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                           Die Geschichte des Hundes

Ann Weiser Cornell 

In Zusammenarbeit mit Barbara McGavin

Erschienen in The Focusing Connection, September 2000

(Ins Deutsche übertragen von Arno Katz)

 

Es war einmal ein Mädchen. Das Mädchen sehnte sich nach einem Kameraden, mit dem es spielen, laufen, springen und sich im langen Gras wälzen konnte. Jemanden, bei dem es sich an einem kalten Winterabend anschmiegen konnte. Jemanden, dem es Geheimnisse anvertrauen konnte. Und es hatte Glück, denn eines Tages bekam es zu seiner großen Freude einen wunderschönen kleinen Welpen mit glänzendem Fell, leuchtenden Augen und einem großen, kecken Grinsen im Gesicht.

Das Mädchen und der Hund liebten sich sehr und sie waren sehr glücklich zusammen. Eines Tages machte der Hund auf den Teppich. Die Eltern des Mädchens waren wütend und schimpften mit dem Hund und sagten dem Mädchen, dass es den Hund besser kontrollieren sollte, wer wusste, was sonst passieren würde!

Das Mädchen tat sein Bestes, dass der Hund nicht in die feinen Räume kam, doch eines Tages ließ es die Tür zum Wohnzimmer offen stehen. Man stelle sich seinen Schreck vor, als es in den Raum kam und sah, dass der Hund fast das ganze Bein des liebsten Stuhles der Mutter durchgekaut hatte.

Der Hund wurde auf die Veranda verbannt. Falls er jemals wieder ins Haus käme, müsste er fort gehen.

Stundenlang saß das Mädchen in der Kälte bei dem Hund und kuschelte sich an sein warmes weiches Fell, bis es entdeckt und aufgefordert wurde, ins Haus zu kommen und den bösen Hund in Ruhe zu lassen.

Eines Tages stand die Küchentür offen und der Hund wurde mit einem weiteren wertvollen Gegenstand im Maul erwischt. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Vater des Mädchens sah den Hund an und stürzte sich auf ihn, um ihn zu packen. Das Mädchen schrie auf und rief dem Hund zu. Es rannte auf ihn zu und jagte ihn in den Wald hinter dem Haus.

Anfangs versuchte der Hund, sich zurück in den Garten zu schleichen, aber die Eltern brüllten ihn an und brüllten auch das Mädchen an, also legte dieses sich auf die Lauer und scheuchte den Hund weg, bevor seine Eltern ihn sahen. Schließlich hörte er auf zurückzukehren.

Am Anfang vermisste das Mädchen seinen Hund schrecklich, als jedoch Wochen und Monate vergingen, fingen die Erinnerungen an zu verblassen, wie wunderbar es gewesen war, wenn sie zusammen gespielt hatten. Das Mädchen begann sogar zu glauben, was die Eltern darüber gesagt hatten, wie böse der Hund gewesen war. Der Frühling kam und andere Freunde kamen zum Haus und fragten, ob es herauskommen würde, um zu spielen. Allmählich vergaß es den Hund vollkommen.

Mehrere Jahre verstrichen und die Familie zog in einen anderen Teil der Stadt. Eines Tages spazierte das Mädchen (das inzwischen fast erwachsen geworden war) am Rande eines tiefen Waldes entlang. Plötzlich nahm es eine Bewegung im dunklen Unterholz am Rande des Weges wahr. Sie war so schwach, dass es nicht sicher war, ob es überhaupt etwas gesehen hatte. Es war jedoch neugierig und obwohl es wenig Zeit hatte, dachte es, dass es wohl ein paar Minuten erübrigen könnte, um stehen zu bleiben und sich die Stelle anzuschauen. Es stand also ganz still und schaute dahin, wo es glaubte, die Bewegung gesehen zu haben. Ja, da war etwas, es konnte es aber nicht genau erkennen. Genau da war etwas, versteckt hinter hohem Gras unter den Bäumen.

Ein Teil von ihm fing an, sich ein wenig zu ängstigen. Was, wenn es ein Bär wäre? Oder ein Wolf? Oder ein Drache? (Ein Teil von ihm war manchmal noch ein ganz kleines Mädchen.) Dann nahm es sich einen Moment, um dieses verängstigte Gefühl anzuerkennen und es wurde innerlich wieder ruhig. Es lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Stelle, wo dieses Etwas war. Jetzt konnte es zwei leuchtende Augen in der Dunkelheit erkennen, die es durchdringend anstarrten. Sehr leise flüsterte es einen Gruß in Richtung der Kreatur: „Hallo. Ich sehe, dass du da bist. Ich werde dir nicht wehtun. Ich bleibe einfach hier drüben.“ Ganz langsam, um ihr keine Angst einzujagen, setzte es sich auf den Boden.

Die Schatten wurden länger und es saß immer noch da, bewegungslos wie eine Statue, und beobachtete einfach den Fleck, wo die zwei Augen leuchteten. Und dann wurde seine Geduld belohnt. Ein haariges Gesicht kam langsam zum Vorschein. Es war so schmutzig, dass man schwer erkennen konnte, um was für ein Tier es sich handelte. Das Mädchen konnte erkennen, dass es Angst hatte, aber auch, dass es sich ihm nähern wollte. Sanft sagte es: „Ich spüre, dass du Angst hast und dass du näher kommen willst“ und es wartete ab, was das Tier als Nächstes tun würde. Auf dem Bauch kriechend bahnte sich die Kreatur ihren Weg vorwärts, bis ihr Kopf fast das Mädchen berührte. Sie war schmutzig. Ihr Fell war mit Dreck verklebt und zottelig. Ein Teil des Mädchens wollte zurückweichen, besorgt, seine Hände und Kleidung schmutzig zu machen. Aber als es in die Augen des Tieres sah, konnte es spüren, wie einsam dieses war, wie sehr es wollte, dass es so, wie es war, akzeptiert wurde. Das Mädchen versuchte zu spüren, auf welche Weise es mit ihm zusammen sein wollte. Es sah so aus, als wollte es von ihm gestreichelt werden. Vorsichtig streckte es die Hand aus, damit es daran schnüffeln konnte. Das Tier leckte ein wenig an seiner Hand und legte seinen Kopf in seinen Schoß. Sanft streichelte das Mädchen seine Ohren. Jetzt, da es aus den Büschen gekommen war, konnte man sehen, dass es ein Hund war – ein abgemagerter, schmutziger, ängstlicher, einsamer Hund.

Wie das Mädchen so mit ihm da saß, begann es zu spüren, dass es etwas Vertrautes an dem Hund gab. Etwas Vertrautes an der Art, wie er ihm in die Augen sah und seinen Kopf in seinen Schoß legte. Während es ihm Gesellschaft leistete, wurde das Gefühl der Vertrautheit größer und größer wie etwas aus einem längst vergessenen Traum. Es erinnerte es an… Was nur?... Oh! Es erinnerte es an seinen wunderschönen Hund. An den, der vor so langer Zeit in Schande davon gejagt worden war. Es konnte sich jedoch unmöglich um denselben Hund handeln. Das war so lange her. Tränen stiegen ihm in die Augen, als es sich daran erinnerte, wie nahe sie sich gestanden hatten, wie viel Freude es beim Spielen mit seinem geliebten Freund erlebt hatte. Es spürte das Verlangen, den Hund zu umarmen, aber als es sich rührte, um die Arme um ihn zu legen, sprang der Hund zurück und knurrte. Er drehte sich um und floh in die Dunkelheit. Das Mädchen erschrak, es erinnerte sich jedoch daran, dass er nur deswegen so handelte, weil er Angst hatte.

Es wurde spät, die Sonne verschwand allmählich am Horizont. Das Mädchen stand auf, doch bevor es fort ging, sagte es in die Dunkelheit: „Danke, dass du gekommen bist. Ich werde zurückkehren, wenn du also wiederkommen und mich sehen möchtest, werde ich hier sein.“

In den folgenden Monaten kehrte das Mädchen viele Male an den Rand des Waldes zurück. Manchmal waren die Augen da und warteten. Manchmal kamen sie, nachdem es schon eine Weile da war. Manchmal kamen andere Kreaturen an den Rand des Waldes. Es wartete geduldig und entwickelte eine Beziehung zu allem, was kam. Der Hund verließ immer vertrauensvoller den Wald, bis eine warme, starke Verbindung zwischen ihnen entstanden war. Das Mädchen brachte Futter für ihn und eine Bürste für sein Fell. Vorsichtig entwirrte es die Zotteln und bürstete den Schmutz aus, bis sein Fell wieder sanft zu schimmern begann. Und vor seinen Augen kam sein geliebter Freund zum Vorschein. Sein keckes Grinsen kehrte zurück. Er fing an herumzutollen, zu laufen und zu spielen. Und eines Tages folgte er dem Mädchen nach Hause.

 

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