methode, die die Fähigkeit vermittelt nachzuspüren, welche anderen Methoden zu mir passen und für mich funktionieren. Was fühlt sich gut für mich an und was nicht? Vielleicht gibt es einzelne Elemente anderer Vorgehensweisen, die mir weiterhelfen?




Ich selbst habe gute Erfahrungen gemacht mit der Gewaltfreien Kommunikation, mit Vipassana-Meditation, Chi-Gong und verschiedenen psychologischen Schulen, wie beispielsweise dem personenzentrierten Ansatz nach Rogers und der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth. Erkenntnisse aus diesen Ansätzen haben mich ungemein bereichert und ich würde auf nichts davon verzichten wollen.





Außerdem nutze ich all diese Wege mit einer Focusing-Orientierung, indem ich bei allen Schritten, die ich mir dort entliehen habe, Kontakt herstelle zur Felt-Sense-Dimension, zum ganz konkret um Körper spürbaren Erleben – sowohl bei mir selbst als auch bei meinen Klienten. So entgeht man der Entweder-oder-Falle - entweder betreibe ich Focusing oder Gewaltfrei Kommunikation, aber nicht beides gleichzeitig. Wenn ich immer wieder in meinen Körper hinein spüre, egal was ich gerade mache, ist es möglich, Focusing mit allen anderen Methoden zu kombinieren. Dadurch werden diese Methoden effektiver und Focusing selbst auch.





In diesem Sinne ist Focusing tatsächlich eine Meta-Methode.

Focusing und Somatic Experiencing

Posted on April 15, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

In der letzten Zeit melden sich immer wieder Leute bei mir, die entweder Somatic-Experiencing-Sitzungen nach Peter Levine gemacht haben oder die selbst eine Somatic-Experiencing-Ausbildung absolvieren. Meist kommt dann die Frage auf, wie sich Focusing davon unterscheidet. Beide Methoden sind sich in der Tat so ähnlich, dass man meinen könnte, sie hätten dieselben Wurzeln. Doch das ist nicht so.




Focusing ist aus der Synthese des philosophischen Werks Eugene Gendlins und seiner Pionierarbeit im Bereich der Psychotherapie entstanden, und zwar in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, also deutlich vor Somatic Experiencing.




Dieses geht auf die Arbeit Peter Levines mit Menschen zurück, die ein Schocktrauma erlebt haben, wie beispielsweise Autounfälle, Krieg oder Vergewaltigung. Dabei wird besonders auf Bewegungen geachtet, die spontan entstehen und Ausdruck eines unvollendeten Angriffs- oder Fluchtimpulses sind. Kann sich die im Nervensystem aufgestaute Energie entladen, flaut das Trauma nach und nach ab.




Peter Levine hat zwar die Schriften Eugene Gendlins gelesen und dessen Konzept des "Felt Sense" übernommen (einer Körperempfindung mit einer Bedeutung oder Botschaft), trotzdem handelt es sich bei Somatic Experiencing um eine eigenständige Methode mit etwas anderen Schwerpunkten und einem eingeschränkteren Anwendungsbereich - nämlich der Verarbeitung von Schocktraumata.




Demgegenüber hat Focusing einen viel weiteren Anwendungsbereich. Wir spüren in unseren Körper, um herauszufinden, welche Bedürfnisse wir haben und was sich für uns richtig anfühlt. Außerdem geht es uns um die Heilung alter Verletzungen, vor allem der Wunden, die Entwicklungstraumata hinterlassen haben. Auch Schocktraumata können mit Focusing verarbeitet werden, jedoch sollte dies im Rahmen einer Psychotherapie bei einem kompetenten Psychotherapeuten geschehen.




Zusammenfassend kann man sagen, dass denjenigen von uns, die ein einzelnes oder mehrere einzelne schlimme Erlebnisse, wie Vergewaltigung, Unfälle oder Gewalt, erlebt haben, durch Peter Levines geniales Somatic Experiencing geholfen werden kann. Diejenigen von uns, die auf der Suche nach einer Methode sind, mit der sie sich selbst und andere im Alltag unterstützen und erforschen können, und die alte emotionale Wunden heilen wollen, sind vermutlich bei Focusing besser aufgehoben.

Diagnosen aus Focusing-Sicht

Posted on April 8, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Die Welt der Psychologie ist voller Diagnosen. Diejenige, die ich am häufigsten bei Erwachsenen höre, lautet "Depression" und bei Kindern und Jugendlichen "AD(H)S". Andere Diagnosen, von denen Menschen mir berichten, sind "Neurosen", "Schizophrenie", "Introjektionen", "Borderline-Störungen" und medizinisch klingende Begriffe, manchmal auch lateinischer Herkunft, die so kompliziert sind, dass ich sie mir nicht merken kann.




Bei solchen Begriffen handelt es sich aus meiner Sicht um Etiketten, die einer bestimmten Ansammlung von Symptomen aufgeklebt werden, um sie irgendwie handhabbar zu machen und darüber reden zu können.




Vielleicht macht das Sinn, um bei Krankenkassen Leistungen für dringend benötigte Hilfe abrufen zu können. Manchmal schafft es für die Betroffenen auch eine gewisse Erleichterung, endlich ein Wort zu haben, das einem erklärt, was mit einem angeblich los ist.




Häufig handelt es sich aber auch um ein Stigma, das nur schwer zu ertragen ist. Wer möchte seinen Kollegen schon erklären, dass sie in der nächsten Zeit die ganze Arbeit alleine machen müssen, weil er oder sie eine "post-traumatische Belastungsstörung" hat?




Aus Focusing-Perspektive sind all diese Etiketten und Kunstwörter, die man teilweise kaum aussprechen kann, komplett nutzlos. Wir Focusing-Leute diagnostizieren nicht und wenn uns ein Mensch, mit dem wir arbeiten, mit einem solchen Label konfrontiert, das ihm woanders aufgeklebt wurde, übernehmen wir den Jargon nicht und laden die Person stattdessen ein, ganz konkret in ihrem Körper nachzuspüren, wie sich "all das, was damit zu tun hat" dort anfühlt.




Wo kann sie das, was andere als "Neurose" bezeichnen, spüren? Wie fühlt es sich an? Ist es ein Ziehen oder Stechen oder Drücken? Hat es eine Farbe oder Form oder Temperatur? Wie ist die emotionale Qualität? Traurig? Verzweifelt? Ängstlich? Wütend? Oder fühlt es sich von seinem Standpunkt aus überraschenderweise gut an, wie das bei sogenannten "Perversionen" meistens der Fall ist?




Dieses ganz konkrete Nachspüren im Körper öffnet Tore für einen Veränderungsprozess, der verschlossen bleibt, wenn wir lediglich ÜBER das zugrundeliegende Erleben sprechen und mit Begriffen um uns schmeißen. Wenn innere Zustände ein Fachwort aufgeklebt bekommen, das im besten Fall Ehrfurcht einflößt und im schlechtesten Angst, wie beispielsweise "Psychose", dann wird der Heilungsprozess, der eigentlich möglich wäre, verhindert.




Wenn Ihnen also eine Diagnose ausgestellt wurde, dann legen Sie diese einmal eine Weile beiseite und spüren Sie nach, wie sich das, worum es geht, in Ihrem Körper anfühlt, und seien Sie offen für das, was Sie dort wahrnehmen. Das ist der Focusing-Weg!

Focusing im Intimbereich

Posted on April 1, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

In der Focusing-Welt ist Sex noch immer unerforschtes Territorium, der schwarze Kontinent, über den man kaum redet und in den man sich nicht so recht hineinwagt.




Bei der Betonung, die wir Focusing-Leute auf den Körper legen, ist das schon sehr erstaunlich. Zwar wird immer wieder gesagt, es sei okay, auf sexuelle Themen zu fokussieren, man müsse seinem Focusing-Begleiter ja nicht unbedingt mitteilen, womit man sich innerlich gerade beschäftige, und im Zweifelsfall könne man ja auch alleine fokussieren. Der Intimbereich wird dann jedoch beim ganz konkreten Fokussieren ausgespart. Wir spüren in den Brustraum, den Magen und den Bauch, noch tiefer gehen wir meistens aber nicht.






Eine Ausnahme bildet meine unerschrockene israelische Focusing-Kollegin Kati Kimchi, die echte Pionierarbeit leistet, indem sie Focusing-Sitzungen anbietet, in denen es ganz explizit um Sexualität geht.




Kimchi berichtet, dass Focusing in die intimen Zonen genauso und auch genauso gut funktioniert wie das Fokussieren in andere Bereiche des Körpers. Wenn man mit seiner Aufmerksamkeit achtsam in die Genitalien hineinspürt und geduldig zuhört, was von dort aus mitgeteilt werden möchte, sagt sie, dann lernen wir sehr viel über uns selbst und auch darüber, was wir wirklich wollen und was wirklich gut für uns ist.




Gleichzeitig sei Focusing in den Intimbereich sehr geeignet, Innere Kritiker oder Innere Moralapostel auf den Plan zu rufen, die dann ebenfalls gehört und durch einen Prozess geführt werden können.




Wenn wir auf diese Weise in uns Hineinspüren, furchtlos und voller Mitgefühl, dann entfalten sich wundervolle und heilsame Prozesse, so Kimchi.




Für mich macht all das einen tiefen Sinn. Und niemand hindert uns daran, in diesem Feld zu experimentieren.

Soforthilfe bei einem fragmentierten Ich

Posted on March 25, 2019 at 7:00 PM Comments comments (0)

Wenn ich Focusing-Sitzungen gebe, macht es mich immer wieder traurig, wie viele Menschen an einem fragmentierten Ich leiden, einer Persönlichkeit, die zerrissen wird von inneren Kämpfen und Widersprüchen.






Innere Anteile zerren die Person in verschiedene Richtungen, etwas möchte beispielsweise in der gegenwärtigen Partnerschaft bleiben und etwas möchte ausbrechen, Emotionen überschlagen sich wie eine außer Kontrolle geratene Achterbahn - Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Einsamkeit etc. - und dann melden sich auch noch innere Stimmen, die einem Vorwürfe machen, dass es so ist, wie es ist, und dass eigentlich alles ganz anders sein könnte, wenn man sich nur ein wenig mehr anstrengen würde. Und darauf reagieren natürlich wieder innere Anteile mit Scham, einem Gefühl der Wertlosigkeit oder schierer Verzweiflung. Von den körperliche Auswirkungen all dessen ganz zu schweigen!




Die Wahrheit ist, dass der Prozess, die verschiedenen Fragmente des Ichs wieder zu integrieren, teilweise sehr langwierig sein kann. Einige Teile lassen sich recht schnell in die Ganzheit zurückführen, für andere braucht man unter Umständen Jahre.




Auch ich bin von einer solchen inneren Zerrissenheit nicht verschont geblieben und musste auf die schmerzhafte Art und Weise lernen, was funktioniert und was nicht. So habe ich zu Focusing gefunden.




Der Focusing-Prozess zielt in seiner Essenz darauf ab, die einzelnen Anteile der Persönlichkeit wieder zu einem geschlossenen Ganzen zusammen zu setzten. Wie kann man das tiefe Leiden, dass Menschen auf dem Weg dorthin empfinden, sofort ein wenig mildern?




Hier ist, was ich mache und was fast immer zu einer Verbesserung des Zustandes führt: Ich unterstütze Menschen darin, aus der Identifikation mit den Einzelteilen herauszutreten und sich mit dem wahrnehmenden Ich zu identifizieren, mit dem, was all die scheinbar chaotischen und außer Kontrolle geratenen Teile spüren und sehen kann, mit dem Ich, das all den Fragmenten gegenüber treten kann. Dafür gibt es zahlreiche sprachliche Formulierungen, z.B.:




"Und erinnern Sie sich daran, dass Sie derjenige sind, der das, was Angst hat, wahrnehmen kann. Das, was Angst hat, ist da und Sie sind auch da."




Dabei betone ich immer ganz besonders das Wort "Sie".




Diese Intervention führt in sehr vielen Fällen zu einer neuen Perspektive auf sich selbst und das eigene Leid. Diese ermöglicht Mitgefühl für sich selbst und bringt Erleichterung und neue Handlungsmöglichkeiten.




Der eigentliche Prozess der Heilung, der die einzelnen Fragmente wieder zu einer organischen und robusten Einheit zusammensetzt, profitiert davon und baut darauf auf.

In den Eingeweiden leben

Posted on March 19, 2019 at 10:40 AM Comments comments (0)

Was ist die wichtigste Botschaft, die ich als Focusing-Trainer vermitteln möchte? Was ist der wichtigste Tipp von allen, die ich jemals gegeben habe? Was ist der eine Schritt, den meine Focusing-Schülerinnen und Focusing-Schüler in ihr Leben integrieren sollten, selbst wenn sie alles andere, was sie bei mir gelernt haben, wieder vergessen?




Meine Antwort lautet: Leben Sie in Ihren Eingeweiden! Eigentlich müsste ich sagen: "Leben Sie in Ihrem Körper!", doch das Verständnis davon, was mit "Körper" gemeint ist, ist so mannigfaltig, dass ich viele Menschen damit auf die falsche Fährte locken würde. Also sage ich: "Leben Sie in Ihren Eingeweiden!", weil das ganz präzise in den Bereich führt, den ich meine.




Lassen Sie mich das genauer erklären: Wir stehen mit unserem Körper in der Welt und leben in ihm und aus ihm heraus. Alles, was in uns und um uns herum passiert, löst eine körperlich spürbare Resonanz in uns aus - das, was wir im Focusing Felt Sense nennen.




Angenommen, Sie treffen eine Entscheidung und spüren, wie sich etwas in ihrem Bauch öffnet und leichter wird. Und da, wo früher eine Enge im Hals war, fühlt es sich plötzlich freier an. Dann geht die Entscheidung - oder etwas an der Entscheidung - vermutlich in die richtige Richtung für Sie.




Oder Sie spüren in dem Moment, in dem Sie Ihre Entscheidung in die Tat umsetzen wollen, dass sich im Herzbereich auf einmal etwas verkrampft und schwer wird wie Blei. In dem Fall ist es vielleicht eine gute Idee, sich noch mehr Zeit zu nehmen für die Entscheidung und noch einmal ganz genau nachzuspüren.




Wenn Sie auf diese Weise mit einem Teil Ihrer Aufmerksamkeit in Ihrem Körper leben - in Ihren Eingeweiden - wenn ein Teil Ihres Bewusstseins im Bereich von Hals, Brust, Bauch und Magen ruht, während Sie in Ihrem Alltag stehen, und Sie spüren, was dort gerade passiert, dann leben Sie in einem tieferen Kontakt mit sich selbst.




Natürlich ist das manchmal nicht leicht, denn oft sind es unangenehme Empfindungen, die wir dort spüren. Wenn wir jedoch nicht unserer kulturellen Prägung folgen und uns von unserem körperlichen Erleben, dem, was wir in unseren Eingeweiden wahrnehmen, abwenden, sondern uns ihm stattdessen zuwenden, lernen wir sehr viel über uns selbst und auch über die Situationen, in denen wir uns befinden.




Diese Informationen brauchen wir, um ein Leben führen zu können, das unserem Wohlbefinden dient und unserem wahren Wesen entspricht.

Willenskraft vs. Achtsamkeit

Posted on March 11, 2019 at 7:00 PM Comments comments (0)

"Ich muss mich einfach nur ein bisschen mehr anstrengen! Mit genug Willenskraft schaffe ich das schon! Meinen inneren Schweinehund überwinden! Ich ziehe das jetzt durch!"






Die Auffassung, dass wir unsere Ziele erreichen können, wenn wir uns einen Vorsatz fassen und genug Willenskraft dafür aufbringen, wird aus meiner Sicht völlig überbewertet. Haben Sie nicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass Sie sich etwas vorgenommen haben, voller Energie und Tatendrang haben Sie sich eine Weile dem neuen Projekt gewidmet, und kurz darauf sind Sie in die alten Muster zurückgefallen, verbunden mit einem Gefühl des Gescheitert-Seins und der Frustration? Woran liegt das?





Willenskraft bedeutet in der Regel, dass wir uns mit einem Teil von uns identifizieren, dass wir für diesen Teil Partei ergreifen und andere Teile oder Stimmen, die es vielleicht auch noch in uns gibt, überfahren, platt walzen oder beiseite schieben.




Wenn die Energie, die wir dafür aufgebracht haben, verbraucht ist, kehren all die unterdrückten Aspekte und Seiten unserer selbst mit aller Macht zurück und fordern ihr Recht ein dazusein, beispielsweise, wenn ich mir verbiete, jemals wieder Schokolade zu essen, und dann nach ein paar Wochen, in einem schwachen Moment, überkommt mich eine Fressattacke. Wenn Willenskraft nicht funktioniert, was dann?




Aus meiner Sicht lautet die Antwort: Achtsamkeit, Bewusstsein, Präsenz. Was wir brauchen, ist eine wertschätzende, achtsame, empathische, wertungsfreie Beziehung zu ALL unseren inneren Impulsen und Strebungen, keine Bevorzugung eines Teils gegenüber einem anderen.




Wenn wir spüren, dass da der Impuls ist, mit aller Willenskraft ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann braucht DAS unsere Aufmerksamkeit. Und wenn wir spüren, dass in unserem Innern dem etwas entgegensteht, dass sich etwas wehrt oder widersetzt, dann benötigt auch DAS unsere Zuwendung.




Mit Focusing können wir beide Seiten durch einen Prozess führen, der uns ihren Kern enthüllt, das, was sie auf tiefster Ebene antreibt. Von dort aus kann sich ein Weg entwickeln, der allen Seiten gerecht wird und den inneren Kampf beendet.

Inneres Erleben beschreiben

Posted on March 4, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Einer der wichtigsten Focusing-Schritte ist, dass wir unser inneres Erleben beschreiben. Das könnte etwa wie folgt klingen:







"Ich spüre ein Ziehen in meiner Brust. Nein... Ziehen passt nicht richtig... eher wie ein Drücken... gedrückt werden... Nein, zerdrückt werden! Es ist irgendwie schwarz und platt... wie ein Teerklumpen, über den eine Dampfwalze gefahren ist... Und da steckt auch ein Gefühl drin... Festgefahren! Etwas in mir fühlt sich so! Plattgedrückt und festgefahren!"




Warum machen wir das? Warum ist das so wichtig? Ich sehe zwei Gründe:




Wenn wir ein inneres Erleben in all seinen Nuancen beschreiben, sind wir nicht länger darin gefangen. Es ist so, als würden wir einen Schritt zurücktreten und uns dieses Erleben aus etwas Abstand anschauen. Schon das allein bringt eine gewisse Erleichterung. Wir sind unseren Empfindungen nicht länger passiv ausgeliefert, sondern wenden uns ihnen aktiv zu und beschreiben sie.




Der zweite Grund ist aber noch viel wichtiger. Es ist die große Entdeckung Eugene Gendlins, des Begründers von Focusing, dass sich unser Erleben verändert und Schritte macht, wenn wir uns ihm zuwenden und es in Worte fassen. Und zwar in eine Richtung, die sich gut anfühlt und unser Leben vorantreibt. Festgefahrene und steckengebliebene Prozesse können so wieder in Fluss kommen.




Und natürlich gibt es noch weitere Focusing-Schritte, die das unterstützen!

Focusing und positive Empfindungen & inneres Erleben ausleben

Posted on February 25, 2019 at 6:00 PM

Ein Leser schreibt:




Hallo Herr Katz,




mich beschäftigt die Frage, wird man nicht völlig gefühllos nach außen, wenn man sich immer sagt: "Ah, da ist ein etwas (Gefühl) in mir ... ich begrüße es ..." usw.? Dann bin ich nach außen doch wie eine Littfasssäule ... und alles findet nur innen statt. Wenn ich das mit meinen negativen Gefühlen mache, mag das ja irgendwie ok sein, doch wenn ich mir das vorstelle, mit meiner Heiterkeit zu machen, ist das schon komisch!




Wenn ich das mit der Angst mache, ist es ein auf Distanz gehen, was bis dahin nachvollziehbar ist. Aber wenn ich das mit meiner Freude mache, ist es schon komisch.




Auch sieht das so aus, als wenn man beim Focusing die Gefühle gar nicht ausleben kann.




Also irgendwie sehe ich da doch etwas falsch. Oder?




Wäre schön, wenn sie mir dabei einen Tipp geben könnten.




Besten Dank!




Lieber Leser,




das sind gute und wichtige Fragen!




Sie haben vollkommen recht, dass es keinen Sinn macht, sich von positiven Empfindungen, wie etwa Heiterkeit oder Freude, zu disidentifizieren, indem wir beispielsweise sagen "Etwas in mir ist heiter" und es dann begrüßen.




Wir disidentifizieren uns von schwierigen Empfindungen, um sie durch einen Prozess zu führen. Angenehme Empfindungen brauchen keinen Prozess. Die können einfach so bleiben, wie sie sind. Oft ist es aber gut, sie ganz bewusst im Körper zu spüren und das Gefühl wirklich zu genießen. Die meisten Menschen nehmen sich viel zu wenig Zeit dafür.




Focusing bedeutet nicht, dass wir alles, was wir spüren, im Innern halten und es nicht nach außen zeigen. Wenn wir inneres Erleben jedoch einfach ungefiltert nach außen tragen, bereuen wir das in vielen Fällen anschließend. Wenn wir uns aber Zeit nehmen und innehalten, um darauf zu fokussieren, ergeben sich häufig Wege, inneres Erleben nach außen zu tragen, die für die Situation angemessen sind. Vielleicht bedeutet das sogar, dass wir mit der Faust auf den Tisch hauen und schreien: "So geht das nicht weiter!" Aber erst nachdem wir darauf fokussiert haben.




Manchmal dauert dieses Innehalten nur eine Sekunde, manchmal viele Stunden. Das Entscheidende ist, erst nachzuspüren und dann zu handeln.




Herzliche Grüße




Arno Katz


Selbst-Regulation und Co-Regulation

Posted on February 18, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Selbst-Regulation und Co-Regulation sind zwei ganz entscheidende Konzepte, um Beeinträchtigungen des Erlebens und Verhaltens zu verstehen.





Selbst-Regulation ist die Fähigkeit, Zustände innerer Erregung, sowohl angenehmer als auch unangenehmer, auszuhalten und auf eine Weise auszugleichen, dass wir nach außen hin angemessen handeln können.




Schwierige Empfindungen, wie etwas Wut oder Trauer, können wir in uns halten und einfach da sein lassen und wir finden Wege, sie nach außen zu tragen, die unserem Wohlbefinden förderlich sind. Für positive Gefühle können wir uns Zeit nehmen und sie voll und ganz genießen, ohne sofort wieder zur Tagesordnung über zu gehen.




Ist unsere Fähigkeit zur Selbst-Regulation nicht ausgereift, können wir Zustände innerer Erregung nur schlecht halten und aushalten. Stattdessen werden sie irgendwie nach außen getragen, um die Anspannung zu reduzieren, und es kommt zu unkontrollierbarem Verhalten, wie etwa Wutausbrüchen oder Zwangshandlungen.




Leider gilt das auch für angenehme Empfindungen. Menschen, die sich schlecht regulieren können, haben grundsätzlich ein Problem mit Zuständen innerer Erregung, gleichgültig ob positiv oder negativ. So lässt es sich erklären, dass manche Menschen wie versteinert wirken, obwohl sie gerade gute Nachrichten bekommen haben. Oder sie rasten vollkommen aus.




Unsere Fähigkeit zur Selbst-Regulation entwickelt sich in frühen Interaktionen zu unseren Bezugspersonen. Das Nervensystem von Säuglingen ist noch so unterentwickelt, dass sie sich einfach nicht selbst regulieren können. Sie brauchen das sanfte Gehalten- und Gestreicheltwerden durch andere Menschen, um wieder zur Ruhe kommen zu können. Ihr Nervensystem muss sich an das Nervensystem einer anderen Person koppeln, um innere Erregung abzubauen. Mit anderen Worten: Sie brauchen die Co-Regulation durch andere.




Erfüllen unsere Bezugspersonen diese Aufgabe nur unzureichend, so lernen wir nicht, uns selbst zu regulieren und unsere Fähigkeit, Zustände innerer Erregung auszuhalten und auszugleichen bleibt unterentwickelt. Angeborenes Temperament spielt dabei ganz sicher auch eine Rolle.




Die gute Nachricht ist, dass wir Versäumnisse unserer Bezugspersonen auch noch als Erwachsene nachholen können, indem wir in Beziehung zu Menschen treten, die uns sozusagen unter ihre Fittiche nehmen.




Ist die Fähigkeit zur Selbst-Regulation extrem schlecht ausgeprägt, benötigen wir unter Umständen Co-Regulation in Form von Coaching oder durch Psychotherapie. Focusing als ein Weg, der sich ganz gezielt Anspannung- und Erregungszuständen im Körper zuwendet, kann hierbei sehr wertvolle Dienste leisten.




Aber auch Menschen mit gut ausgebildeter Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, müssen sich von Zeit zu Zeit bei anderen anlehnen. Das Leben stellt uns ja immer wieder vor neue Herausforderungen und konfrontiert uns mit schwierigen Situationen. Niemand kann diesen Weg ganz alleine gehen.

Wer sind wir in unserer Essenz?

Posted on February 11, 2019 at 6:00 PM Comments comments (0)

Wenn wir uns einzig und allein mit unserem physischen Körper oder unserer Persönlichkeit identifizieren, dann sind wir verraten und verkauft.





Unser Körper wird zu großen Teilen von unserer genetischen Veranlagung bestimmt, im Laufe der Jahre wird er immer älter und gebrechlicher, bis eines Tages unser Lebensprozess komplett zum Erliegen kommt und wir sterben. Unsere Persönlichkeit wird entscheidend durch unsere Bezugspersonen, vor allem durch frühe, und unsere Lebensumstände bestimmt, die wir uns häufig nicht aussuchen können und auf die wir oft nur einen geringen Einfluss haben.




Diese Aussagen sind Konsens vieler spiritueller Richtungen und auch ich würde bis zu diesem Punkt weitgehend zustimmen. Wer sind wir dann aber eigentlich?




Aus Sicht besagter spiritueller Richtungen, etwa aus Sicht von Eckhart Tolle, sind wir das wahrnehmende Bewusstsein, in dem sich alle Bewusstseinsinhalte befinden, wie beispielsweise Körperempfindungen, Gedanken, Gefühle, innere Bilder etc. Wir sind die Präsenz, die alles, was in uns vorgeht, wahrnehmen kann.




Woher aber kommt unsere Präsenz? Und hier gehen die Ansichten auseinander. Ist sie der göttliche Funke in uns oder das sich selbst wahrnehmende Universum? Eigentlich spielt die Antwort keine Rolle, denn das, was mit Präsenz gemeint ist, existiert ganz eindeutig, auch wenn man keine Antwort auf diese Frage hat.




Ich möchte aber trotzdem eine Antwort geben, meine persönliche Antwort, die sich aus meiner Arbeit mit vielen, vielen Menschen und auch meiner Auseinandersetzung mit mir selbst entwickelt hat: Präsenz ist ein körperlicher Prozess. Sie wird im und durch den Körper generiert und lebt im Körper. Deshalb können wir es auch auf körperlicher Ebene spüren, wenn wir in Präsenz sind. Präsenz hat eine körperlich erlebbare Qualität, manchmal als gefühlte alles durchdringende Stille oder als ein Erleben des reinen Seins. Das ist der Grund, warum wir in Präsenz kommen können, wenn wir beispielsweise unserem Atem folgen oder in unseren Körper hinein spüren.




Präsenz kann auch verloren gehen, etwa wenn wir einen Schlag auf den Kopf bekommen oder aus irgendeinem anderen Grund das Bewusstsein verlieren. Der häufigste Grund, warum wir unsere Präsenz verlieren, ist aber, dass wir schlicht und einfach den Kontakt zu unserem Körper verlieren und außerhalb unseres Körpers leben. Der Weg zurück führt dann wieder über und durch den Körper, zum Bespiel durch unseren Atem.




Zwar findet man in den gängigen spirituellen Richtungen irgendwo den Hinweis, dass es eine gute Idee ist, den Körper mit einzubeziehen. Das wird dann aber meistens nur sehr halbherzig umgesetzt.




Im Focusing ist der Körper unser Hauptbezugspunkt und der Ort, an den und in den wir gehen und nachspüren. Denn wenn wir aus unserer Präsenz heraus in Beziehung treten zu unserem körperlich wahrnehmbaren Erleben, kommt es zu echter Heilung der Aspekte unserer selbst, die sich aufgrund widriger Umstände nicht entwickeln konnten. Dieser Heilungsprozess ist messbar und daher steht Focusing auf einem wissenschaftlich sehr soliden Fundament.




Und das ist genau das, was Focusing von besagten spirituellen Richtungen unterscheidet. Dort ist Präsenz meistens ein neutraler Beobachter, der wer-weiß-wo herkommt und lediglich wahrnimmt, aber eben nicht in Kontakt geht. So lässt sich erklären, warum diese Wege zwar zu Befreiung, nicht aber zu Heilung führen, was Anhänger dieser Richtungen sicherlich bestätigen werden, wenn sie ehrlich sind.




Aus meiner Sicht als Focusing-Trainer sind wir das vom Körper generierte Bewusstsein, die im Körper lebende Präsenz, die zu allem, was in uns vor geht, in BEZIEHUNG treten kann. Und dieser Weg führt zu Befreiung UND zu Heilung.




Wenn Ihnen all das zu abgehoben und zu spirituell erscheint, dann schieben Sie es einfach beiseite. Focusing ist ein ganz konkret erlernbarer Prozess, der auch funktioniert, wenn man sich nicht mit solchen Fragen beschäftigt.

Focusing und Digitalisierung

Posted on February 7, 2019 at 1:10 PM Comments comments (0)

Das Wort „Digitalisierung“ ist in aller Munde und der digitale Wandel wird mit wachsender Begeisterung zelebriert. Fast hat man den Eindruck, es sei ein goldenes Zeitalter angebrochen, eine neue Zeit, in der Milch und Honig in rauen Mengen fließen.






Ich kann die Euphorie gut verstehen. Es gibt heute Möglichkeiten, seine Welt zu gestalten, von denen vor Jahren noch niemand zu träumen gewagt hätte. Einen Blogeintrag zu schreiben, wie ich es gerade tue, und ihn mit einem Klick in die Öffentlichkeit zu entlassen, zugänglich von jedem noch so kleinen Winkel der Erde, wäre vor 25 Jahren noch undenkbar gewesen. Ohne die digitalen Medien könnte ich nicht Focusing unterrichten, da ich fast ausschließlich am Telefon und über Skype arbeite, und hätte es vielleicht selbst nie gelernt.




Manchmal gerate ich geradezu in einen Strudel der Begeisterung über die vielfältigen neuen Möglichkeiten: spannende Online-Kurse, Videokonferenzen mit interessanten Menschen, brandneue Apps usw. Und häufig spüre ich nach Stunden auf dieser Welle der Begeisterung eine Erschöpfung, ein Ausgebranntsein, ein Gefühl der Leere.




Der Grund dafür ist, dass unser Körper nicht digital ist, sondern ziemlich analog. Die Gene, die wir in uns tragen, sind in einer anderen Zeit entstanden, in grauer Vorzeit, in der unsere Vorfahren um ihr nacktes Überleben kämpften. Genetisch haben wir uns seitdem kein Stück weiterentwickelt. Auch wir empfinden eine tiefe Befriedigung, wenn wir gemeinsam mit unserer Sippe um das Lagerfeuer sitzen und die Beute zubereiten, die wir gerade erlegt haben. Feierfotos von Facebook-Freunden können dieses sättigende Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht ersetzen.




Was heißt das nun ganz konkret? Wir müssen uns regelmäßig Zeit nehmen, um in unseren Körper hinein zu spüren und Kontakt aufnehmen zu unserem körperlichen Erleben, zu der Resonanz, die dieses neue Zeitalter mit all seinen fantastischen Chancen in uns auslöst. Wir müssen in Kontakt bleiben zu den Sehnsüchten und Bedürfnissen unseres Körpers, um uns nicht im digitalen Sumpf aus Nullen und Einsen zu verlieren. Nur wenn wir in Verbindung stehen zu dem Leben, das durch unseren Körper pulsiert, können wir die Möglichkeiten dieser neuen Zeit auf eine Art und Weise nutzen, die unserem eigentlichen Wesen entspricht und unserem Wohlbefinden dient.




Ich selbst muss mich immer wieder daran erinnern und Focusing hilft mir dabei.

Meditation ist leichter und Focusing bringt mehr Wandel

Posted on January 16, 2019 at 11:50 AM Comments comments (0)

Vor kurzem habe ich mich mit einer amerikanischen Meditationslehrerin unterhalten, die Vipassana-Meditation nach Tara Brach und Jack Kornfield lehrt und die ebenfalls Inner Relationship Focusing betreibt. Ein interessantes Gespräch für mich, da ich Inner Relationship Focusing lehre und außerdem Vipassana-Meditation betreibe, die ich in einem hervorragenden Online-Kurs von Tara Brach und Jack Kornfield gelernt habe!





Wir waren uns einig, dass beide Methoden, wenn man denn von "Methoden" sprechen möchte, einen großen Teil des Weges gemeinsam gehen - bis an einen gewissen Punkt. Das ist der Punkt, an dem man sich von seinem inneren Erleben disidentifiziert hat und es ganz bewusst wahrnimmt.



An dieser Stelle verweilt die Vipassana-Meditation bei dem Erleben, ohne etwas damit zu machen, und ruht im Bewusstsein selbst. Inner Relationship Focusing und auch andere Focusing-Stömungen hingegen treten in Beziehung zu dem Erleben, ebenfalls ohne es verändern zu wollen, jedoch mit der Absicht, ihm zuzuhören und es in seinem tiefsten Kern empathisch zu verstehen.



Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Meditation einfacher ist, vor allem, wenn man müde und unkonzentriert ist, und dass sie die Identifikation mit unserer Präsenz noch intensiver stärkt als Focusing. Focusing erfordert mehr Konzentration und Anstrengung, führt aber eher dazu, dass inneres Erleben durch einen Heilungsprozess geführt wird, was bei Meditationstechniken häufig nicht der Fall ist.



Meine amerikanische Gesprächspartnerin und ich waren uns ebenfalls einig, dass es gut ist, mal den einen Weg zu gehen, mal den anderen und mal beide miteinander zu kombinieren.



Ich jedenfalls bin sowohl dankbar für meine Focusing-Ausbildung bei Ann Weiser Cornell und Barbara McGavin als auch für das Meditations-Training, das ich in dem Online-Kurs von Tara Brach und Jack Kornfield durchlaufen habe. Menschen, die von mir Focusing lernen, zeige ich gerne, wie beides miteinander verbunden werden kann.



Focusing und Stimme

Posted on January 12, 2019 at 2:15 PM Comments comments (0)

Letzte Woche habe ich an einem Online-Seminar zur Stimmbildung teilgenommen und dort eine interessante Erfahrung gemacht: Der ganze Körper dient als Resonanzraum für die Stimme, nicht nur der Mund- und Rachenbereich.





Probieren Sie es selbst einmal aus: Legen Sie eine Hand auf die Schädeldecke und anschließend auf den Brustkorb und sagen Sie etwas. Sie werden merken, dass diese Bereiche ganz leicht vibrieren.



Wenn nun irgendwo im Körper Spannungen sitzen, beeinträchtig das auch unsere Stimme. In dem Online-Seminar wurde das als etwas Negatives gesehen. Es wurde empfohlen, Spannungen zu lösen, damit unsere Stimme überzeugend und rein klingt.



Ich persönlich will aber überhaupt nicht, dass meine Stimme überzeugend und rein klingt, sondern authentisch. Und hier ergibt sich eine weitere Möglichkeit für den Focusing-Prozess: Wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit an den Ort in meinem Körper gehe, der angespannt ist oder an dem irgendwie etwas arbeitet, und wenn ich von dort spreche, und zwar mit einem Stimme, die zum Ausdruck bringt, wie es dem Ort geht - traurig, wütend, verzweifelt, begeistert - ergibt sich eine neue Dimension, mein inneres Erleben nach außen zu tragen, nämlich die des bewussten Einsatzes der Stimme.



Wenn wir mit unserem Erleben und seinem Ausdruck in Präsenz sind, fördert das den Entwicklungs- und Heilungsprozess, den die Orte in uns, an denen sich Verspannungen oder andere schwierige  Empfindungen befinden, brauchen. Und neben Worten, Bildern und Gesten ist unsere Stimme ein hervorragendes Ausdruckmittel für das, was in uns vorgeht.


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