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Focusing lernen

Focusing-Blog

In diesem Blog schreibe ich wöchentlich über Focusing und verwandte Themen. 

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Focusing & Introjekte

Posted on October 3, 2017 at 6:00 PM

Kann man mit Focusing an sogenannten "Introjekten" arbeiten? Die Antwort lautet: Ja, sogar sehr gut!


Aus Focusing-Sicht handelt es sich bei einem "Introjekt" um einen Persönlichkeitsanteil, der aufgrund widriger Entwicklungsbedingungen entstanden ist, meistens durch ungünstige Beziehungserfahrungen zu frühen Bezugspersonen. Dieser Teil hat sich häufig das Verhalten und den Ton von unseren Bezugspersonen abgeguckt und spricht und benimmt sich wie diese - in der Regel, um uns vor etwas zu beschützen. Obwohl er redet und handelt, wie eine unserer früheren Bezugspersonen, ist er ein Teil von uns, in den man hineinspüren und mit dem man arbeiten kann.


Ich würde allerdings empfehlen, den Begriff "Introjekt" fallen zu lassen und stattdessen "etwas" zu sagen und dann genau zu beschreiben, wie sich dieses Etwas verhält, z.B.:


"Etwas in mir wird ängstlich/wütend/traurig etc., wenn..."


Begrüßen Sie es dann innerlich:


"Hallo, ich sehe, du bist da!"


Dadurch bekommen Sie ein wenig Abstand, um in das Gefühlsleben dieses Etwas hineinzuspüren und zu verstehen, was es so ängstlich/wütend/traurig etc. macht. Ganz sicher hat es sehr gute Gründe dafür, die vermutlich teilweise ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben.


Hören Sie ihm zu und versuchen Sie - so gut wie Sie das können - Verständnis dafür aufzubringen, dass er so ist, wie er ist. Dadurch können sich solche Teile verwandeln - in ihrem ganz eigenen Tempo.


Gene's letztes Seminar

Posted on May 8, 2017 at 6:00 PM


Am 9. Februar 2017 fand der fünfte und letzte Termin von Ann Weiser Cornells und Gene Gendlins Videoseminar Conversations at the Edge with Gene and Ann statt. Wir waren etwa 25 Teilnehmer. Vermutlich war es das letzte Mal, dass Gene vor seinem Tode ein Seminar gegeben hat.



Gegen Ende arbeitete Gene, wie er das so häufig tat, mit einer Teilnehmerin und begleitete sie bei einem für sie schwierigen Thema. Als Ärger ihr selbst gegenüber in ihr aufstieg, sagte Gene:



"Be gentle! Be gentle! ... There is such a thing as being gentle."



(Frei übersetzt: "Sei ganz sanft dazu! Ganz sanft! Es gibt so etwas wie Sanftsein.")



Wenige Minuten später war das Seminar vorbei. Genes Worte werden mir für immer in den Ohren klingen!


Zum Tode Gendlins

Posted on May 2, 2017 at 11:50 AM









Gestern, am 1. Mai 2017, verstarb unser geliebter und verehrter Gründervater Eugene Gendlin im Alter von 90 Jahren. Er starb friedlich im Beisein zweier enger Freunde und einer Pflegekraft in seiner Wohnung in Spring Valley, New York. Die Beisetzung findet in den nächsten Tagen im Kreise seiner Familie statt. Das International Focusing Institute New York hat eine Webseite zu seinem Gedenken eingerichtet: www.eugenegendlin.com



Es ist sehr schwer in Worte zu fassen, was Genes Tod in mir auslöst. Ich bin ihm persönlich nie begegnet, habe aber an unzähligen Telefon- und Videoseminaren teilgenommen, die er in den letzten sechs Jahren zusammen mit meiner Mentorin Ann Weiser Cornell gegeben hat. An der Wand meines Arbeitszimmers hängt meine Zertifizierungsurkunde vom Focusing Institute New York mit seiner Unterschrift.



Genes wohl größter Verdienst ist die Entdeckung des sogenannten Felt Sense, eines ganz bestimmten Körpergefühls, das in Zusammenhang steht mit einer Lebenssituation. Wenn ich jetzt dorthin spüre, kommt ein warmes Gefühl großer Traurigkeit und vor allem eins: Dankbarkeit!



Danke Gene! Deine Philosophie, die vielen Seminarstunden bei dir und vor allem dein warmes, verständnisvolles Wesen haben meinem Leben eine neue Richtung gegeben, in die ich bis zu meinem eigenen Lebensende weitergehen werde. Danke!

 

Nur eine Sache

Posted on February 14, 2017 at 12:00 PM

Mit Focusing können wir in unser Inneres spüren und erkennen, welche Blockaden unserer Lebensenergie im Wege stehen.


Für mich persönlich sind das häufig Situationen, in denen ich mehrere Dinge gleichzeitig tue. Die Möglichkeit zu kurzfristigem Multitasking ist zwar in unseren Genen angelegt und kann unser Überleben sichern, beispielsweise wenn ich versuche, mit einem potentiellen Angreifer zu verhandeln und gleichzeitig nach einem Fluchtweg suche. Langfristig reibt Multitasking aber unsere Nerven auf und schadet damit uns und unserem Körper. Eine Variante davon besteht darin, eine neue Aufgabe in Angriff zu nehmen, bevor eine alte beendet ist, und diese dann zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen, wodurch wiederum eine andere Aufgabe unterbrochen wird.


Ich bemühe mich daher, immer "nur eine Sache" zu machen - nur einen Handlungsablauf gleichzeitig auszuführen, erst dann eine neue Aufgabe zu beginnen, wenn eine alte abgearbeitet ist. Mittlerweile frühstücke ich erst und lese dann die Zeitung. Entweder fahre ich Auto oder ich höre Radio, aber nicht beides gleichzeitig.


Wenn ich in Stress gerate, hilft mir die Philosophie der "nur einen Sache", meine innere Mitte wiederzufinden. Tatsächlich schaffe ich dadurch nicht weniger als durch Multitasking, sondern ungefähr genauso viel - nur entspannter.

Der gute Ort

Posted on February 7, 2017 at 10:40 AM

Vor so ziemlich genau zehn Jahren, im Jahre 2007, habe ich an einem Focusing-Seminar von Johannes Wiltschko im westfälischen Münster teilgenommen. Ich erinnere mich daran, dass Johannes wenig Theorie vermittelt hat. Stattdessen führte er uns durch zahlreiche Übungen, was mit sehr gut gefiel.


Eine dieser Übungen hieß "Der gute Ort im Körper". Damals war es mir nicht bewusst, aber der positive Effekt, der sich damals einstellte, ist heute, zehn Jahre später, immer noch spürbar und abrufbar. Diese Übung hat einen wirklichen Unterschied in meinem Leben gemacht.


Ich möchte sie Ihnen hier vorstellen und Sie durch die Übung führen. Ziel der Übung ist es, einen Ort im Körper zu finden, eine Stelle, die sich gut anfühlt, oder zumindest neutral, egal, wie mies es im Leben gerade läuft und wie schlecht sich der restliche Körper anfühlt. Eine solche Stelle gibt es immer, man muss sie nur finden und bewusst wahrnehmen. Also:


Machen Sie es sich bequem... Lassen Sie Ihren Körper eine Haltung finden, die sich angenehm anfühlt... Spüren Sie dann Ihren Körper als eine Form, als eine Einheit, im Raum um Sie herum... Lassen Sie dann Ihre Aufmerksamkeit ganz behutsam in Ihren Körper kommen... Vielleicht als Erstes in die Füße... Spüren Sie, was Ihre Füße berühren... Lassen Sie dann Ihre Aufmerksamkeit etwas hinaufgleiten... in die Unterschenkel... die Knie... die Oberschenkel... Spüren Sie den Kontakt Ihres Körpers zur Sitzunterlage... Spüren Sie die Punkte, an denen Ihr Körper die Sitzunterlage berührt... Nehmen Sie wahr, wie Sie gehalten und getragen werden... Und lassen Sie sich in diese Unterstützung hineinsinken... Spüren Sie Ihren unteren Rücken... den oberen Rücken... Ihre Schultern... Nehmen Sie Ihre Oberarme wahr... und die Unterarme... Spüren Sie Ihre Hände... was Ihre Hände berühren... Schließen Sie auch Ihren Kopf mit ein in Ihre Aufmerksamkeit...


Lassen Sie dann ganz sanft Ihre Aufmerksamkeit nach innen gehen... in den Hals... den Brustkorb... den Magen und den Bauch... Und kommen Sie wirklich ganz dort an... dort im Inneren Ihrer selbst... so als wäre dort Ihr Zentrum... Ihr Zuhause... Und spüren Sie dann nach, wo in Ihrem Körper es sich gut anfühlt... gelöst... offen... frei... oder zumindest neutral...


(Und wenn sich zuerst Bereiche melden, die sich nicht gut anfühlen, wo es weh tut, oder verkrampft ist oder etwas arbeitet, dann ist das natürlich okay. Erkennen Sie diese Stellen einfach an: "Ja, so fühlt sich das an dort.")


Halten Sie auch Ausschau an Orten, zu denen Sie gewöhnlich nicht hinspüren, wie etwa die Zehenspitzen oder die Handflächen... Vielleicht finden Sie auch nur einen ganz kleinen Ort, groß wie eine Erbse, und das ist völlig okay... Nehmen Sie sich wirklich viel Zeit dafür, durch Ihren Körper zu wandern, wie durch eine Landschaft...


Und wenn Sie einen Ort gefunden haben, bleiben Sie dort mit Ihrer Aufmerksamkeit... und beschreiben Sie ihn so genau wie möglich... Wie sieht es dort aus... Welche Farben und Formen gibt es... Wie ist die Temperatur... Wie das Körpergefühl... Und welche emotionale Qualität beschreibt die Stimmung dort am besten...


Sobald Sie eine möglichst passende Beschreibung gefunden haben, bleiben Sie eine Weile da und genießen Sie es, einfach dort zu sein, dort an Ihrem ganz persönlichen guten Ort in Ihrem Körper...


Wenn der Zeitpunkt aufzuhören kommt, lassen Sie diesen Ort wissen, dass Sie bald an ihn zurückkehren werden, und bedanken Sie sich bei ihm... Lassen Sie dann Ihre Aufmerksamkeit wieder weiter werden... Nehmen Sie wieder den Raum um sich herum wahr... und kommen Sie zurück...


Durch diese Übung habe ich einen Ort in meinem Körper gefunden, der sich IMMER gut anfühlt, wo ich IMMER Zuflucht finden kann, egal, was um mich herum oder an anderen Stellen in meinem Körper gerade geschieht.


Möge es auch Ihnen gelingen, einen solchen Ort in sich zu finden. Gelingt Ihnen das nicht gleich zu Anfang, machen Sie sich keinen Stress. Suchen Sie einfach nach einer Stelle, an der es sich jetzt gerade angenehm anfühlt oder zumindest neutral. Morgen ist das vielleicht eine andere Stelle. Mit dieser Übung können Sie immer wieder den Weg an einen Ort finden, an dem Sie es gut aushalten können.

Angst zu schwitzen

Posted on January 30, 2017 at 6:00 PM

Schwitzen hat eine wichtige körperliche Funktion. Wenn man sich körperlich anstrengt, bildet sich Schweiß, damit der Körper gekühlt wird und die Leistungsfähigkeit erhalten bleibt.


Auch der sogenannte "Angstschweiß" entsteht aus gutem Grund. Sieht sich der Organismus mit einer Gefahr konfrontiert, mobilisiert er blitzschnell eine Angriffs- oder Fluchtreaktion. Die damit verbundene Veränderung der Körperchemie führt zum Schweißausbruch, was mehrere positive Auswirkungen hat. So wird die Haut unter anderem glitschiger, so dass ein möglicher Feind es schwerer hat, einen festzuhalten. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Angstschweiß eine soziale Funktion erfüllt. Er riecht anders und warnt Gruppenmitglieder vor einer potenziellen Gefahr.


In der heutigen Zeit sehen wir uns - Gott sei Dank - nur selten mit Gefahren für Leib und Leben konfrontiert, auf die wir mit Angriff, Flucht oder der Warnung von Gruppenmitgliedern reagieren müssen. Führt eine angstauslösende Situation zu einem Schweißausbruch, ist das häufig sehr unangenehm. Andere können die Schweißflecken in der Kleidung sehen und den Geruch wahrnehmen.


Es gibt viele wirksame Strategien/Therapien zur Reduzierung von Angst, denn nicht die tatsächliche, reale Gefahr in der äußeren Welt entscheidet darüber, ob eine Angstreaktion ausgelöst wird oder nicht, sondern die subjektive Einschätzung, ob eine Gefahr besteht.


Hier möchte ich einen Sonderfall einer Angstreaktion besprechen, nämlich die Angst vorm Schwitzen. Es ist ein Teufelskreis: Ich habe Angst zu schwitzen, die Angst löst Schweißbildung aus (was physiologisch völlig sinnlos ist), diese Schweißbildung bestätigt die Angst und steigert sie, was wiederum zu weiteren Schweißausbrüchen führt.


Wie kann man diesen Teufelskreis durchbrechen? Der gut gemeinte Hinweis, dass alles nur "Kopfsache" sei, hilft nicht nur nicht weiter, sondern macht alles nur noch schlimmer, denn wenn es mir nicht gelingt, das Problem "vom Kopf her" zu lösen, gesellt sich zum Schweiß und der Angst noch das Gefühl, ein Versager zu sein.


Focusing als körperbasierter Prozess kann diesen Teufelskreis auflösen. Wenn Sie das nächste Mal Angst spüren, in Schweiß auszubrechen, sagen Sie in Ihrem Inneren:


"Ich spüre etwas in mir, das Angst hat zu schwitzen."


Spüren Sie dann nach, ob Sie die Angst in Ihrem Körper wahrnehmen können. Ist sie im Hals, im Bauch, in der Brust oder woanders? Wenn Sie einen körperlichen Ort gefunden haben, legen Sie sanft Ihre Hand auf die Stelle und sagen Sie zu ihr:


"Ich spüre, du bist da. Und ich spüre, du hast Angst zu schwitzen."


(Wenn Sie keinen körperlichen Ort entdecken, ist das auch okay. Erkennen Sie dann mit Hilfe des obigen Satzes einfach an, dass es etwas in Ihnen gibt - irgendwo - das Angst hat.)


Spüren Sie dann ganz genau nach, worauf sich die Angst richtet, was passieren könnte, was nicht passieren soll, wenn Sie schwitzen. Geht es um soziale Ausgrenzung oder darum, dass Sie sich nicht wohlfühlen in Ihrer Haut? Nehmen Sie sich viel Zeit dafür. Es ist wichtig, die Sorgen, was passieren könnte, bis ins letzte Detail zu hören.


Sollten Sie während des Prozesses in Schweiß ausbrechen, erkennen Sie auch das an:


"Ich spüre, dass ich im Bereich xyz anfange zu schwitzen."


Erinnern Sie sich daran, dass Sie nicht die schwitzenden Körperstellen sind und auch nicht das in Ihnen, was Angst davor hat. Sie sind diejenige/derjenige, die/der sich beiden Empfindungen zuwenden kann, sie spüren kann und ihnen, falls nötig, zuhören kann. Diese Trennung zwischen MIR und DEM, WAS ANGST HAT und DEM, WAS SCHWITZT, vermag den Teufelskreis zu durchbrechen.


Wenn Sie sich dabei meine Unterstützung wünschen, schreiben Sie mir!

Focusing auf Trump

Posted on January 23, 2017 at 6:00 PM

Mein ganz persönlicher Focusing-Prozess zum neuen Präsidenten der USA:


Ich lasse meine Aufmerksamkeit ganz zu mir kommen... spüre meinen Körper als ganzen im Raum um mich herum... spüre meine Füße... meine Unterschenkel... meine Knie... meine Oberschenkel... Ich nehme den Kontakt meines Körpers zur Sitzunterlage wahr... den unteren Rücken... den oberen Rücken... spüre meine Oberarme... die Unterarme... die Hände...


Dann lasse ich meine Aufmerksamkeit ganz sanft nach innen gehen, ins Innere meines Körpers... in den Hals... den Brustkorb... den Magen... und den Bauch... Ich komme ganz dort an, dort im Inneren meiner selbst und bleibe ein wenig dort... mit ganz freundlichem Interesse...


Dann erinnere ich mich an mein Thema... den neuen US-Präsidenten... und spüre nach, wie sich dessen Wahl anfühlt, dort im Inneren...


Ich spüre einen Druck in der Brust... Ich überprüfe das Wort "Druck" an dem Gefühl... Ja, "Druck" beschreibt das gut... So als wolle dort etwas heraus... Etwas will schreien... Ich begrüße das... "Hallo, ich sehe du bist da, dort in meiner Brust... Und ich spüre, du willst schreien..." Ich spüre nach, ob es okay ist, etwas Zeit damit zu verbringen... Ja... Ich spüre nach, wie sich das, was schreien will, fühlt - von seinem Standpunkt aus... Es ist ungläubig... und empört... "Das kann doch wohl nicht wahr sein", sagt es... Ich lasse es wissen, dass ich es höre: "Ich spüre, wie ungläubig du bist und wie empört." Es möchte am liebsten um sich schlagen... Auch das spiegele ich ihm zurück. Es möchte laut schreien: "ICH BIN NICHT EINVERSTANDEN!" Und es möchte kotzen... voll auf den Boden, um das schlechte Gefühl loszuwerden... Und dann möchte es die Kotze wegwischen, und es möchte, dass das Thema damit erledigt ist...


Etwas in mir meldet sich und sagt: "So leicht werden wir den aber nicht los." Auch das erkenne ich an und schließe es mit ein in meine Aufmerksamkeit... Das erste, dort in der Brust, sagt: "Dann möchte ich aber wenigstens für Anstand kämpfen, und zwar so richtig laut. Ich möchte laut schreien, um für Anstand und Gerechtigkeit einzutreten." "Anstand" passt gut, spüre ich... "Gerechtigkeit" nicht so ganz... Eher... Wahrheit! Das ist es - Anstand und Wahrheit! Dafür möchte ich kämpfen! Und zwar laut! Ja, das passt...


Jetzt fühlt es sich innerlich schon viel besser an!

Selbst-Mitgefuehl entwickeln

Posted on January 16, 2017 at 6:00 PM

Mitgefühl ist eines der wirksamsten Gegengifte für alle Arten des Leidens. Sicher haben Sie das selbst schon einmal erlebt: Sie fühlen sich schlecht, treffen dann jemanden, dem Sie Ihr Herz ausschütten, Ihnen wird Mitgefühl und Verständnis entgegengebracht und plötzlich fühlen Sie sich deutlich besser. Nicht umsonst heißt es: "Geteiltes Leid ist halbes Leid."


Doch leider bekommen die meisten Menschen in unserer Gesellschaft viel weniger Mitgefühl und Verständnis, als sie es eigentlich bräuchten. Der Gedanke "wer leidet, ist selber schuld" ist uns so tief eingeimpft worden, dass nur die wenigsten von uns in der Lage sind, anderen Mitgefühl zu geben, ohne sie gleichzeitig für ihr Leid zu verurteilen und zu kritisieren. Umso wichtiger ist es zu lernen, wie man Mitgefühl für sich selbst entwickelt. Hier drei Schritte, die Sie auf dem Weg unterstützen können:




1. Es ist hilfreich, zwischen mir und dem in mir, das leidet, zu unterscheiden. Folgende Formulierung hat sich dabei bewährt:


"Ich spüre ETWAS in mir, das ... [leidet, Schmerzen hat, traurig ist, ängstlich ist etc.]


2. Erinnern Sie sich an eine Situation in Ihrem Leben, in der Ihnen ein anderer Mensch echtes Mitgefühl entgegengebracht hat. Spüren Sie in Ihrem Körper, wie sich das angefühlt hat. Lassen Sie das Gefühl voll und ganz da sein, in Ihrem Körper, und saugen Sie es ganz in sich auf.


Oder: Denken Sie an einen Menschen, für den SIE Mitgefühl empfinden. Wie fühlt sich das auf körperlicher Ebene an? Spüren Sie das Körpergefühl, vermutlich ist es irgendwie warm und fließend, und nehmen Sie es ganz in sich auf.


3. Richten Sie dann die Mitgefühl-Energie, die Sie bei Schritt 2 gesammelt haben, auf das Etwas in Ihnen, das leidet. Finden Sie einen Satz, der Ihr Mitgefühl für den Teil von Ihnen, dem es nicht gut geht, ausdrückt, z.B.:


"Ich spüre, wie sehr du leidest."


"Ich bin bei dir."


"Mögest du weniger leiden!"


"Ich kümmere mich um dich."


etc.




Falls im Laufe des Prozesses Gedanken auftauchen, wie "Ich habe kein Mitleid verdient", erkennen Sie diese an:


"Etwas in mir sagt, dass ich kein Mitleid verdient habe. Auch das ist da."


Die oben genannten Schritte sind keine Zauberformel, die Ihre Beziehung zu sich selbst von heute auf morgen umkrempelt. Das Maß an Mitgefühl eines Menschen für sich selbst ist abhängig von dem Mitgefühl, das Bezugspersonen ihm im Laufe seiner Entwicklung entgegengebracht haben. Wenn Ihre Bezugspersonen Ihnen nicht genug gegeben haben, scheuen Sie nicht davor zurück, sich neue Bezugspersonen zu suchen, eventuell sogar Therapeuten oder Trainer, die Mitgefühl für Sie haben und Sie dabei unterstützen, dieses Mitgefühl auf sich selbst zu übertragen.


Dabei und auf dem Weg dorthin können die oben genannten Schritte wertvolle Dienste leisten.

 

 

 


 

Gendlin & Trump

Posted on January 10, 2017 at 9:50 AM

Am 20. Januar wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt - Donald Trump. Die Wahl Trumps am 8. November 2016 hat große Bestürzung und Verunsicherung in der Focusing-Gemeinschaft ausgelöst, vor allem in den USA. Trump steht für so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Focusing-Leute für richtig halten: Respektlosigkeit, Mangel an Empathie, Ausgrenzung etc.


In der Regel sind die Diskussionen in Focusing-Kreisen relativ unpolitisch. Im November 2016 wurde in den Gesprächsrunden mit Gene Gendlin, an denen ich teilgenommen habe, aber immer wieder das Thema Trump angesprochen. Gendlin selbst sagt, dass er nur schwachen Trost bieten könne. Er habe immer schon gewusst, dass die Hälfte des Landes rassistisch sei. Er vermutet, dass Trump als Präsident verantwortungsvoller handeln wird als im Wahlkampf. Wäre er nicht gewählt worden, so Gendlin, wären Trump und seine Anhänger auf die Straßen gegangen. Und das wäre vielleicht noch schlimmer geworden, sagt Gendlin. Er selbst habe es als Kind erlebt, was passiert, wenn Menschen wie Trump durch die Straßen ziehen. (Gendlin stammt aus einer jüdischen Familie und floh zusammen mit seinen Eltern aus Wien, als die Nazis die Macht übernahmen.)


Gendlin hat recht: All das ist nur ein schwacher Trost. Dass jemand wie Donald Trump Präsident der USA und somit der mächtigste Mann der Welt werden kann, ist für mich unerträglich. In Zeiten wie diesen ist es noch wichtiger, für Werte wie Mitmenschlichkeit, Mitgefühl, Akzeptanz etc., die auch der Focusing-Haltung zugrunde liegen, einzutreten und zu kämpfen! 

Positives & Negatives gleichzeitig wahrnehmen

Posted on January 2, 2017 at 6:00 PM

Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass man entweder positive Gefühle haben kann oder negative oder dass die Gefühle irgendwo im Bereich dazwischenliegen. Und dann kam mein erster Focusing-Workshop (bei Michael Helmkamp im Münster).


Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, in dem ich auf dem Boden auf einer Matte saß, meine Augen waren geschlossen, die Sonne schien mir ins Gesicht und ich spürte eine Enge, eine Verkrampfung in der Brust. Und dann wurde mich bewusst, dass sich mein Bauch wunderbar frei anfühlte, leicht und locker. Mir wurde bewusst, dass sich etwas in mir, ein Bereich in meinem Körper, negativ anfühlte und ein anderer Bereich positiv. Wir konnte das sein?


Vermutlich war das schon immer so, ich hatte es nur nicht wahrgenommen. Entweder hatte ich das Angenehme gespürt und das Unangenehme ausgeblendet (obwohl es dann natürlich trotzdem noch da war und für Unbehagen gesorgt hat) oder umgekehrt. Seitdem weiß ich, dass es absolut möglich ist, mehrere, eventuell sogar völlig gegensätzliche Gefühle in sich zu tragen.


Und diese Erkenntnis birgt ungeahnte Möglichkeiten. Wenn sich etwas in mir schlecht fühlt, gibt es in der Regel auch einen Bereich, der sich gut anfühlt. Wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit dorthin gehe und dort ein wenig bleibe, fällt es mir leichter, mich dem Schlechten zuzuwenden. Wenn ich mich überwiegend gut fühle und bewusst anerkenne, dass es auch etwas in mir gibt, das sich nicht so gut fühlt, wenn ich einen Raum schaffe, in dem das schlechte Gefühl sein darf, vergiftet es nicht das Angenehme in mir und ich kann es voll genießen - obwohl gleichzeitig auch das Unangenehme da ist.


So lässt sich das Leben viel besser aushalten!

Den Blick auf Positives richten

Posted on December 26, 2016 at 6:00 PM

Sind unsere Gedanken wirklich frei? Nicht völlig, denn ein Teil von ihnen wird generiert, ohne dass wir Einfluss darauf haben. Jeder kennt das: Es steigen Gedanken auf, die man eigentlich lieber nicht hätte, sie drehen sich im Kreise, wie ein Karussell, und man kann sie nicht stoppen, egal, wie sehr man sich auch anstrengt.


Was auf jeden Fall frei ist, ist unsere Aufmerksamkeit. Wir selbst entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und worauf nicht. Wir selbst entscheiden, womit wir uns beschäftigen und was wir ignorieren. Allerdings ist es so, dass vor allem das Negative in unserem Leben unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht wie ein Sog, dem man nur schwer entkommen kann. Der Grund dafür ist evolutionsbedingt. Unsere Vorfahren mussten sich sofort dem Negativen in ihrer Umwelt zuwenden, um zu überleben. Die Gefahren der grauen Vorzeit duldeten keinen Aufschub.


In der heutigen Zeit ist das anders. Unser Leben ist nicht mehr so gefährlich wie vor tausenden von Jahren. Trotzdem sorgt unser genetisches Erbe dafür, dass das Negative schnell von uns Besitz ergreift und uns nicht mehr loslässt. Im Focusing treten wir mit solchen Empfindungen auf eine Art und Weise in Beziehung, die es ihnen ermöglicht, sich zu wandeln und unseren Lebensfluss voranzutreiben.


Für mich persönlich ist es jedoch immer wichtiger geworden, meine Aufmerksamkeit auch ganz bewusst auf das Positive zu richten - sowohl in mir selbst als auch um mich herum. Was fühlt sich gut an in mir? Was ist offen und weit und voller Energie? Und wo in meinem Körper spüre ich das? Was in meiner Umgebung schenkt mir Kraft und Freude und welche Resonanz löst das in mir aus?


Mich dem Sog des Negativen zu entziehen und dem Positiven nachzuspüren und ihm Raum zu geben erfordert eine gewisse Anstrengung, eben weil die Tendenz, den Blick auf das Negative zu richten, in unseren Genen liegt. Doch die Anstrengung lohnt sich, denn so stärke ich meine Lebensfreude und meine inneren Ressourcen. Und die brauche ich, um mich dann mit neuer Frische dem Negativen in mir und der Welt zu stellen.


Für 2017 habe ich mir jedenfalls vorgenommen, meine Aufmerksamkeit noch bewusster auf all das Positive und Freudvolle in mir und meinem Leben zu richten.


Nächste Woche schreibe ich darüber, wie es möglich wird, etwas Positives zu spüren, wenn gleichzeitig auch negative Empfindungen da sind.

 

 

 


Gene Gendlin wird 90 !!!

Posted on December 25, 2016 at 6:00 PM

Gene Gendlin, der Begründer von Focusing, feiert heute seinen 90. Geburtstag! Er lebt nach wie vor in seiner eigenen Wohnung in New York, wo er rund um die Uhr von Pflegekräften betreut wird. Trotz seiner körperlichen Gebrechlichkeit ist sein Verstand immer noch messerscharf und er arbeitet weiter. Manchmal, so sagt er, ist er selbst überrascht, dass er noch da ist. Möge das möglichst lange so bleiben!

"Etwas in ihr/ihm"

Posted on December 24, 2016 at 9:05 AM

Im Focusing wenden wir uns unserem inneren Erleben zu und treten damit auf eine bestimmte Art und Weise in Beziehung. Dabei hat es sich als hilfreich erwiesen, das, was wir spüren, zunächst als "etwas" zu bezeichnen, z.B.: "Etwas in mir ist aufgebracht." Dadurch wird deutlich, dass es sich "nur" um etwas in mir handelt, und nicht um mich als ganzer Mensch. "Etwas in mir ist aufgebracht und ICH bin auch da. ICH kann mich dem Etwas in mir, das aufgebracht ist, zuwenden und ihm zuhören."


Natürlich ist das auch bei anderen Menschen so. Mir persönlich hilft es, das Etwas in anderen Menschen zu sehen, das gerade aktiv ist, vor allem dann, wenn diese Menschen ein Verhalten an den Tag legen, das ich nicht verstehe oder schwierig finde. Es handelt sich um "etwas" in dieser Person, "etwas in ihr oder ihm", das zu diesem Verhalten führt, nicht um den eigentlichen Menschen. Der eigentliche Mensch ist der, der mich anschaut, der hinter den Augen, wie es Gendlin einmal formuliert hat.


Diese Perspektive unterstützt mich dabei, dass das Etwas in der anderen Person nicht "etwas" in mir auslöst, das dann seinerseits ungünstig reagiert. In vielen Situationen halte ich so das schwierige Verhalten anderen Menschen aus und kann besonnen damit umgehen.

Selbst-Zuwendung

Posted on December 12, 2016 at 6:00 PM

In einer Telefonkonferenz am 20.10.2016 sagte Gene Gendlin, der Vater von Focusing:


"Ich habe diese Annahme, dass fast jeder ohne genug Zuwendung aufgewachsen ist. Also bist du vermutlich ohne genug Zuwendung großgeworden. Dann ist es schwer, dir selbst Zuwendung zu geben. Das ist eine brandneue Idee - sich selbst Zuwendung zu geben."


Wie macht man das eigentlich - sich selbst zuzuwenden? Hier ist ein guter Anfang:


Wenn Sie das nächste Mal eine Emotion empfinden, spüren Sie nach, wo in Ihrem Körper Sie diese Emotion wahrnehmen. Legen Sie dann sanft Ihre Hand auf die Stelle und sagen Sie zu ihr: "Ich spüre, du bist da."

The Larger System

Posted on December 5, 2016 at 2:35 PM

Auf die Frage nach Gott antwortet Eugene Gendlin, der Begründer von Focusing, dass es etwas gibt, das größer ist als wir selbst - "Das größere System" ("The Larger System").


Dieses Größere ist laut Gendlin immer schon da. Wir sind in ihm und es ist in uns. Wäre es nicht da, könnten wir nicht atmen, nicht gehen, nicht leben, erklärt Gendlin. Doch wenn wir versuchen, in Worte zu fassen, was dieses System ist, wenn wir versuchen, es zu definieren, so Gendlin, kommt dabei nur "Bullshit" heraus. Wenn wir uns einen "Gott" vorstellen und Konzepte aufstellen, um wen oder was es sich dabei handelt, verlieren wir den Kontakt dazu. Und darum geht es eigentlich. Es geht darum, uns damit zu verbinden, es in uns und um uns herum zu spüren.


Genau das ermöglicht Focusing. Focusing ist nicht nur (aber auch) ein Instrument der Selbsthilfe und eine Methode in der Psychotherapie. Es eröffnet uns ebenfalls eine ganz konkret spürbare spirituelle Dimension. Es ermöglicht uns zu spüren, dass wir mit allem um uns herum verbunden sind. Ich persönlich kann und möchte nicht ohne diese spirituelle Dimension leben.

Koerperlicher Schmerz

Posted on November 23, 2015 at 9:50 AM

Der Umgang mit körperlichem Schmerz ist einer der klassischen Anwendungsbereiche von Focusing. In einer Telefonkonferenz am 19.11.2015 gab Gene Gendlin, der Begründer von Focusing, eine Antwort auf die Frage, wie Focusing bei Schmerzen helfen könne, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Die Antwort ist so wunderschön, dass ich sie hier zitieren möchte (meine Übersetzung):




"Der Körper kann in Verbindung treten - aber du musst es ausprobieren, es funktioniert nicht immer - der Körper muss in Verbindung treten mit der größeren Welt, deren Teil wir sind. Es gibt eine riesig große Welt, von der du weißt, dass du dazu gehörst. [...]


Und dann gibt es eine Art und Weise, wie sich der Körper - genau hinter dem Bauch, hinter dem Bauchnabel, hinter dem Solarplexus - mit der Welt verbindet. Der Körper, kannst du einen Augenblick in dem Körper sein? [...]


Und lass dann den Körper sich mit der größeren Welt verbinden. Du weißt, dass er das tut, natürlich. Du kannst den Körper sich verbinden lassen mit der größeren Welt. [...]


Es kann eine lindernde Wirkung haben, wenn der Körper in Verbindung tritt mit dem riesigen Raum um dich herum. [...]


Es gibt eine größere Welt. Es gibt eine riesige Welt, in der wir schon sind. Und wenn sich das Körpergefühl damit verbinden kann, kann es hinausfließen und das kann ein wirkliches Ereignis sein. [...]


Manchmal fängt es damit an, die Lehne deines Stuhles zu spüren und den Boden unter deinen Füßen und dann wird dir klar: 'Oh, ich stecke nicht nur in der Körperhülle. Ich bin auch Teil dieser riesig großen Unendlichkeit. Ich bin schon Teil davon.'"




Lesen Sie auch einen älteren Blogeintrag über Focusing und Schmerz: hier klicken

Zweiter Focusing-Roman erschienen

Posted on March 23, 2015 at 7:00 PM

Als Karl sein Referendariat am altehrwürdigen Descartes-Gymnasium antritt, beginnt für ihn ein echter Höllentrip. Ausgelöst durch den Zusammenprall mit der Schulwirklichkeit, plagen ihn immer wieder innere Konflikte. Und dann ist da noch seine Fachleiterin, die er einfach nicht versteht...


Doch mit Hilfe von Focusing, einer bewährten Methode der inneren Achtsamkeit, gelingt es Karl, sich seinen Dämonen zu stellen und sein Leben in den Griff zu bekommen.


Auf humorvolle Art und Weise begleitet der Erzähler den Leser durch die faszinierenden Schlachtfelder menschlicher Zerrissenheit und erläutert deren Dynamik und Ursachen. Außerdem zeigt er ganz konkret, wie die einzelnen Kriegsparteien in die Ganzheit des Ichs zurückgeführt werden können.


Buch kaufen: Innere Konflikte lösen mit Focusing: Ein Kurzroman

Emotionaler Schmerz

Posted on March 16, 2015 at 7:00 PM

Die meisten Menschen versuchen sich abzulenken, wenn sie emotionalen Schmerz spüren. Und das ist ganz verständlich. Schließlich fühlt sich emotionaler Schmerz ziemlich unangenehm an. Was spricht also dagegen, sich ein Stück Kuchen zu gönnen oder einen Schluck Wein oder einen guten Film im Kino?


Eigentlich nichts, es sei denn, dass der Kuchen, der Wein und der Film als dauerhafte Strategien verwendet werden, um dem emozionalem Schmerz grundsätzlich auszuweichen. Warum? Weil der Schmerz eine Botschaft enthält, die gehört werden will. Der Schmerz ist etwas, das unser Körper uns schickt, weil es im Leben nicht so läuft, wie es eigentlich laufen sollte.


Wie kann uns Focusing dabei helfen, dem emotionalem Schmerz zu begegnen und seine Botschaft zu entschlüsseln? Das Geheimnis ist, dass der emotionale Schmerz nie alleine da ist, sondern immer auch eine körperliche Qualität hat. In diese körperliche Qualität können wir hineinspüren. Und sobald wir das tun, befinden wir uns in einer anderen Welt. Wo spüre ich den emotionalen Schmerz? Vielleicht im Herzbereich? Und wie fühlt er sich an? Eventuell wie ein großer schwarzer Stein? Hat er eine Farbe und eine Form? Wenn ich mich auf dieser somatischen Ebene befinde, fühlt sich der Schmerz mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ganz anders an und ist möglicherweise gut auszuhalten. Vielleicht werde ich sogar neugierig darauf, was er mir mitteilen möchte.


Wenn wir auf diese Weise dem emotionalen Schmerz auf somatischer Ebene begegnen, kann er Schritte machen und uns seine Bedeutung enthüllen. Wie genau diese Schritte aussehen und wie sie unterstützt werden können, darum geht es beim Focusing-Prozess.


Nutzt man diesen, um sich allem im Innern mutig zuzuwenden, spricht auch nichts mehr gegen den Kuchen, den Wein und den Film.;)

Die "dunkle Seite"

Posted on March 9, 2015 at 7:00 PM

Viele Menschen glauben, dass sie eine "dunkle Seite" haben, dass es einen Bereich in ihrem Seelenleben gibt, dem man möglichst keinen Raum geben sollte und von dem man sich besser fernhält. Tatsächlich kann niemand die Destruktivität bestreiten, zu der Menschen fähig sind. Wenn man in den heutigen Tagen die Nachrichten schaut, wird man überflutet von all dem Horror, der in der Welt existiert.


Aus Focusing-Perspektive möchte ich dazu zwei Aussagen machen: 1.) Die Wahrnehmung, dass es eine dunkle Seite im Menschen gibt, ist da und braucht Aufmerksamkeit. 2.) Es gibt keine "dunkle Seite" der Seele, sondern nur eine unbeleuchtete, in der sich möglicherweise Aspekte eines Menschen befinden, die nicht genug Tageslicht bekommen haben, um sich zu entwickeln. Beide Aussagen erkläre ich im Folgenden.


Die Wahrnehmung einer dunklen Seite weist nicht darauf hin, dass es etwas von Natur aus "Schlechtes" im Menschen gibt, sondern darauf, dass es einen Teil in ihm gibt, einen Aspekt seiner Persönlichkeit, der Angst hat vor einem anderen Teil der Person und ihn als "dunkel" bezeichnet. Nur aus der Sicht dieses zweiten Teils handelt es sich um etwas Dunkles. Viele Menschen sind jedoch mit dem verängstigten Teil identifiziert und nehmen ihre innere Welt aus dessen Perspektive wahr. Sie müssen zunächst dabei unterstützt werden, aus der Identifikation herauszutreten, beispielsweise so:


"Sie spüren, dass etwas in Ihnen Angst hat vor etwas anderem in Ihnen und es als 'dunkel' bezeichnet. Vielleicht mögen Sie sich beiden zuwenden und beiden 'Hallo' sagen."


Gelingt es der Person, beiden Teilen gegenüberzutreten und beide in ihrer Aufmerksamkeit zu halten - gleichzeitig - kann sie in die Sorge des verängstigten Teils hineinspüren und erforschen, wovor sich dieser so fürchtet, was er nicht will. Sobald der verängstigte Teil den Weg frei gibt, kann sie sich dem Bereich bzw. dem Teil zuwenden, der als "dunkel" etikettiert wurde und das Scheinwerferlicht ihrer Aufmerksamkeit auf ihn richten. Möglicherweise ist dieser Teil/Bereich zunächst ziemlich hässlich. Sobald jedoch das Sonnenlicht und die Wärme unserer Aufmerksamkeit auf ihn fallen, kann er sich zu dem entwickeln, zu dem er eigentlich bestimmt ist. Und das ist mit Sicherheit etwas Wunderschönes.


Mit anderen Worten: Die Wahrnehmung, dass es eine dunkle Seite in uns gibt, stammt von einem Teil von uns, der Angst hat. Dieser verhindert, dass wir uns dem zuwenden, was als "dunkel" bezeichnet wird, und ihm Raum geben, so dass es sich entwickeln kann. Beide Teile/Bereiche - sowohl der, der sich fürchtet, als auch der, vor dem er sich fürchtet - brauchen unsere Aufmerksamkeit.


Je mehr Menschen dazu fähig und bereit sind, desto weniger Destruktivität gibt es in der Welt. 

Begleitetes Focusing leichter

Posted on March 2, 2015 at 6:00 PM

Seit dem Verfassen des Blog-Eintrags der letzten Woche hat Gendlin klargestellt: Focusing allein ist nicht NICHT Focusing.;) Für die meisten Menschen entfaltet Focusing jedoch erst seine maximale Kraft, wenn sie beim Fokussieren begleitet werden.


Wenn ich meinem Focusing-Partner sage: "Ich bin traurig" und er mir zurücksagt: "Du spürst, etwas in dir ist traurig", erschafft er dadurch das, was Gendlin "direct referent" nennt - einen direkten Bezugspunkt: Wo spüre ich das eingentlich? Im Bauch oder in der Brust? Und ist "traurig" überhaupt die richtige Beschreibung? Will ich diese Fragen beantworten, muss ich nach innen gehen und nachspüren. Ich muss mich meinem Felt Sense zuwenden.


Dieser entsteht häufig jedoch erst in der Interaktion mit einem Gegenüber. Wenn ich allein bin, dann bin ich oft einfach nur traurig. Erst wenn mir jemand zurücksagt: "Du spürst, etwas in dir ist traurig", entsteht ein inneres Etwas, in das ich hineinspüren kann und in dem noch unendlich viel mehr liegt...


Doch auch hier gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel. Einigen Menschen fällt es leichter, einen Felt Sense entstehen zu lassen und sich ihm zuzuwenden, wenn sie ganz für sich sind. Ich persönlich gehöre nicht dazu. Doch auch ich kann und will nicht auf Focusing allein verzichten


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